Microsoft klopft an die Stubentür
25. Oktober 2004, 23:49Weil sich keiner einen hässlichen Computer ins Wohnzimmer stellt, sehen die neuen Windows Media Center aus wie Stereoanlagen oder Videorecorder.
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Infografik
- Die Vielfalt der WMC
Manchmal hat es Vorteile, dass die Schweiz im globalen Vergleich zur Provinz zählt. So erreichen uns technologische Neuheiten nicht immer gleich als Erste, dafür haben diese, wenn sie dann bei uns ankommen, die gröbsten Kinderkrankheiten hinter sich. Auf das Windows Media Center (WMC) trifft dies jedenfalls zu. Vor zwei Jahren lancierte Hewlett Packard in den USA als Erste einen Windows-Media-Center-PC, der auch so aussah wie ein Heimcomputer. 2003 kamen die ersten Geräte auf den europäischen Markt, etwa in Deutschland, und rechtzeitig zu Weihnachten gelangen sie nun auch bei uns in die Läden.
Auffälligste Neuheit an der dritten Generation von WMC ist der Formfaktor. Obwohl es sich technisch gesehen nach wie vor um Computer handelt, die zusätzlich TV-Signale verarbeiten können, kommen die Media Center nun so daher, dass sie optisch auch ins Wohnzimmer passen.
Eine Stärke des Media Centers ist unbestritten, dass es eine ganze Reihe von Funktionen in einem Gerät vereint, welches auch technisch unversierte Leute einfach bedienen können. Eine einzige Fernsteuerung reicht, um Herr oder Herrin über TV-Programme, den digitalen Videorecorder, Radio sowie die eigene Musik- und Fotosammlung zu sein.
Schweizer Hersteller machen mit
Einer, der von der ersten Stunde an vom Konzept des WMC angetan war, ist der Wirtschaftsinformatiker Mesut Güngör. Der heute 24-Jährige hat Anfang 2004 gemeinsam mit seinem Bruder die Firma Prime Time gegründet, die nun im basellandschaftlichen Waldenburg ihre eigenen Media Center baut und verkauft. «Wer so ein Gerät mal ausprobiert hat, will nicht mehr darauf verzichten», ist er überzeugt. Rund ein Jahr Entwicklungsarbeit und einige Überzeugungsarbeit bei Microsoft waren nötig, um als offizieller Partner an der Schweizer Lancierung dabei zu sein. «Anfangs hat man uns als Nobodys kaum ernst genommen, aber unterdessen bringt uns Microsoft Schweiz grosses Vertrauen entgegen», sagt Güngör.
Prime Time baut Standardkomponenten in ihre Geräte ein und kann so unter anderem für 1600 Franken das günstigste Media Center anbieten. Die beiden anderen Schweizer Hersteller, Reycom aus Hunzenschwil sowie Digital Logic aus Luterbach, die ebenfalls eigene WMC-Varianten anbieten, zielen eher auf ein zahlungskräftigeres Publikum und verwenden hochwertige, teilweise selbst entwickelte Bauteile.
Die Schweizer Kundschaft ist gefragt. Die Eidgenossen gelten als Technophile, die sich Neuheiten gerne früh zulegen, ohne die ersten Preissenkungen abzuwarten, und für gutes Design gerne etwas mehr ausgeben. Darauf hofft nun Microsoft gemeinsam mit den Hardwareherstellern. «In keinem Land gab es beim Start eine so grosse Auswahl an verschiedenen Media Centern wie in der Schweiz», freut sich Peter Züger, Marketingleiter von Microsoft Schweiz. Das mobile Portable Media Center von Creative wird vor Weihnachten sogar in nur einem einzigen Land in Europa überhaupt zu haben sein: in der Schweiz.
Eines für alles?
Eine offene Frage ist, wie gut das Eines-für-alles-Konzept im Wohnzimmer ankommt, wo die meisten Leute bisher für verschiedene Anwendungen (Video, CD, DVD, Radio, TV etc.) auf jeweils separate Geräte setzten – selbst der zugehörige Kabelsalat wird in Kauf genommen.
Des Weiteren gibt es für die allermeisten Funktionen des WMC bereits andere Lösungen: den Festplattenrecorder, die Stereoanlage, den MP3-Player, das Radio und nicht zuletzt den PC mit Internetanschluss. Die Verschmelzung all dieser Geräte propagieren nebst Microsoft auch andere Hersteller – das Ei des Kolumbus hat noch keiner gefunden. Sony beispielsweise bietet einen ebenfalls PC-zentrierten, so genannten Homeserver an (der zusätzlich Musik und Video in mehrere Zimmer gleichzeitig bringt – etwas, das beim WMC noch nicht möglich ist). Musik und Video ab PC und Internet bringt auch Philips in die Stube, allerdings fehlt bei dieser Lösung der integrierte Festplattenrecorder. Die Liste der Angebote ist lang und das Rennen um den digitalen Lifestyle noch offen.
Windows: Licht und Schatten
Beim Media Center muss man sich zudem fragen, ob man wirklich einen zusätzlichen, am Internet hängenden Windows-PC im Wohnzimmer will. Dessen Computerfunktionen liegen die meiste Zeit brach, was einem aber nicht davon entlastet, sich um Sicherheitsupdates, Firewall und Antivirenprogramme zu kümmern. Immerhin liefern die Anbieter in der Regel entsprechende Software mit.
Andererseits kann, wer das möchte, das WMC auch als normalen Heimcomputer mit all seinen Möglichkeiten (Office, Web, Bildbearbeitung etc.) nutzen. Was es dazu braucht, sind eine Maus und eine Tastatur, als Bildschirm nutzt man den TV. Besonders attraktiv: Alle Windows-Spiele lassen sich auch auf dem WMC im Wohnzimmer zocken, Gamepads werden bei einigen WMC gleich mitgeliefert.
Wahrscheinlich würde die Kombination Spielkonsole-Media Center, quasi eine WMC-Xbox, sicherlich grossen Anklang finden – wenn es sie gäbe. Sony macht es mit der PSX (Playstation und Homeserver in einem) bereits vor, die in Japan ein Verkaufsschlager ist.%perl>
Windows Media Center 2005
Ein Windows Media Center (WMC) ist einfach gesagt ein Computer mit Windows XP (Home Edition mit Service Pack 2), der zusätzlich TV-Programme verarbeiten kann. Äusserlich kann ein WMC aussehen wie eine Stereoanlage, ein Videorecorder oder wie ein herkömmlicher Heimcomputer. Die Benutzeroberfläche für die Multimediafunktionen ist einfacher gestaltet als bei Windows. Das WMC lässt sich per Fernbedienung, also ohne Tastatur und Maus, steuern. Die Grundfunktionen sind:
- Festplattenrecorder für TV-Programme mit Timeshift (zeitversetztes Fernsehen). Aufnahmen zu programmieren ist dank EPG (Electronic Program Guide) kinderleicht. Die meisten WMC können Aufnahmen auch auf DVD brennen (Werbung vorher rausschneiden geht leider nicht).
- Fotos und Diashows abspielen.
- Musik abspielen. Die Songs können von den eigenen CDs gerippt oder als kopiergeschützte WMA-Datei bei MSN Music im Internet gekauft werden (demnächst in der Schweiz verfügbar).
- Radio. Empfang per Kabel oder Internet möglich, aber keine Aufnahmefunktion.
- Onlinedienste. Drittanbieter können ihre Webangebote für das WMC aufbereiten und diese so ins Wohnzimmer der Kunden bringen.
- Alltägliche PC-Funktionen sind ebenfalls nutzbar, etwa Office, Web, E Mail und alle Windows-Games. (rcz)
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