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Der Chip, der das Gepiepse stoppte

24. Oktober 2007, 07:44

Ein Stück Silizium definierte vor 25 Jahren die Computermusik neu. Noch heute mischt diese Hardware in der Popszene mit.

Der Soundchip MOS 6581 SID begründete die moderne Gamemusik.
Der Soundchip MOS 6581 SID begründete die moderne Gamemusik.
Von Christian Bütikofer

Hiphop-Superstar Timbaland wird dieses Jahr nicht so schnell vergessen. Er produzierte Nelly Furtados Hit «Do It» und kupferte dabei ungefragt das Lied «Acidjazzed Evening» des finnischen Musikers Janne Suni ab. Suni erstellte das Original vor sieben Jahren an einer Computerparty; die dabei verwendete Technik basiert auf dem über 25 Jahre alten Computerchip SID (Sound Interface Device), der im populären Heimcomputer Commodore 64 (C64) für Töne sorgte.

Rapper Timbaland unterschätzte die Popularität von SID und die Grösse der Musikszene, die sich mit diesem Chip befasst. Der Ideenklau wurde schnell publik und Timbaland auf Youtube gebrandmarkt; er habe den Song sogar schon ein Jahr vorher kopiert und als Klingelton verhökert, hiess es dort. Sogar das Magazin «Rolling Stone» nahm die Geschichte auf. Timbaland hätte es eigentlich besser wissen müssen, denn SID ist viel mehr als bloss ein Stück Silizium. SID definierte vor 25 Jahren neu, wie Musik in zukünftigen Computern tönen muss.

Versteckter Synthesizer für alle

SID-Erfinder Robert Yannes hatte 1981 gerade einmal fünf Monate Zeit, um für den geplanten Heimcomputer Commodore 64 einen Musikchip zu entwickeln. Billig sollte er vor allem sein, aber Yannes hatte auch eine persönliche Mission: «Ich fand, dass die auf dem Markt vorhandenen Soundchips primitiv waren [...] und von Leuten entwickelt wurden, die keine Ahnung von Musik haben», meinte er im Buch «On the Edge: The Spectacular Rise and Fall of Commodore».

Was Yannes erfand, wird das amerikanische «Byte Magazine» später in die Liste der 20 wichtigsten Chips der Computergeschichte aufnehmen. Der SID bot mit drei programmierbaren Stimmen bis dahin unerreichte Klangvarianten. Die Stimmen konnten mit Filtern verändert werden, was die Anzahl verschiedener Töne vervielfachte. Dazu bestand der Chip nicht nur aus digitalen Bestandteilen, sondern auch aus analogen Komponenten: Dies erhöhte die Tonvarianten ebenfalls. Auch die Wiedergabe von Samples beherrschte SID, wenn man ihm durch Softwaretricks ein wenig auf die Sprünge half. Mit all diesen Möglichkeiten wurde SID ein verkappter Synthesizer, versteckt in einem Heimcomputer für weniger als 1500 Franken.

Der Commodore 64 wurde im September 1982 erstmals in die Regale gestellt und verkaufte sich über die Jahre etwa 22 Millionen Mal. Er war der Spielcomputer seiner Zeit schlechthin, Schätzungen gehen davon aus, dass über 17'000 kommerzielle Games für den C64 programmiert wurden. Und jedes Spiel wollte mit Musik untermalt werden. So entstanden unzählige Lieder für den SID, die heute zu Klassikern der Computermusik zählen. Am Anfang jedoch produzierten die Musiker nicht mehr als das nervende Gepiepse, das man von damaligen Computern gewöhnt war.

Die ersten Musiker waren Hacker

Erst um 1985 entdeckten einige Computermusiker, wie man durch komplexe Programmierkniffs den SID-Chip so austrickst, dass er mehr als die vorgesehenen drei Stimmen lieferte. Plötzlich waren ganz neue Songs möglich. Wer damals fähig war, solche Musik zu programmieren, musste nicht nur von Notation eine Ahnung haben, sondern war auch mit den technischen Möglichkeiten des Chips bis ins Detail vertraut. Die Musiker mussten die Maschinensprache des jeweiligen Computers beherrschen und waren letztlich das, was man in den Anfängen der Computerindustrie unter dem Begriff «Hacker» verstehen würde: Computerexperten, mit der Maschine auf Du. Das war auch nötig, denn diese Computer-Pioniere mussten nicht nur lernen, wie man die Hardware richtig benutzt, sie mussten meist auch die Software selbst herstellen, die ihnen das Komponieren der Lieder erst ermöglichte.

Geburt des Gamesoundtracks

Als die ersten Games mit den neuen Melodien auftauchten, glaubten die Rezensenten ihren Ohren nicht. Ein Redaktor des englischen Magazins «Zzap!64» meinte zum Spiel «Thing on A Spring», das der Engländer Rob Hubbard vertonte: «Der Sound ist so unglaublich, dass ich ihn nicht beschreiben kann. Wartet einfach, bis Ihr ihn hört. Worte versagen.» Damit war die SID-Musikszene lanciert. Und das erste Mal zeigte sich, dass die Musik wichtiger werden konnte als das Computergame selbst. Was in der Filmindustrie schon längst bekannt war, nämlich dass die Musik einen Film nicht nur unterstützt, sondern massiv aufwerten kann, erfuhren jetzt auch die Spielhersteller. Die Konsumenten kauften manchmal Games schlicht darum, weil ein bekannter Komponist für den Sound verantwortlich war. Und auf dem Pausenplatz kursierten die ersten kopierten Disketten, die ausschliesslich Computermusik enthielten. Sie waren letztlich Vorboten der heutigen Soundtracks, die man – ähnlich wie bei Filmen – auch für jedes Spiel speziell kaufen kann (ein Beispiel ist die Webseite www.music4games.net ).

Für etliche Computermusiker war der SID-Chip der Einstieg in die Spielbranche als Sounddesigner, so auch für den Deutschen Chris Hülsbeck. Etliche Fanseiten im Web zeigen: Er geniesst einen Kultstatus, wie man ihn sonst nur von Popstars kennt. Hülsbeck hat die SID-Szene längst verlassen und produziert heute für neue Gamekonsolen oder geht privaten Projekten nach – wie die meisten anderen Soundtüftler von damals. Sein Ruhm aber stammt aus den SID-Zeiten und die hinterlassen ihre Spuren nicht nur bei Rapper Timbaland: Hülsbecks Gamesongs werden heute von klassischen Orchestern aufgeführt. Auf diversen Webseiten gibts etliche Remixes alter Hits als MP3-Datei zum freien Download, und auch alternative Bands wie Machinae Supremacy, Daft Punk oder Techno-DJs befassen sich seit langem mit den einst exotischen SID-Kreationen.

Gratis SID-Musik zum Download

Seit 1996 katalogisieren der Schwede Peter Sandén und seine 16 Mitstreiter durch ihre Website «High Voltage SID Collection» sämtliche SID-Sounds, die ihnen in die Finger kommen. Dabei kontaktieren sie auch die Komponisten, wenn bei einem Lied der Urheber nicht bekannt ist. Copyright-Probleme hat Peter Sandén nicht, wie er gegenüber dem englischen Magazin «Retrogamer» sagte. Im Gegenteil, die meisten Musiker seien froh, dass ihre alten Werke an einem zentralen Ort aufbewahrt würden, meinte Sandén weiter.
Die aktuelle Sammlung umfasst über 30'000 Lieder. Sie stehen alle gratis zum Download bereit und fordern über 200 Megabyte auf der Festplatte. Die Songs sind alphabetisch nach Titel oder Komponisten geordnet. Zum Einstieg empfehlen sich die Werke von Rob Hubbard, Martin Galway, Ben Daglish, Chris Abbott, Fred Gray, Matt Grey, Jeroen Tel oder Chris Hülsbeck.
Die Sounds spielt man mit der Software Sidplay ab. Auch sie ist kostenlos und existiert für diverse Betriebssysteme (u.a. Windows, Mac). Für den bekannten MP3-Player Winamp existiert unter Windows zusätzlich ein Plug-in. Wer sich die Downloads sparen möchte, hört übers Web ins Radio Nectarine rein. Nectarine sendet aus Paris Tag und Nacht diverse Songs, die seit den 80er-Jahren entstanden sind. Auf Nectarine findet man vorwiegend viele Remixes, also neu arrangierte Stücke der Originale. Die Website «Remix Kwed» wartet mit einem ähnlichen Angebot wie Nectarine auf. Ganz im Gegensatz zur finnischen Website «Kohina», die vor allem original belassene Stücke sendet. Alle drei verbreiten nicht nur SID-Songs.
Neben diversen Webseiten-Projekten melden sich auch einige Komponisten mit einem eigenen Angebot. So bietet etwa der englische Computermusiker Chris Abbott auf der Website C64Audio.com etliche seiner alten Werke gratis an - im aktuellen MP3-Format. Seine neuen Stücke muss man bezahlen, allerdings zu einem moderaten Preis. Ähnlich geht der Deutsche Chris Hülsbeck vor. Er bietet seine Werke auch über iTunes an. (chb)

www.hvsc.c64.org
http://sidplay2.sourceforge.net
www.scenemusic.eu
http://remix.kwed.org
www.kohina.net
www.c64audio.com
www.huelsbeck.com

SID-Hardware für aktuelle Rechner

Originale Commodore 64-Computer mit dem eingebauten Musikchip SID gibts schon lange in keinem PC-Geschäft mehr. Dank innovativen Tüftlern müssen Musikinteressierte jedoch nicht auf Hardware verzichten, mit der sie SID-Musik auf heutigen PCs oder Macs erzeugen können.

HardSID ist eine mit einem SID-Chip bestückte Soundkarte, die von der ungarischen Firma Hard Software hergestellt wird. Die Steckkarte kann man sowohl in PC- als auch in Mac-Computer einbauen, die über einen PCI-Steckplatz verfügen. Die HardSID gibt es ab 189 Euro.
www.hardsid.com

Die SIDstation ist ein Synthesizer, der auf einem SID-Chip basiert. Mit dem Gerät der schwedischen Firma Elektron kann man die Originalsounds unabhängig vom PC nutzen. Momentan sind alle SIDstations ausverkauft, jedoch findet man auf Auktionen wie Ebay immer wieder Angebote. Ab 1000 Euro.
www.sidstation.com

Catweasel ist ein Produkt des deutschen Ingenieurs Jens Schönfeld. Das Gerät ist eigentlich ein universeller Diskettencontroller, mit dem man nahezu jedes Diskettenformat lesen und schreiben kann. Darüber hinaus gibts aber auch die Möglichkeit, einen originalen SID-Chip auf der Karte einzusetzen. Catweasel MK4 PCI kostet ab 99 Euro. (chb)
www.jschoenfeld.com
www.vesalia.de

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