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Der Urgrossvater aller Rollenspiele

27. Februar 2006, 20:31

Seine Werke wurden verboten und verbrannt, doch heute ist Gary Gygax eine Ikone der Popkultur Amerikas. Trotz Wurzeln in der Schweiz, ist er hier beinahe unbekannt.

«Dungeons & Dragons» wird bald als Onlinespiel aufgelegt. Was Gary Gygax vor dreissig Jahren schuf, ist längst Kult geworden.
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Von Christian Bütikofer

Wer heute ein Rollenspiel wie «World of Warcraft», «Everquest» oder «Ultima» am Computer spielt, verdankt dieses Hobby dem Schulabbrecher Gary Gygax, der sich Anfang der 70er-Jahre mit Schuhereparieren über Wasser hielt. Der Mann mit dem Pferdeschwanz erschuf das Gerüst, auf dem noch heute jedes Rollenspiel (RPG, engl. für Role Playing Game) basiert. Er machte Fantasy-Abenteuer und RPGs erst möglich, erfand Begriffe wie «Hit Points» (Trefferpunkte) oder «Experience Level» (Erfahrungsstufen) und schrieb sie im Regelwerk «Dungeons & Dragons» (D&D) nieder. Damals war es noch nicht für Computer gedacht.

Heute vertreiben sich geschätzte 25 Millionen Spieler die Zeit mit D&D – am Computer, aber auch im geselligen Freundeskreis. Gary Gygax, Sohn eines Berner Emigranten aus Seeberg, ist Teil der Popkultur geworden. Google findet 158 000 Treffer mit seinem Namen. Die Zeichentrickserie «Futurama» von Simpsons-Vater Matt Groening widmet ihm eine Folge, selbst ins englische Standard-Wörterbuch Oxford English Dictionary hat er es geschafft. Doch daraus macht sich Gary Gygax nichts. «Manchmal», so der 67-Jährige, «habe ich fast ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich mein Leben mit so viel Fun verdiene.»

Der Spieler wird zum Millionär

Gygax ist schon seit Kindesbeinen an vernarrt in Spiele jeder Art – mit sechs lernt er bereits Schach. Anfang der 70er-Jahre trifft er sich regelmässig mit Freunden und spielt «Chainmail», ein selbst entworfenes Kriegsspiel, das mit Miniaturfiguren bestritten wird – doch bald schon langweilt er sich. Ausgehend von «Chainmail» kreiert Gary Gygax etwas völlig Neues: D&D entsteht. Auch hier trifft man sich, doch jede Person verkörpert mittelalterliche Fantasiefiguren – ob Troll, Drachen, Elf, Ork oder Zauberer, alles ist möglich. Ein Spieler ist der Dungeon-Master: Er leitet das Geschehen mit Hilfe der D&D-Regelbücher – sie setzen die Grenzen für die Abenteuer. Mit Würfeln, Karten und viel Fantasie erforschen die Spieler unbekannte Welten, finden Schätze, befreien finstere Dungeons von bösen Dämonen, und mit jedem bestandenen Abenteuer verbessern die Figuren ihre Fähigkeiten. Das Spiel ist ohne Ende, der Dungeon Master allmächtig – er kann immer wieder neue Geschichten spinnen. Was Gygaxprivat für spielbegeisterte Freunde kreiert, wird bald darauf Geschäft.

1974, noch vor den ersten Heimcomputern, gründet Gygax mit einem Freund das Verlagshaus Tactical Studies Rules (TSR) und verkauft die ersten D&D-Spielsets. Zu Beginn ist der Erfolg bescheiden: In elf Monaten gehen gerade mal 1000 Stück über den Ladentisch. Sieben Jahre später verzeichnet TSR einen Umsatz von 27 Millionen Dollar. «Ich war mir erst etwa fünf Jahre nach der Gründung bewusst, dass wir mit D&D viel mehr Leute ansprachen, als wir uns je erträumten», sagt Gygax heute. Die Firma hat Dutzende Angestellte, die von Gygax unkonventionell geführt werden: «Ich vertrat die Meinung, dass jeder, der seine Arbeit erledigt hatte, spielen konnte, wenn er wollte.»

Und mit dem Erfolg kommt der Ruhm. Plötzlich ist D&D in der US-Presse, Tenor: «Das nächste Multimillionen-Ding». Gygax erhält Briefe aus dem ganzen Land und Telefonanrufe wegen Fragen zu den Spielregeln – nachts um drei. Nach der Presse wird auch Hollywood auf Gygax aufmerksam: Im TV-Spielfilm «Mazes and Monsters» bekommt Tom Hanks 1982 eine seiner ersten Filmrollen. Er spielt Robbie, einen angefressenen D&D-Spieler, der mit seinen vier Kollegen in würdiger Umgebung spielen will. Sie entschliessen sich, dies in einer nahe gelegenen Höhle zu tun, doch dort hat Robbie plötzlich reale Visionen: Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen.

Damit greift der Film nicht nur die Beliebtheit von Rollenspielen auf, er nimmt auch eine Kontroverse vorweg, die wenig später ganz Amerika beschäftigen wird. D&D, so der Vorwurf, sei Schuld an Selbstmorden, mache gewalttätig, bringe Jugendliche ins Irrenhaus.

Ein perverses Werk des Teufels?

Schon lange waren Gygax’ Fantasiefiguren, die Drachen, Trolle und Dämonen, konservativen Amerikanern ein Dorn im Auge. Fundamentalistische Christen wurden nicht müde zu behaupten, Gygax mache mit Teufelsanbetung Geld, er würde Kinder lehren, Dämonen heraufzubeschwören. «Es gab sogar Leute, die behaupteten, dass die D&D-Packungen schreien würden, wenn man sie ins Feuer werfe», sagt Gygax heute und lacht.

1985 schlägt die Stunde von Gygax’ Gegnern. In jenem April begeht ein 13-jähriger Schüler Selbstmord. Feinde von D&D sind sofort zur Stelle und behaupten, er habe sich deshalb umgebracht, weil er das Rollenspiel in der Schulbibliothek oft spielte. Ein anderer Junge, der ebenfalls ein D&D-Spieler gewesen sein soll, tötet in jener Zeit zuerst seinen Bruder und dann sich selbst. Es entsteht eine Bewegung, die sich «Mütter gegen ‹Dungeons & Dragons›» nennt. Das war genug Stoff für die Nachrichtensendung «60 Minutes» von CBS – sie nahm das Thema auf und veröffentlicht ein Interview mit Gygax. Noch heute ist er empört, wie man ihn dort behandelte: «Nichts mehr war im richtigen Kontext. Sie haben das Interview mit Absicht falsch zusammengeschnitten. Seit jener Erfahrung schaue ich diese Sendung nicht mehr.» Gary Gygax bekommt Morddrohungen, er nimmt sich einen Leibwächter, D&D-Rollenspiele werden in vielen Schulen verboten, seine Bücher verbrannt – und die Verkaufszahlen steigen.

Prägend für die Computergeneration

Während sich die Erwachsenen an den Rollenspielen ihrer Kinder stören, erobern RPGs unbemerkt ein neues Medium, das wenig später auch ins Visier besorgter Eltern geraten wird: die Welt der Computerspiele. Dank Gygax’ festen Spielregeln, die man mathematisch ideal abbilden kann, erscheinen Computer-RPGs reihenweise in den Regalen der Spieleshops. Klassiker wie die «Ultima»- oder «Might & Magic»-Reihen entstehen in jener Zeit. Und eine Menge Spieleprogrammierer von Rang und Namen wird durch D&D wesentlich geprägt. So auch die Erfinder der Ego-Shooter «Quake» und «Doom», John Carmack und John Romero.

Die goldenen Zeiten der 80er-Jahre sollten nicht ewig währen. Der Rollenspiel-Boom flacht in den 90er-Jahren vor allem im Computerbereich merklich ab. Doch die Baisse ist nur vorübergehend. In einem Interview prophezeite Gygax, dass Mehrspielerfunktionen (Multiplayer) das Genre der Computerrollenspiele weiter popularisieren würden, denn: «Rollenspiele sind eigentlich interaktive Gruppenspiele». Er sollte Recht behalten: Der Trend heisst in der Branche Multiplayer – und Onlinerollenspiele gibts so viele wie noch nie. Bald auch eins nach den neusten D&D-Regeln.

Heute gehören Gygax die Rechte an D&D nicht mehr, seine Anteile an Tactical Studies Rules hat er längst verkauft; die Rollenspielserie erstand der einstige Konkurrent Wizards of the Coast (www.wizards.com/dnd). Aber noch immer, jeden Donnerstagabend, nimmt sich Gary Gygax Zeit, setzt sich hin und spielt ein Rollenspiel.

Das Netz erobern mit D&D Online

Unzählige Computerspiele basieren auf den Regeln und dem Universum von «Dungeons & Dragons», doch keines existiert bisher als reines Internetspiel. Erstaunlich, denn Online-Rollenspiele sind in der Branche angesagt wie nie: Kaum ein Monat vergeht, ohne dass ein neues online geht. Obwohl fast alle von D&D beeinflusst sind, das Original gabs bisher nicht im Internet.
Mit «Dungeons & Dragons Online: Stormreach» wird sich das in naher Zukunft ändern. Die Schweizer Spieleshops erwarten das Produkt schon Ende März 2006. Gespielt wird nach den neusten D&D-Regeln, grafisch befindet es sich auf der Höhe der Zeit. (chb)

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