«Es geht um Würde, nicht Technik»

02. Oktober 2006, 22:48

Für Star-Designer Yves Behar ist der 100-Dollar-PC ein Projekt der Hoffnung. Der Schweizer sieht es als ein Instrument, das Kindern im Leben hilft – und nicht als Gadget für Arme.

Schweizer Yves Behar: «Der 100-Dollar-PC verleiht den Menschen Würde und Stolz.»
Schweizer Yves Behar: «Der 100-Dollar-PC verleiht den Menschen Würde und Stolz.»
Von Peter Sennhauser, San Francisco

Die Kurbel ist verschwunden. Das unverkennbare Merkmal des «100-Dollar-PC» ist obsolet geworden – technisch wie symbolisch. «Mit Nägeln und Klebeband zusammengebastelte Geräte – das symbolisiert für uns Wohlstandsmenschen die Dritte Welt», kritisiert Yves Behar. «Eine überhebliche Sicht auf die Entwicklungsnationen.»

Doch die Kurbel hat ihren Auftrag erfüllt. Als der Technologie-Tausendsassa Nicholas Negroponte vom Massachusetts Institute for Technology vor zwei Jahren sein Projekt für den 100-Dollar Laptop vorstellte, diente der sperrige Drehgriff als Erkennungsmerkmal für ein «Entwicklungsprojekt». Binnen weniger Monate gewann das Programm «One Laptop per Child» (OLPC) breite Unterstützung, von der Unesco über den konservativen Medientycoon Rupert Murdoch bis zur philanthropischen Pop-Ikone Bono.

Kampf dem Klischee

«Die Kurbel war unpraktisch und eine Belastung für das Gehäuse», sagt Yves Behar. «Wir fokussierten auf ein kompaktes Gerät, das eine in sich abgeschlossene Erfahrung liefert.» Seit Jahresbeginn ist der Schweizer, der mit seiner Firma Fuseproject in San Francisco zum internationalen Designstar avanciert ist, für den OLPC zuständig. «Er muss hohen Ansprüchen unter diversen Umständen genügen. Er soll der feuchten Hitze Brasiliens ebenso gewachsen sein wie den Sandstürmen in Libyens Wüste oder dem tropischen Regen in Thailand. Und er soll den Kindern Freude bereiten», fügt Behar ein ums andere Mal an. Die Stromversorgung hat er in ein externes Gerät ausgelagert, das wahlweise als normales Netzteil, als Kurbel-, Pedal- oder Zug-Generator verfügbar sein wird. «Der OLPC soll erweiterbar und nachhaltig sein. Es ist ein hoffnungsfrohes Projekt, das den Menschen neue Möglichkeiten bietet.»

Seine anfängliche Skepsis sei rasch verflogen, nachdem er Negroponte und dessen Team kennen gelernt hatte. «Das Argument, die Kinder der Dritten Welt bräuchten Nahrung, nicht Computer, liefert den Massenmedien vielleicht einen knackigen Titel. Aber wenn Sie länger als zwei Minuten darüber nachdenken, erkennen Sie, wie schwachsinnig es ist.» Die Entwicklungsländer als ein einziges Hungergebiet zu sehen, sei ein weiteres Klischee der Industrienationen. Armut habe viele Gesichter und die Betroffenen hätten verschiedene Bedürfnisse.

Stolz und Würde

«Hinter dem OLPC steht eine grosse Idee. In dem Gerät steckt zwar viel Hightech, die eigens entwickelt worden ist. Ziel ist nicht, den Kindern irgendeinen Computer zu geben. Es geht darum, sie zu ermächtigen, alles zu tun, was auch wir tun.» Sie sollen spielen, lernen und kommunizieren können, Zugriff auf das Weltwissen und die neusten Unterrichtsmaterialien ihres Landes haben, die via Funknetz billiger und schneller verteilt werden können. «Und sie sollen ein mächtiges, hochwertiges Werkzeug besitzen können.» Für den Designer ist dies der zentrale Gedanke: «Es geht darum, den Kindern den Stolz und die Würde zu geben, die ein solches Werkzeug verleiht.»

In Behars jüngstem Entwurf («Ich kann Ihnen fünfzehn Vorgängermodelle zeigen ...») charakterisieren den PC statt der Kurbel nun zwei «Hasenohren», die frech aus dem oberen Bildschirmrand lugen: Die Antennen verleihen dem OLPC ein niedliches «Gesicht» und dem Funknetz nie gekannte Reichweite. «Jedes Detail erfüllt mindestens zwei Funktionen», erklärt Behar. Die Antennen sind Gehäuseriegel und wasserdichte Abdeckung für die Anschlüsse des Geräts. Der Bildschirm ist farbig und schwarzweiss, lässt sich in Laptop- oder E-Buch-Stellung benutzen und funktioniert mit dem zur Schreibfläche erweiterten Mauspad als «elektronische Schiefertafel». Die Elektronik steckt im Monitorteil; die Gehäusebasis beherbergt nur Tastatur und Batterien. «Damit sind die verschleissanfälligen Leiterbahnen auf ein Minimum beschränkt», sagt Behar, dessen Karriere im Silicon Valley mit dem Design von IT-Geräten begann.

«Unverdorbene» Anwender

«Als Industriedesigner arbeite ich für ein Publikum von maximal einer Milliarde Menschen. Jetzt darf ich für die anderen sechs Milliarden arbeiten», strahlt Behar. «Zudem ist dies ein Null-Kompromiss-Projekt. Normalerweise stossen wir überall an Grenzen und müssen einen Mittelweg finden.» Der OLPC dagegen soll Grenzen durchbrechen. «Nicholas Negroponte hat ein Team der besten Wissenschaftler des MIT zusammengestellt, das jede Herausforderung annehmen und darüber hinausgehen soll.» Niemand mache Abstriche, und zugleich gibt es weniger Limitationen: «Wenn Sie ein Werkzeug für Menschen bauen, die noch nie einen Computer benutzt haben, unterliegen sie nicht den gängigen Konventionen. Die Tastatur etwa ist völlig neu – wir hatten keinen Grund, blödsinnige Tastenanordnungen zu übernehmen, nur weil sie sich eingebürgert haben. Unsere Benutzer sind unverdorben. Auch das macht diese Arbeit unvergleichlich.» Allerdings auch den Aufwand, gesteht Behar: Allein die Tastatur habe eine Diskussion und mehrere Tausend E-Mails verursacht. «Wir erhalten täglich Präsentationen vom Medialab und vom Hersteller Quanta in Taiwan. Und jeden Abend verschicken wir unsere Antworten. Ich stehe in ständigem Kontakt mit Nicholas.»

Auch der Designer will keine Abstriche machen. Liebevoll wischt Behar ein Staubkorn vom Modell. «Sehen Sie die texturierte Oberfläche? Ihre Herstellung ist sehr teuer. Aber wir wollen, dass das Gerät griffig ist und ein taktiles Erlebnis bietet. Es soll aus zwei Metern Distanz ebenso interessant sein wie aus dreissig Zentimetern.»

«Eines hat mich meine Erfahrung als Designer gelehrt: Qualität ist ein universaler Wert. Menschen rund um den Globus können sie von Ramsch unterscheiden. Es gibt keinen Grund, in einem Projekt für die Dritte Welt auf Qualität zu verzichten», sagt Behar. Oder es mit einer Kurbel zu brandmarken.

Yves Behar, Fuseproject: www.fuseproject.com

Spitzentechnologie im Dienst der Kinder

Der «One Laptop per Child» (OLPC) soll ab kommendem Frühjahr in einer Startauflage von 5 Millionen Stück hergestellt werden. Er wird nicht frei verkauft, sondern Regierungen ab einer Mindestbestellung von einer Million Stück geliefert. Die Pilotländer sind Brasilien, Argentinien, Nigeria, Ägypten, Thailand und China. Die OLPC-Initiative des MIT Medialab unter Nicholas Negroponte strebt einen Preis von 100 Dollar für das Gerät an.
Es soll unter schwierigsten Bedingungen funktionieren und über die Kinder, die es erhalten, den Familien Zugang zu Informationen und Kommunikation ermöglichen. Viele technische Probleme sind mit eigenen Entwicklungen gelöst worden:

  • Der Farbbildschirm mit 640 mal 480 Punkten lässt sich in einen Schwarzweiss-Modus umschalten. Sonnenlicht verstärkt den Kontrast, statt ihn wie bei LCD zu verringern.
  • Die Funkantennen haben eine Reichweite von rund einem Kilometer bei minimalem Stromverbrauch.
  • Das Netzwerk besteht aus einem so genannten Mesh und funktioniert wie ein kleines Internet. Jeder Rechner dient als Knotenpunkt für alle andern, auch in ausgeschaltetem Zustand, und garantiert damit andern den Zugriff aufs Internet oder einen Server im Dorf.
  • Das Mauspad lässt sich per Knopfdruck in eine Schrifteingabefläche von voller Bildschirmbreite umschalten. Der Monitor stellt die handschriftliche Eingabe dar.
  • Kamera und Mikrofon machen aus dem Laptop zusammen mit der Internet-Telefoniesoftware Skype ein Videotelefon.
  • Zwei LED-Leuchten am unteren Bildschirmrand dienen als Arbeits- oder Leselicht.
  • Der Speicher besteht aus 512-Megabyte-Flash-Memory und ist per SD-Karte erweiterbar. Die Benutzer sollen im Internet Speicher für eigene Daten erhalten.
  • Die Software basiert auf dem freien Linux-Betriebssystem und wird aus einer umfangreichen Kollektion eigens für den OLPC geschriebener Anwendungen und Lernspiele ausgestattet.
  • Der Stromverbrauch ist mit 2 Watt im Betrieb und 0,25 Watt im ausgeschalteten (Mesh-)Zustand extrem niedrig.
  • Die Energieversorgung erfolgt durch ein externes Gerät, das in vier Varianten verfügbar ist: Kurbel-, Zug- oder Pedalgenerator oder ein Standardnetzteil; als Option bleiben weitere Entwicklungen wie Solarpanels möglich. (pit)
OLPC-Projekt: www.laptop.org

Digital

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