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Mit aller Kraft den Deckel sprengen

17. Januar 2005, 01:09

Der 24-jährige Mesut Güngör aus Liestal BL mischt mit seiner Firma im jungen Markt der Windows Media Center mit und will ganz hoch hinaus.

Mesut Güngör (links) und sein Bruder Senol wollen den Windows-Media-Center-Markt in den Hand bekommen.
Mesut Güngör (links) und sein Bruder Senol wollen den Windows-Media-Center-Markt in den Hand bekommen.
Von Simone Luchetta

«Star Trek» ist schuld. Auf seine Lieblingsfernsehserie wollte Mesut Güngör einfach nicht verzichten, das berufsbegleitende Studium liess ihm aber keine Zeit dazu. Eine Lösung für sein Problem sah der Technikbegeisterte jenseits des grossen Teichs, wo die ersten Windows Media Center (WMC) von sich reden machten. «Die Idee, alle multimedialen Inhalte – Bilder, Musik, Film –, Internet und TV aus einer Hand zu haben, begeisterte mich. Und ich sah die Möglichkeit, ‹Star Trek› auf die Festplatte aufzunehmen», erzählt Güngör. Der damals 21-Jährige bestellte kurzerhand in den USA eine US-Version der Windows-Stubensoftware und begann, ein Media Center zu bauen. Tag und Nacht tüftelte er in seinem Zimmer, schrieb Treibersoftware, passte Einzelteile an, bis es lief. Im November 2003 hielt er den ersten Prototyp in den Händen. In der Zwischenzeit war der Gedanke gereift, darauf seine Zukunft zu bauen, ein Geschäft daraus zu machen. Den Prototyp schickte er Microsoft: «Ich wollte unbedingt Partner werden.»

Mesut Güngör sitzt am aufgeräumten Pult in seiner Firma Prime Time Media Entertainment (PTME) in der 13 000-Seelen-Kleinstadt Liestal. Im Dachgeschoss eines Wohnblocks hat PTME einen stubengrossen Raum gemietet und frisch bezogen. Es ist erfrischend ungestylt, ja spiessig: vier Arbeitsplätze, in der Ecke ein überdimensionaler Flachbild-TV und ein hauseigenes WMC-Gerät. An den Wänden hängen Zeitungsausschnitte, sorgfältig platziert und gerahmt. Auf seinem Pult ein Bild von Mesut mit Freundin. «Unsere Firma kommt direkt aus dem Wohnzimmer», sagt er. PTME, das sind die PR-Verantwortliche Gabi, Wirtschaftspraktikant Viet und John, der Softwareentwickler – Durchschnittsalter 22. Gegründet hat er sie zusammen mit seinem Bruder Senol im Januar 2004: «Mir war klar, dass ich eine Firma haben musste, bevor ich überhaupt mit Microsoft sprechen würde. Die hätten mich sonst nicht ernst genommen.»

Schneller als Microsoft

Beim Softwareriesen in Wallisellen war man damals noch nicht so weit. Noch war niemand für Windows Media Center zuständig. Monate verstrichen, immer wieder riefen die Güngörs an, bis sich Microsoft meldete. «Die waren begeistert von unserem Prototyp», sagt Güngör. Man wurde Partner. Zum Markteintritt am 13. Oktober 2004 konnte PTME als einziger der lokalen Wettbewerber mit fünf unterschiedlichen Modellen antreten.

Bei der Softwareschmiede war man wenig überrascht über die Jugendlichkeit der neuen Partner. «Die besten Genies im Bereich Hard- und Software sind 18 bis 25 Jahre alt», weiss der WMC-Verantwortliche Marcel Meier. Technisch hätten sie die Ansprüche voll erfüllt. Andere Kompetenzen seien beim Unternehmerischen gefragt, und das könne er nicht bewerten.

Kaufmännisches Knowhow holte sich Mesut Güngör als Absolvent der Handelsmittelschule. Das technische Rüstzeug hat sich der Computerfreak zu einem Grossteil selbst angeeignet. Mit sieben Jahren bastelte er an seinem ersten Computer. Nach der Matura studierte er neben seinem KV-Brotjob Wirtschaftsinformatik. Im letzten Sommer schloss er ab.

Bis heute hat Güngör rund 70 000 Franken in sein Unternehmen investiert. Rund 50 der preiswerten Geräte hat er bisher verkauft, hauptsächlich an Firmen und Fachhändler, aber auch an Private. Die Firma betreibt Just-in-time-Produktion: Was bestellt wird, wird gleich verarbeitet. Kommt über www.ptme.ch ein Auftrag herein – PTME verkauft nur über das Internet –, setzt sich Güngör ans Telefon, bestellt bei den sieben Schweizer und dem taiwanesischen Hardwarelieferanten Grafikkarten, Motherboard, Chip etc. Diese liefern binnen 24 Stunden nach Liestal, wo das WMC in diesem Raum zusammengebaut und danach verschickt wird. Laden, Lager und Lagerkosten gibt es nicht.

Noch schreibt Güngör rote Zahlen, die Angestellten arbeiten unentgeltlich. Mit dem ersten grossen Auftrag soll sich das ändern. Bisher musste er manchen Grosskunden abweisen, weil er nicht liefern konnte. In der Tat: Wie soll PTME 3000 Geräte – rund 6 Millionen Umsatz – aufs Mal mit der heutigen Infrastruktur bewältigen? Güngör sucht Investoren, um solche und andere Aufträge in Zukunft abwickeln zu können. Er will eine Produktion aufbauen, hier und überall auf der Welt. «Wir entwickeln unsere Produkte dauernd weiter, die Nachfrage ist da, aber uns fehlt das Geld, um breiter zu fahren.» Güngör redet sich ins Feuer, erzählt von «bahnbrechenden» Produkten, die er in der Pipeline habe, die unser Fernsehverhalten grundlegend ändern werden. Genaueres will er später darüber nicht lesen, aus Angst, ein Konkurrent käme auf dieselbe Idee. «Wir lassen Zeit verstreichen, und das ist unser grösster Feind.»

Sonst machen ihm die Mitbewerber wenig Sorgen. PTME sei in der Entwicklung ein bis zwei Jahre voraus und die einzige Firma, die WMC als Kerngeschäft betreibe. Wie aber will Güngör den Angriff einer HP parieren, die im Frühling einsteigt? Der Riese HP habe grosse Walzen, die langsam drehten. «Wir aber sind klein, schnell und wendig und können sofort reagieren. Das ist unser Vorteil», so Güngör. Und er setzt noch einen drauf: «Da wir WMC-Software und Hardware herstellen, haben wir das Potenzial, den ganzen Kuchen weltweit zu schnappen. Warum sollen wir uns mit einem Teil zufrieden geben?» Pause. «Wir könnten Wunder fabrizieren.»

Grosse Worte, knackige Slogans. Ein Traumtänzer, ein Schaumschläger, ein Schwätzer? Wie seit New Economy altbekannt? Mesut Güngör strahlt das nicht aus. Er spricht klug und überlegt, argumentiert stimmig und ist nie um eine Antwort verlegen. Mit seiner randlosen Brille, dem frischen Hemd, der schwarzen Baumwollhose, Schnitt Rüebli, wirkt er so aufgeräumt wie sein Büro – entwaffnend echt.

Türkei-Basel einfach

«Herr Güngör, leben Sie anders als Ihre Altersgenossen?» – Nein, aber er habe mehr erlebt. Das habe ihn geprägt. Seine Eltern sind Exilflüchtlinge aus der Türkei. Sie zogen die Buben nach, als Mesut sieben war. Er besuchte die Schulen, lernte Deutsch, spricht akzentfrei Dialekt und besitzt einen Schweizer Pass. Und er wohnt noch daheim im basel-landschaftlichen Waldenburg. «So konnte ich viel Geld sparen, das ich in PTME investierte.»

«Wie ehrgeizig sind Sie, auf einer Skala von 1 bis 10?» - «10. Wenn man rauswill, muss man mit geballter Kraft gegen den Deckel drücken und ihn sprengen.» – «Welches Ziel haben Sie sich mit PTME 2005 gesteckt?» – «Den Schweizer Markt in die Hand zu bekommen. Wer WMC hört, soll als Erstes an uns denken.» – «Herr Güngör, besitzen Sie einen iPod?» – Entsetzen. «Nein, würde ich nie kaufen. Ich habe ein Portable Media Center.»

Was ist ein WMC?

Ein Windows Media Center (WMC) ist ein Gerät, das aussieht wie ein Videorecorder oder eine Mini-Musikanlage, aber ein Computer mit Windows-Betriebssystem ist. Installiert ist die Stubensoftware Windows XP Media Center Edition (MCE), an der Microsoft bereits drei Jahre bastelt. Seit dem 13. Oktober 2004 ist sie in der dritten Version auch in der Schweiz erhältlich.
Stehen soll der verkappte PC ganz im Sinne des «digital Lifestyle» in der Stube, wo er nicht mit Tastatur und Maus, sondern über eine Fernbedienung gesteuert wird und Game, Musik, TV und Internet verbindet. Ein WMC kann TV-Sendungen auf der Festplatte aufnehmen, Fotos und Diashows abspielen, surfen und mailen, Radio empfangen, Musik und Filme spielen und archivieren sowie Onlinedienste von Drittanbietern offerieren. (luc)

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