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«HDTV bringt High End für die Augen»

28. November 2005, 22:26

Albrecht Gasteiner, Betreiber des HDTV-Forums Schweiz, über die Vorzüge von High Definition Television (HDTV), den DVD-Formatstreit und die Sinnlichkeit im Zeitalter der Downloads.

Albrecht Gasteiner.
Albrecht Gasteiner.
Mit Albrecht Gasteiner sprach Marc Bodmer

Herr Gasteiner, mit HDTV stehen wir an der Schwelle zu einem neuen audiovisuellen Zeitalter. Warum erst jetzt? Den Wunsch nach besserer Bildqualität gibt es doch schon seit Jahrzehnten.

Es stimmt schon: Unser heutiges Fernsehen stammt noch aus der Mitte des letzten Jahrhunderts – sogar die längst wieder verschwundene Stereo-Langspielplatte ist jünger. Doch erst jetzt kommen zwei Faktoren zusammen, die einen Quantensprung ermöglichen: erstens eine sehr breite Nachfrage nach besserer Bildqualität, weil die immer grösser werdenden Bildschirme die Grenzen der herkömmlichen Technik unangenehm deutlich aufzeigen. Und zweitens haben wir erst jetzt, mit der Digitaltechnik, die technischen Möglichkeiten, einen Neuanfang auf einer bedeutend höheren Qualitätsstufe auch bezahlbar zu realisieren.

Worin besteht nun diese neue Qualität? Was bringt HDTV für den Endkonsumenten?

Dank bis zu fünfmal so viel Bildinformation ergibt sich ein dramatischer Gewinn an Auflösung, also der Bildschärfe. HD bedeutet also vollkommen zu Recht High Definition. Da erlebt man eine wunderbare, flimmerfreie Klarheit, einen faszinierenden Detailreichtum und eine räumliche Tiefe, die fast schon dreidimensional wirkt. Ausserdem wird HDTV immer im augenfreundlichen Breitbildformat 16:9 ausgestrahlt, und sogar digitaler Surroundsound ist Standard. Diese Kombination ergibt ein fesselndes Erlebnis, wie man es bisher nicht gekannt hat.

Doch um die HD-Qualität zu geniessen, muss man sich einen neuen Fernseher kaufen.

Richtig. Denn HDTV ist nicht einfach eine Verbesserung der heutigen Pal-Fernsehens, sondern etwas vollkommen Neues, das mit dem Bisherigen nichts mehr gemeinsam hat. Klar, dass «gewöhnliche» Fernsehgeräte dafür nicht geeignet sind. Sie sollten sich also einen Flachbildschirm kaufen, und dafür gebe ich Ihnen gleich einen guten Tipp: Nehmen Sie ihn im Zweifelsfall lieber eine Nummer grösser, als Sie das eigentlich vorgehabt haben. Das werden Sie nicht bereuen, denn je grösser der Bildschirm, desto deutlicher der Unterschied zur «Normalqualität», die wir gewohnt sind. Ausserdem sollten Sie darauf achten, dass das Gerät das HD-ready-Logo trägt, dann können Sie ganz sicher sein, dass es zukunftssicher ausgestattet ist.

Wann wird HDTV das Standardfernsehen ablösen?

Noch sehr lange nicht. Die beiden Standards werden während etlicher Jahre parallel bestehen. Das friedliche Nebeneinander verschiedener Qualitätsebenen kennen wir ja aus der Audiowelt. Da gibt es Mittelwelle und DAB, Billiganlagen und High End. Ab jetzt kommen eben auch Fernsehen und Video in verschiedenen Duftnoten, und da bringt HDTV sozusagen fortan das «High End für die Augen».

Hochauflösendes Fernsehen gibt es schon seit Jahren in Japan, Südkorea, Australien und Nordamerika. Hinkt Europa da nicht einmal mehr ziemlich hinterher?

Schon, das hat aber auch seine guten Seiten. Denn während überall sonst zur Fernsehausstrahlung das alte, datenintensive Kompressionsformat MPEG-2 zum Einsatz kommt, fängt Europa jetzt gleich mit dem modernsten und effizientesten System der Welt an, das aus MPEG-4 und DVB-S2 besteht und, kurz gesagt, dieselbe Bildqualität bei weniger als der halben Datenmenge bietet. Das bringt den Sendern eine massive Kostenersparnis, dank derer es zu einer raschen Durchsetzung von HDTV im europäischen Fernsehmarkt kommen wird.

Verschiedene Privatsender haben in diesen Wochen mit der Ausstrahlung von HDTV-Programmen begonnen. Die Produktionsgesellschaft des Schweizer Fernsehens, TPC, verfügt unterdessen auch über einen HD-fähigen Sendewagen, es sind aber noch keine HDTV-Sendungen angekündigt. Worauf wird gewartet?

Die Privatsender versprechen sich von HDTV das Erschliessen neuer Kundenkreise und neuer Werbemittel. Gebührenfinanzierte Sender wie SRG, ARD, ZDF oder ORF haben andere Prioritäten. Sie dürfen sich nicht dem Vorwurf aussetzen, grosse Investitionen zu tätigen, die derzeit erst einer begüterten Minderheit zugute kommen. Man erwägt im Moment, die Fussball-Europameisterschaft 2008 in hochauflösender Qualität auszustrahlen, da alle Spiele für ausländische Stationen ohnehin in HDTV produziert werden. HDTV rund um die Uhr in allen drei Sprachregionen soll es dann nochmals zwei Jahre später geben, wenn ein beträchtlicher Teil der Schweizer Haushalte das auch empfangen kann. Dafür wird schon jetzt eifrig fürs Archiv produziert.

Weniger rosig sieht es bei Spielfilmen in HD aus. Es tobt ein Streit zwischen den zwei HD-Formaten, Blu-ray Disc und HD DVD.

Ja, leider, denn ein Systemstreit ist bei den Konsumenten ähnlich beliebt wie Fusspilz. Es ist schon erstaunlich, dass die Streithähne nicht einmal aus der jüngeren Geschichte gelernt haben. Da ist doch gerade erst der unsinnige Streit zwischen SA-CD und DVD-Audio für beide Kontrahenten gleichermassen desaströs ausgegangen. Aber, wissen Sie, wenn Vokabeln wie «Prinzipien», «Stolz» und «Ehre» ins Spiel kommen, setzt offenbar bei vielen Männern, sprich Managern, der Verstand aus. Also werden wohl beide Formate irgendwann im nächsten Jahr auf den Markt kommen.

Und dann?

Dann wird es wohl den Film X nur auf Blu-ray und den Film Y nur auf HD DVD geben. Das klingt zunächst abschreckend, muss aber nicht unbedingt schlimme Folgen haben. Die Gerätehersteller werden dann eben Kombiplayer auf den Markt bringen, die alles abspielen, was einen Durchmesser von 12 Zentimetern hat und glänzt. Das hat schon einmal funktioniert: Immerhin hat man mit Kombigeräten ja den Systemstreit zwischen DVD-R und DVD+R elegant aus der Welt geschafft.

Mit der Xbox 360 von Microsoft kommt Anfang Dezember ein Gerät mit HD-Ausgang auf den Markt, das auf die DVD als Datenträger setzt. Sony hingegen setzt bei der Playstation 3, die nächstes Jahr erwartet wird, auf Blu-ray. Welche Rolle werden die Spielkonsolen in der Formatdebatte spielen?

In der Xbox steckt ein normales DVD-Laufwerk, das allerdings Spiele in uneingeschränkter HD-Qualität in der Microsoft-eigenen HD-Technik abspielen kann. Das ist eine hochwertige und ökonomische Lösung, die vor allem für sich verbuchen kann, dass sie heute bereits existiert und zuverlässig funktioniert. Daneben können natürlich auch DVD-Filme abgespielt werden, wenn auch nur in der heute verfügbaren Qualität.

Im Frühjahr 2006 soll aber die Playstation 3 erscheinen, die eines der ersten, massentauglichen Geräte mit einem Blu-ray-Laufwerk sein wird.

Stimmt, und auf der Blu-ray Disc kann man nicht nur viel mehr Daten unterbringen, sondern diese auch noch viel schneller auslesen. Man wird sehen, wie die Spieleentwickler diese neuen Möglichkeiten nutzen werden. Sie müssen aber wissen, dass Games technisch kaum etwas mit Spielfilmen zu tun haben. Es ist sogar sehr unwahrscheinlich, dass die PS3 – zumindest in ihrer ersten Generation – auch Blu-ray-Spielfilme nach dem definitiven BD-Movie-Standard wird abspielen können, den gibt es nämlich noch gar nicht.

Wie bitte? Das Hollywood-Studio Paramount soll doch sogar deswegen ins Blu-ray-Lager gewechselt haben.

Mag sein. Aber wie soll die PS3 denn eine Disc abspielen können, wenn sie deren Datenstruktur gar nicht kennt? Die Blu-ray Disc Association hat doch erst vor wenigen Wochen beschlossen, die 128-Bit-Verschlüsselung des Kopierschutzsystems AACS durch ein weiteres Sicherheitssystem namens HD+ zu verschärfen. Wie diese beiden Systeme miteinander verknüpft werden sollen, weiss aber noch niemand. Man hofft, das im Frühling festlegen zu können, erst danach kann man überhaupt mit der Entwicklung von Abspielgeräten beginnen und die Fertigung von Discs in Angriff nehmen.

Wann erwarten Sie die ersten HD-Datenträger in den Regalen?

Im Fall von Spielfilmen auf Blu-ray: nicht vor Herbst 2006, HD DVD wahrscheinlich etwas früher. Ob das einzuhalten ist, hängt übrigens ganz wesentlich von der Computerindustrie ab. Denn Hollywood ist verständlicherweise entschlossen, Filme in HD-Qualität erst zu veröffentlichen, wenn sichergestellt ist, dass die gesamte Distributionskette vom Presswerk bis in den Bildschirm hinein zuverlässig gegen Piratenzugriff geschützt ist. Das stellt die Hersteller von Computern nun vor enorme Herausforderungen. Bei Fernsehsendungen sind die Codierung und Decodierung ja recht einfach sicherzustellen, aber in einem Computer hat man auf dem Weg vom Laufwerk bis zum Ausgang der Grafikkarte eine Menge Übergabepunkte, an denen die digitale Information nun immer wieder verschlüsselt und entschlüsselt werden muss, damit man sie mit Sicherheit nirgendwo kopieren kann. Computer, die das können, gibt es noch nicht, aber nur auf solchen wird man HD-Filme abspielen können.

Wäre es nicht einfacher, auf physische Träger ganz zu verzichten und die Inhalte im Breitband-Zeitalter aus dem Netz herunterzuladen?

Einfacher schon, und daher wird die Onlinedistribution zweifelsfrei an Bedeutung gewinnen, speziell für den Unterhaltungsfastfood, den man schnell konsumiert und wieder vergisst. Aber der Homo sapiens ist irgendwie noch immer Jäger und Sammler. Was uns am Herzen liegt, wollen wir auch physisch besitzen. Wir suchen ein sinnliches Erlebnis, wollen etwas in die Hand nehmen und spüren, uns an hübscher Verpackung erfreuen, im Booklet blättern, Eselsohren anbringen und Notizen hineinkritzeln können. Wie sinnlich sind Downloads?

Blu-ray oder HD DVD?

Um die Nachfolge der heutigen DVD streiten sich zwei Formate:
Mit Blick auf die erhöhten Datenmengen, welche die HD-Qualität verlangt, wurde die Blu-ray Disc (BD) konzipiert. Ein blauer Laser (Transferrate: 36 MB/sec) tastet die Informationen ab. Die BD bietet 25 Gigabyte Platz, rund fünfmal mehr als eine DVD.
Die wichtigsten BD-Vertreter: Dell, HP (schwankt unterdessen), Apple, JVC, Matsushita, Philips, Samsung, Warner Bros., Sony, Disney, 20th Century Fox, Paramount und Electronic Arts (Spiele).
Die HD DVD gilt als die logische Weiterentwicklung der DVD-Technik, auch wenn sie weniger Platz bietet (15 Gigabyte). Ihre Produktion fällt erheblich günstiger aus als die der BD. Eine herkömmliche DVD-Fabrik kann binnen weniger Minuten auf HD-DVD-Produktion umgerüstet werden.
Die wichtigsten HD-DVD-Vertreter: DVD-Forum, Toshiba, Microsoft, Intel, Warner Bros., Paramount und Universal.
Albrecht Gasteiner betreibt seit Anfang Jahr das HDTV-Forum, eine werbe- und wertungsfreie Informationsplattform, die europaweit einmalig ist.
www.hdtv-forum.ch

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