Auto

Fiat 500

Sonne im Herzen mit dem Cinquecento

19. Juni 2007, 16:59

Mit dem Cinquecento hat Fiat das «süsse Leben» auf Rädern erfunden. 50 Jahre nach dem Debüt des Fiat 500 hat der Mini seinen Charme nicht verloren – und im Juli kommt der Neue.

Klassik oder Moderne: Zwischen dem getesteten Fiat 500 von 1971 und dem Neuling, der am 4. Juli Weltpremiere feiert, liegen 36 lange Jahre.
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Von Thomas Geiger

Europa in den 50er-Jahren: Das Wirtschaftswunder gewinnt an Fahrt, die Portemonnaies füllen sich ganz langsam, und auch der gemeine Arbeiter denkt wieder an Urlaub. Das Land der Sehnsucht heisst Italien, und der Weg zum «dolce vita», dem süssen Leben, führt über Brenner und Gotthard. Die meisten machen sich dorthin im Opel Rekord, im Ford Taunus oder im VW Käfer auf, doch in der Gegenrichtung sehen sie immer häufiger einen ebenso kleinen und charmante Winzling, der asthmatisch über die Alpen klettert: den Fiat 500.

Er war Italiens Antwort auf Käfer, Ente oder Mini und steht auf der einen Seite für die preiswerte Massenmobilisierung im Stiefelstaat. Auf der anderen Seite ist er neben Pizza, Spaghetti und Lambrusco in der Korbflasche aber auch einer der ersten Exportschlager, mit dem sich der Norden ein Stück italienischer Lebensart und viel Urlaubsflair in den Alltag rettet. Denn viele der knapp vier Millionen bis 1977 gebauten 500er sind in Rümlang statt Rimini, in Männedorf statt Milano und in Bassersdorf statt Bologna unterwegs – und das nicht nur im Dienst der Gastarbeiter und Pizzabäcker. Auf diese Karte setzt Fiat jetzt erneut. Denn als lebenslustigen Bruder des Panda bringen die Italiener in ein paar Wochen eine Neuauflage des Fiat 500 an den Start. Grund genug, noch einmal einen Blick auf das Original zu werfen.

30 Zentimeter länger als ein Smart
Und das hat auch 50 Jahre nach seinem gefeierten Debüt am 3. Juli 1957 nichts von seinem Charme verloren: Nach wie vor genügt ein Blick in das freundliche Gesicht des kleinen Fiat, schon gehen die Mundwinkel nach oben, und irgendwo ganz hinten im Gedächtnis tönt ganz leise «O sole mio». Mit diesem Lied im Kopf beginnt die Sitzprobe, die weniger mühsam ist als erwartet: Obwohl der Fiat 500 mit seinen 2,97 Metern nur 30 Zentimeter länger ist als der Smart und trotzdem vier Plätze bietet, muss sich der Fahrer kaum zusammenfalten. Die dünnen Stühlchen – ohne Kopfstütze und Gurt – kann man so weit nach hinten schieben, dass selbst der üppige Genuss von Pizza und Pasta einem die Fahrfreude nicht verdirbt. Bei einem Radstand von 1,84 Metern reicht es hinten für die Bambini, und was vorn alles unter die Haube passt, lässt einen Copperfield an seinen Fähigkeiten zweifeln.

Hat man sich erst tief nach unten in die Polstersesselchen plumpsen lassen, fallen die Hände wie von selbst auf ein spindeldürres Lenkrad, das gross und weiss im Raum steht. Die Füsse suchen ihren Platz auf den winzigen Pedalen, die schon mit Schuhgrösse 39 kaum mehr einzeln zu treten sind, und der Blick schweift über ein feuerrot lackiertes Armaturenblech, an dem sich die Ergonomen heute mal ein Beispiel nehmen könnten. Auch ohne i-Drive, MMI- oder Command-System ist das Bediensystem des Fiat 500 so aufgeräumt, wie ein Bediensystem nur aufgeräumt sein kann: Drei Schalter, drei Kontrollleuchten, zwei Hebel neben dem Lenkrad, ein kreisrunder Tacho direkt vor der Nase, eine kleine Handpumpe für die Scheibenwaschanlage und sonst nur noch lackiertes Blech – das nennt man übersichtlich.

Trotzdem muss man den Anlasser erst einmal suchen. Denn wer nur den dürren Blechschlüssel ins Zündschloss steckt, hört aus dem Heck nur Stille. Erst ein unscheinbarer Hebel neben der Handbremse erweckt den luftgekühlten Zweizylinder zum Leben. Es rattert, kreischt und knirscht ein paar Sekunden, dann tuckert der Motor wie am ersten Tag – und das, obwohl er in unserem feuerroten Testwagen aus dem Jahr 1971 auch schon mehr als ein Vierteljahrhundert auf dem runden Buckel hat. Überhaupt ist das Wägelchen, für das man heute mehr als 10 000 Franken anlegen müsste, gut in Schuss: Der Lack glänzt, die Sitze sehen aus wie neu, die vier Gänge flutschen nur so ineinander, und der Motor läuft dank Choke und ein bisschen Geduld so ruhig wie das Uhrwerk einer Panerai – wenigstens beinahe. Nur die Aussenspiegel sind ein bisschen labil. «Bitte nicht anfassen und einstellen», warnt deshalb der Beifahrer, der für den Wagen Sorge tragen muss: «Die brechen leider gerne ab, und Ersatzteile gibt es nicht mehr.»

Mit Anlauf gegen Tempo 100
Dass man also eher den Himmel oder die langen Beine der «bella ragazza» am Strassenrand sieht statt den Hintermann, stört allerdings nicht wirklich: Wer heute in einem alten Fiat 500 unterwegs ist, der muss kaum auf andere Verkehrsteilnehmer achten. Er steht ohnehin im Mittelpunkt und kann auf alle Rücksichten rechnen. Die sind allerdings auch bitter nötig. Denn wirklich wendig ist man mit dem Urvater des modernen Stadtflitzers nicht: Zwar ist der Wendekreis winzig klein, doch mangels Servolenkung muss man schon kräftig kurbeln, bis die kleinen Rädchen den richtigen Kurs einschlagen. Und als spritzig darf man den – zwar rüstigen – Rentner kaum bezeichnen.

Aus einem Hubraum von 0,5 Litern, also weniger, als viele Italiener an Vino Rosso zu ihrer Pasta trinken, schöpft der Zweizylinder halsbrecherische 18 PS, die selbst bei einem für aktuelle Fahrzeuge undenkbaren Idealgewicht von 520 Kilogramm stark gefordert wirken. Damals haben Autofahrer mit so einer Leistung und einer Engelsgeduld sogar die Alpen bezwungen. Doch heute wähnt man sich schon bei der Auffahrt zu einer Eisenbahnbrücke als Fussgänger schneller. Dabei ist und bleibt der Fiat 500 ein munterer Geselle, dessen Tachonadel sich mit genügend Anlauf sogar nahe an die 100er-Marke heranzittert.

Spätestens dann geniesst man auch die serienmässige Klimaanlage des kleinen Charmeurs. Klimaanlage? Na ja, beinahe zumindest. Schliesslich wissen die Italiener aus leidvoller Erfahrung, wie heiss ein Sommer im Auto werden kann. Deshalb hat der Fiat 500 nicht nur grosse Scheiben zum Öffnen und kleine Ausstellfenster für den Happen Frischluft zwischendurch, sondern auch ein grosses Faltdach, das mit einem Griff nach hinten geworfen wird und einen Blick zum Himmel freigibt. Spätestens dann hat man die Sonne nicht nur auf dem Haupt, sondern auch im Herzen. Das Gesicht strahlt immer heller, und wer jetzt nicht aufpasst, summt nicht nur, sondern singt: «O sole mio!»

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