Kriegerische und religiöse Propaganda in Videogames
30. November 2006, 14:44Über Computerspiele versuchen etliche staatliche und private Agitatoren Einfluss auf die Gamergeneration auszuüben. Das Resultat dieser Bemühung führt teils zu bizarren Games.
Die Armee, Politiker und fundamentalistische religiöse Gruppierungen haben schon länger gemerkt, dass sich Computergames bei Jugendlichen grösster Beliebtheit erfreuen. Seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001 erscheinen immer mehr einschlägige Propagandagames auf dem Markt. Politagitation in Spielen erhält von einigen US-Bürokraten grosse Aufmerksamkeit: Im vergangenen Mai zeigten Pentagon-Mitarbeiter vor dem US-Kongress einigen Politikern Ausschnitte aus dem Kriegsspiel «Battlefield 2» und behaupteten, Al-Qaida-Mitarbeiter hätten eine Erweiterung für dieses Spiel programmiert, die antiamerikanische Propaganda enthalte. Schon bald stellte sich heraus, dass die gezeigten Szenen reine Satire waren.
Saddam Husseins Söhne abknallen ...
Satire ist der US-Firma Kuma Reality Games fremd; mit ihrem Motto «Real War News. Real War Games (echte Kriegsnachrichten, echte Kriegsspiele) gibt sie sich martialisch. Das Projekt des Unternehmens heisst «Kumawar» und ist ein Ballerspiel, in dem man in regelmässigen Abständen Ereignisse nachspielen kann, die im Irak geschahen. Der Spieler wird durch einen TV-Sprecher auf die Missionen vorbereitet – die Ähnlichkeit mit dem konservativen Newssender Fox ist frappant. So darf man dann die Söhne Saddam Husseins erschiessen – diese Mission wurde, kurz nachdem die Tötung geschah, aufgeschaltet. Es gibt über 70 verschiedene Missionen, so auch die Gefangennahme Saddam Husseins oder die Tötung des irakischen Al-Qaida-Chefs al-Zarqawi.... Ariel Sharon umnieten
Auch in der muslimischen Welt entstehen solche Propagandagames. Die Internetabteilung der vom Iran unterstützten Untergrundarmee Hizbollah brachte das Spiel «Special Force» auf den Markt. Darin wird der Krieg der Hizbollah zwischen den Jahren 1982 und 2000 nachgespielt, der Israel letztlich zum Rückzug aus dem Südlibanon bewog. In «Special Force» trainiert man in einem libanesischen Camp, feuert auf israelische Staatsmänner und nach erfolgreich beendeten Missionen Auszeichnungen des Hizbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah.Die israelische Regierung mischt in dieser virtuellen Propagandaschlacht ebenfalls kräftig mit. So kaufte sie sich die Entwicklungsfirma Gedeon Tech, liess das Spiel «Antifada» für die Playstation 2 produzieren und gab das Game gratis ab. Gegenüber dem Internetmagazin «Telepolis» behauptete der syrische Spieleprogrammierer Rawan Kasmiya, dass seit 1992 ein Zehntel aller israelischen Videospiele von der israelischen Regierung stammten.
Lockerer Chat mit echten Soldaten
Derart plump wie Kuma Reality Games oder die Hizbollah geht die US-Armee zwar nicht vor, aber auch ihr Projekt Americas Army (auch AA genannt) ist Militärpropaganda pur. Die Idee für ein solches Spiel entstand 1999 – kurz nach dem Terrorangriff auf New York stellte die Army dann 2002 das Spiel vor. Das Zielpublikum sind 13- bis 24-jährige männliche Gamer, die in AA Ausbildungsstufen als Soldaten erleben sollen. Das Spiel kostete Millionen und wird gratis verteilt; die Qualität hätte problemlos ausgereicht, um es kommerziell zu vertreiben. AA verzeichnete in den letzten vier Jahren über sieben Millionen Registrierungen.Der Cheftechnologe von AA, Major Bret Wilson, erklärte gegenüber dem Computergame- Magazin «Computer Games», dass das Spiel eine «Plattform für strategische Kommunikation» zwischen der Zielbekommt gruppe und der Armee darstelle. Diese «strategische Kommunikation» äussert sich unter anderem darin, dass Gamer, die sich im Spiel für die US Army interessieren, echte Militärs übers Soldatenleben befragen dürfen – denn auch sie sind im Game präsent, gekennzeichnet durch goldene Sterne auf den Uniformen.
Ein virtuelles Gegenprojekt in AA startete Professor Joseph DeLappe von der Universität Nevada: Er loggt sich immer wieder in AA ein und benutzt als Spielernamen einen im Irak getöteten US-Soldaten. Sobald DeLappe im Spiel stirbt, loggt er sich wieder ins Game ein und benutzt einen weiteren Namen eines gefallenen Soldaten. Fünf Monate nach dem Start des Projekts hat er erst die Hälfte aller toten US-Kämpfer durch. Der Professor meint dazu: «Indem ich diese Namen als Spielernamen benutze, bringe ich eine harte Realität in diese virtuelle Welt – es ist ein Onlineprotest und gleichzeitig ein Denkmal für die Gefallenen.»
Juden, Muslime: Bekehrung oder Tod
Kontrovers ist auch ein Spiel rabiater Christen. Bisher machten fundamentalistische Christen in den USA kulturell vor allem mit eigener «geläuterter» Rockmusik Schlagzeilen. Nun wirft sich die Firma Left Behind Games Inc. mit dem Echtzeitstrategiespiel «Left Behind: Eternal Forces» auch ins Getümmel der virtuellen Weltanschauungspropaganda («left behind» steht für «zurückgelassen»).Dieses Computerspiel basiert auf einer gleichnamigen Buchserie, die in den USA über 60 Millionen Mal verkauft und auch verfilmt wurde. Die Handlung spielt in der Zeit der Apokalypse, als die echten Gläubigen bereits auf dem Weg ins Paradies sind und jene, die sich auf der Erde noch bewähren müssen, in einen tödlichen Kampf gegen Antichristen verwickelt sind. Der ideologische Unterbau der «Left Behind» Serie lässt nichts aus, was Evangelikale als verdammenswürdig erachten: Oberbösewicht ist ein Nicolae Carpathia, Sohn zweier homosexueller Männer (er wurde genetisch gezeugt ...) und zugleich Generalsekretär der Uno. Antichrist Carpathia schafft es, eine Weltregierung aufzubauen, und versteckt seine diabolischen Absichten hinter Friedensversprechen und Abrüstungsplänen.
Das Computerspiel «Left Behind: Eternal Forces» ist in New York angesiedelt – die Stadt befindet sich in einem Zustand wie nach den Terrorangriffen 2001. Nun muss der Spieler mit seinen religiösen Kriegern der «Tribulation Force» die Uno-ähnlichen «Global Community Peacekeepers» bekämpfen. Um in «Eternal Forces» zu gewinnen, gilt es, sowohl Peacekeepers wie auch glaubensneutrale Bewohner New Yorks zum «richtigen» Glauben zu bekehren – neben einer Armee mit allen möglichen Waffen verfügt man dazu über Evangelisten und andere Prediger. Es gibt nur die Möglichkeit zu Bekehrung oder Tod für die Unentschlossenen – das gilt auch für Juden und Muslime. Die Antichristen wiederum bekämpfen die Evangelikalen neben Waffen mit Rockstars und Kultführern ... Von jeder Person im Spiel kann man einen Lebenslauf anschauen. Bei den «Guten» liest man dann, warum und wie sie sich zum evangelikalen Christentum bekehrt haben. Im Multiplayermodus darf man auch auf der Seite der Antichristen kämpfen; nicht selten sind die satanischen Krieger Muslime.
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