General Motors / Saab

Wertewandel in Schweden

19. April 2005, 23:53

Das Schicksal des zu General Motors gehörenden schwedischen Autobauers Saab stand lange Zeit auf der Kippe. GM-Vize Bob Lutz will die Produktion der Marke in den nächsten fünf Jahren verdoppeln.

Cadillac BLS: Das Saab-Werk soll dieses neue GM-Produkt bauen.
Cadillac BLS: Das Saab-Werk soll dieses neue GM-Produkt bauen.
Von Michael Rehsche, Trollhättan

Hinter den Kulissen fand ein harter Kampf um Industriestandorte und Arbeitsplätze statt. Gerade auf den Genfer Automobilsalon hin fällte dann eine Arbeitsgruppe von GM, das so genannte Global Product Board (siehe Kasten) unter der Leitung von Robert (Bob), Lutz eine Entscheidung. «Wir glauben, dass die schwedische Art, Autos zu bauen, auch in Zukunft genügend Anhänger finden wird, um die Marke zu erhalten», erklärte der gebürtige Schweizer Lutz die Strategie, die innerhalb des GM-Konzerns und vor allem in der Adam Opel AG nicht unumstritten ist.

Hinter Lutz’ beruhigenden Worten verbirgt sich eine harte Realität: Mit der Lancierung der neuen Modellgenerationen Saab 9-3 und 9-5, etwa ab dem Jahre 2008, verlagert GM einen Teil der Produktion ins Opel-Werk nach Rüsselsheim. In Deutschland rollen danach in erster Linie Modelle in hohen Stückzahlen vom Band, während dem schwedischen Werk Saab-Varianten der Premiumklasse vorbehalten bleiben. Um die Kapazität in Trollhättan für die nächsten Jahre besser auslasten zu können, hat GM den Schweden zudem die Produktion des neuen, kleinen Cadillac BLS (Spitzname «Baby-Cadillac») zugesprochen, der ausschliesslich in Europa verkauft wird.

Saab muss die Strategie ändern

«Trotz dieser Pläne soll Saab in Zukunft keineswegs eine Rolle am Rande spielen», gab Bob Lutz dem TA gegenüber zu verstehen. Es sei geplant, die Produktion der schwedischen Modelle zu verdoppeln, von heute rund 120 000 auf 250 000 Fahrzeuge in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Bob Lutz führte weiter aus: «Saab darf nicht länger das Image einer Automarke pflegen, die sich hauptsächlich an Intellektuelle wendet. Denn als Autoboutique hat die Marke keine Überlebenschance.» Diese Strategie habe General Motors Jahr für Jahr 500 Millionen Dollar gekostet.

Dass es General Motors ernst ist mit der neuen Strategie und dass die Zusage von der Eigenständigkeit der Marken nicht einfach eine Worthülse ist, bewiesen Bob Lutz und seine Taskforce mit den zuletzt gezeigten, neuesten Kreationen, dem Saab 9-3 Sport-Kombi und dem kleinen Cadillac BLS. Beide Fahrzeuge teilen bereits verschiedenste Komponenten. Und trotzdem: Unterschiedlicher im Aussehen könnten zwei Autos kaum sein, sicher auch zur Erleichterung der Anhänger der Schweden-Marke Saab.

Für Saab sieht die Zukunft also keineswegs so trüb aus, wie das noch vor Monaten den Anschein hatte. Kommt hinzu, dass in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts verschiedene Neuheiten neben den bekannten Reihen 9-3 und 9-5 geplant sind. Darunter ein Sport Utility Vehicle (SUV) und ein so genanntes Crossover-Fahrzeug, vergleichbar mit dem XC90 des Schweden-Konkurrenten Volvo. Beide neuen Saab-Modelle dürften im Premiumsegment angesiedelt sein und würden demzufolge in Trollhättan gebaut.

Ein weiterer Grund für die Zuversicht bei Saab: Auch Volvo konnte seine Eigenständigkeit mit Erfolg bewahren, obwohl diese Marke zum amerikanischen Ford-Konzern gehört.

Saab 9-3 Sportkombi
Saab_9-3_Sportkombi Der am Autosalon in Genf erstmals gezeigte neue Saab wird ab Herbst dieses Jahres verkauft. Das Einstiegsmodell, so viel ist heute bekannt, ist mit einem Reihenvierzylinder-Saugmotor ausgestattet. Das Aggregat leistet 122 PS/110 kW. Der Basispreis wird nach Angaben von GM Schweiz 38'800 Franken betragen.
In der Top-Version kommt ein V6-Turbomotor (250 PS/184 kW) zum Einsatz. Derselbe Motor wird auch im Modell Saab 9-5 Aero Wagon eingebaut. Als Treibstoff ist für dieses Fahrzeug neben Benzin auch Äthanol vorgesehen, was auf dem westeuropäischen Markt im Premiumsegment eine Premiere bedeutet. Ausserdem ist noch ein 1.8-Liter-Benziner (122 PS/90 kW) sowie ein 1.9-Diesel (TiD) mit Turboaufladung und 120 PS/88 kW geplant. Als Getriebe stehen ein Automat und eine Schaltversion mit sechs Gängen zur Auswahl.
Der Sportkombi 9-3 wird wie die anderen Saab-Modelle vorerst im schwedischen Trollhättan gebaut. Die neue Produktionsaufteilung (siehe Bericht oben) kommt erst in etwa drei Jahren zum Tragen. (reh)
Global Product Board
Die GM-Arbeitsgruppe unter der Leitung von Bob Lutz beschäftigt sich in der Hauptsache mit drei Problemen:
  • Entwicklung von einheitlichen Plattformen für Fahrzeuge, die auf verschiedenen Märkten verkauft werden sollen.
  • Entwicklungsabteilungen und Designzentren sollen weltweit auf wenige Stützpunkte zusammengezogen werden.
  • Kostenreduzierung durch Vereinheitlichung von Plattformen und technischen Komponenten. (reh)
  • «Grösse ist nicht alles»
    Bob Lutz übte im TA-Gespräch auch Selbstkritik, was die Lage des GM-Konzerns betrifft. Hier einige seiner pointierten Bemerkungen.

    «General Motors wird erst dann zu einem wirklich global agierenden Unternehmen, wenn die geplanten Restrukturierungsmassnahmen, die sich keineswegs auf Bodengruppen beschränken, sondern auch Design, Motorenentwicklung, Komponenteneinkauf und nicht zuletzt Produktionsstandorte umfassen, realisiert worden sind.»

    «Wir waren zwar bisher nach Zahlen der weltweit grösste Automobilhersteller, doch weit entfernt von einer wirklich global auftretenden Gesellschaft.»

    «Bisher haben sich die verschiedenen GM-Konzern-Marken völlig losgelöst von einer gemeinsamen Strategie auf den einzelnen Märkten bewegt, was nicht zuletzt in Europa zu unannehmbaren Verlusten geführt hat. Das hat dann auch zur Folge gehabt, dass die Konkurrenten, allen voran Toyota, General Motors Marktanteile abgenommen haben.»

    «Toyota ist mit Abstand der am besten organisierte globale Automobilhersteller.»

    «Wann die Japaner General Motors als weltweit grössten Autokonzern ablösen werden, ist lediglich eine Frage der Zeit. Es wird aber schlussendlich nicht auf die Grösse, sondern auf die Qualität und Kundenzufriedenheit ankommen. Und auf diesen Gebieten unternimmt General Motors grosse Anstrengungen.» (Aufgezeichnet: reh)

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