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Vom Familientisch ins Internet und zurück

29. Dezember 2006, 15:18

Brettspiele behaupten sich gegen die Flut der Videogames. Dies gelingt ihnen auch dank dem Internet und dem Wettbewerb mit den Computerspielen.

World of Warcraft ist das erfolgreichste Multiplayer­-Computerspiel. Eine Brettspiel-Umsetzung folgte.
World of Warcraft ist das erfolgreichste Multiplayer­-Computerspiel. Eine Brettspiel-Umsetzung folgte.
Von Christian Bütikofer

Der weltweite Siegeszug von Videogames führt unweigerlich zum Aussterben der traditionellen Brettspiele. So dachten etliche Szenekenner noch vor wenigen Jahren. Wie sich heute zeigt, lagen sie mit dieser These gründlich falsch. Brettspiele ereilt offensichtlich nicht das gleiche Schicksal wie die Stummfilme im letzten Jahrhundert. Statt in der Versenkung zu verschwinden, boomen sie wie schon lange nicht mehr. Ihnen wird gemeinhin attestiert, sie förderten den Gemeinschaftssinn, führten die Familie an einem Tisch zusammen. Videogames hingegen leiden unter dem schlechten Ruf, sie seien schädlich und führten zu Jugendkriminalität. Die aktuelle Brettspiel-Renaissance geschieht hingegen auch dank innovativen Firmen, welche die verdächtigen Konkurrenzmedien Internet und Computergames zu ihrem eigenen Vorteil nutzen.

Weltweites Spielzimmer Internet

Eric Hautemont ist CEO der US-amerikanischen Firma Days of Wonder. Sie erfand das Brettspiel «Zug um Zug» («Ticket to Ride»), wo man als Spieler möglichst viele Städte vor den Konkurrenten miteinander verbinden muss. «Zug um Zug» war als klassisches Brettspiel ein Erfolg, es verkaufte sich mehrere 100 000 Mal und wurde 2004 zum Spiel des Jahres.

Eric Hautemont hatte mit seinem Spiel aber noch ganz anderes im Sinn. Beim Start der deutschen Brettspielversion stellte er eine Internetausgabe ins Netz. Wer sich registriert, kann gratis an einer Partie «Zug um Zug» teilnehmen, die Spielregeln sind online aufgeschaltet. Wer nicht bezahlt, nimmt zwei Restriktionen in Kauf: Man kann selber kein Spiel starten, sondern nur an solchen teilnehmen, die bereits laufen. Und man wird nicht in der offiziellen Rangliste aufgeführt.

Auch wenn die Entwicklungskosten für die Internetausgabe von «Zug um Zug» im Vergleich zu üblichen Computergames sehr tief waren, stand Hautemont doch vor einigen Hürden, die schwierig zu überwinden waren. Vor allem in eine Herausforderung investierte er viel Zeit: Die Spielerfahrung vor dem Computer musste möglichst gleich sein, wie beim «echten» Brettspiel. Wenn zum Beispiel im Onlinegame ein menschlicher Gegner das Spiel verlässt, muss sofort der Computer einspringen. Damit bereits zu Beginn der Internetversion möglichst viele Spieler auf die Seite surften, fügte Hautemont jedem Brettspiel einen kostenlosen Zugangscode für die Onlineausgabe bei; über 50 000 Spieler haben sich für die Internetversion registriert.

Hautemont ist nicht der Einzige, der Brettspiele ins Netz stellt. Auch Alexander Zbiek ist ein begeisterter Brettspieler – während seiner Studentenzeit versammelte er sich mit seinen Freunden abends oft zu Spiele-Sessions – bis immer mehr seiner Kollegen wegen der Arbeit oder des Studiums wegzogen und Zbiek plötzlich zu wenige Mitspieler hatte.

Brettspiele sind Multiplayer-Spiele – und was verbindet viele Menschen über grosse Distanzen einfach miteinander? Das Internet. Daher begann er 1997 während seines Informatikstudiums an der Hochschule München mit der Computer-Umsetzung von «Die Siedler von Catan», ein Brettspiel, das 1995 zum Verkaufshit und in der Folge auch bald als Computerversion verkauft wurde. Während Zbiek in der Nacht die Hochschulrechner überwachte, programmierte er an einer Onlineversion von Catan und stellte sie alsbald ins Internet. Bei Catan blieb es nicht, heute enthält seine Webseite Brettspielwelt viele Top-Brettspiele wie Carcassonne, Catan, Puerto Rico, Ra, Caylus oder Thurn und Taxis, die man online gratis benutzen kann. Zu Beginn fragte Zbiek die Hersteller der Spiele nicht einmal an, ob er ihre Erfindung ins Netz stellen dürfe. Da Brettspielewelt nicht kommerziell ist, wird die Seite aber von den meisten Verlagen toleriert, einige unterstützen das Projekt sogar aktiv.

Brettspielwelt hat sich zu einer virtuellen Gesellschaft entwickelt. Wer nicht nur auf die Schnelle ein Brettspiel spielen will, kann sich zusätzlich in einer virtuellen Stadt organisieren, am virtuellen Leben teilnehmen und später ein Amt ausüben. Die Einwohner einer Stadt bilden eine Gemeinschaft mit eigenen Chaträumen – über 4000 Benutzer spielen nicht nur, sondern organisieren sich in eigenen Städten.

Auch Microsoft ist auf den Geschmack der virtuellen Brettspiele gekommen. Im MSN Games Portal ist eine Onlineversion von «Die Siedler von Catan» aufgeschaltet. Die meisten anderen Spiele auf MSN Games sind Kurzfutter für zwischendurch, so genannte «Casual Games», die oft nach wenigen Minuten beendet sind. Warum befindet sich das anspruchsvolle, lange dauernde «Die Siedler von Catan» im Angebot? Chris Early, Studio Manager für Microsoft Casual Games, meint dazu: «Die Siedler von Catan spielen ganz verschiedene Personen. Die einen sind Spieler, die nie etwas anderes als Scrabble oder Solitär kannten, die dann Catan sehen und neugierig werden. Die anderen sind ehemalige Hardcore-Gamer, die ihr Hobby aus Zeitgründen, wegen Beruf oder Familie, aufgaben. Die bringen wir wieder an den virtuellen Spieltisch zurück.»

Videogames werden Brettspiele

Während viele Brettspiele ins Internet wandern, gehen Computerspiele genau den entgegengesetzten Weg: Sie werden «echte» Brettspiele. Glenn Drover ist Besitzer der Firma Eagle Games, die sich auf die Adaption von Videogames auf Brettspiele spezialisiert hat. Dass Drover auf diese Idee kam, ist kein Zufall – bis 1999 arbeitete er in der Videogameindustrie. 2002 brachte Eagle Games die Brettspielversion von Sid Meier’s Civilisation heraus, ein Jahr später wurde Age of Mythology von Microsoft adaptiert – beide gehören zu den erfolgreichsten Videogame-Strategiespielen. Von diesen Brettspiel-Umsetzungen wurden laut Dover in drei Jahren über 120 000 Stück verkauft, so dass Eagle Games auch die Eisenbahn-Simulation Railroad Tycoon zu konvertieren begann. Momentan arbeitet die Firma an Umsetzungen von Sid Meier’s Pirates! und Age of Empires III.

Neben Eagle Games haucht auch Fantasy Flight Games Videospielen ein zweites Leben ein. Das Unternehmen setzte bisher den Ego-Shooter Doom als Brettspiel um und verkauft auch Brettspielversionen von Warcraft und dem momentan erfolgreichsten Multiplayer-Internetspiel World of Warcraft.

www.fantasyflightgames.com
www.eaglegames.com
http://zone.msn.com
www.ticket2ridegame.com
www.brettspielwelt.de
www.catan.com

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