Digital

«Der Computer verschwindet quasi»

07. November 2005, 00:19

Wie sieht unsere digitale Welt in zehn Jahren aus? Walter Hehl vom IBM-Forschungslabor beschäftigt sich professionell mit dieser und anderen Fragen.

Steigende Leistung in immer kleineren Formen – so sieht Walter Hehl die Zukunft der Computer.
Steigende Leistung in immer kleineren Formen – so sieht Walter Hehl die Zukunft der Computer.
Mit Walter Hehl sprach Roger Zedi

Herr Hehl, Sie blicken regelmässig in die technologische Zukunft. Wie erforscht man etwas, das es gar noch nicht gibt?

Es gibt zwei Wege dazu. Der eine geht von Ideen einzelner Forscher aus, denen sie nachgehen – so ist beispielsweise der Millipede entstanden, ein nanomechanischer Speicher mit extremer Leistungsfähigkeit. In der Industrieforschung ist das aber die Minderheit, der wesentliche Teil der Forschung ist natürlich geplant und folgt einer Strategie. Vor fünf Jahren waren das etwa drahtlose Anwendungen, die sich als künftiges Geschäftsfeld abzeichneten.

Vor über zehn Jahren gab es unter anderem die Idee, wir würden einmal mit den Computern sprechen. Was ist schief gelaufen?

Da sind verschiedene Dinge zusammengekommen. Eine Unterhaltung zu verstehen, hat sich für den Computer als sehr schwer erwiesen. Der gesamte Bereich der künstlichen Intelligenz hat sich weniger rasch entwickelt als damals angenommen. Zudem gibt es auch in der Forschung und Industrie so etwas wie Moden. Wenn nach einer gewissen Zeit der Erfolg ausbleibt, wendet man sich von einem Thema wieder ab.

Also ist Reden mit dem Computer kein Thema mehr?

Wir arbeiten seit 35 Jahren daran und tun es weiterhin. Und wir haben unsere Software dafür freigegeben, damit die Entwicklung auf diesem Gebiet hoffentlich etwas beschleunigt wird.

Kann es nicht sein, dass die Leute keine Lust haben, mit ihrem Computer zu reden?

Nun, ein grosses Geschäft jedenfalls ist dieser Bereich nicht, das haben Sie gerade mit anderen Worten ausgedrückt. Das Thema war wohl ein bisschen akademisch. Was wir gelernt haben, ist, dass Sprache als einziger Kanal nicht ausreicht, um mit dem Computer umzugehen, weil sie immer sequenziell ist - am Bildschirm hingegen können Sie diverse Dinge optisch gleichzeitig erfassen.

Ebenfalls nicht Realität geworden sind Computer in Kleidungsstücken.

So genannte wearable Computer sind schlicht und einfach vom Handy überrollt worden. Wir haben in unseren Labors auch wearable Computer gebaut, mit tragbaren Displays wie Brillen, damit man etwa bei der Wartung einer Maschine die Hände frei hat. Das ist aber in der Arbeitswelt kaum akzeptiert worden. Die Anwendungen werden heute mit anderen Mitteln vollzogen, mit PDAs, Laptops, Handys. Den grössten Erfolg hatte unsere Lösung bei den Journalisten. Der wichtigste Bereich, wo wir wearable Computing haben werden, ist in der Medizin. Aber auch da werden gemessene Werte via Handy übertragen werden.

Die Handys sind also quasi unsere wearable Computer?

Ja, durchaus. Und dazu noch ein sehr persönlicher.

Apropos persönlich: Wie intim wird unsere Beziehung zum Computer werden? Werden wir sie am Körper tragen, vielleicht sogar im Körper?

Da ist technisch einiges machbar. Wenn Sie einen Herzschrittmacher haben, ist das bereits ein Computer im Körper. Wenn Sie aber allen Identitätschips einpflanzen wollen, dann macht das keinen Sinn, alleine deswegen, weil die heutigen Chips zu leicht fälschbar wären. Aber der körperliche Kontakt wird neben der Medizin auch bei Games wohl weiterhin eine Rolle spielen.

Werden Computer selber Körper kriegen, also vermehrt zu Robotern werden?

Wohl eher nicht, selbst wenn die Roboter versuchten, menschlich auszusehen. Aber die grosse Anwendung von Robotern wird weiterhin in der Fabrikation sein, nicht zu Hause.

Heutige Computer machen eigentlich immer noch dasselbe wie die ersten Rechner vor 50 Jahren: Sie rechnen mit 0 und 1. Wird sich daran etwas ändern?

Nun, unser Gehirn funktioniert ja auch schon seit längerem immer gleich. Auf der untersten Ebene arbeiten Computer tatsächlich immer noch gleich wie eh und je, aber weiter oben tut sich einiges. Die Abstraktion wird immer grösser. Die Computer erhalten immer mehr Input von Sensoren und können mehr und mehr Dinge erkennen.

Ein grosser Schritt war sicher die Vernetzung von Computern bis hin zum Internet. Wie werden Computer künftig zusammenarbeiten?

Eine Entwicklung geht dahin, dass die Computer immer kleiner werden und dass wir darum überall Computer haben werden, wobei nicht alle diese Geräte vollständige Computer sein werden. Einige sind eher Sensoren, die einfach Daten liefern, andere können kleine mechanische Aufgaben ausführen, das sind dann eher so etwas wie Aktoren. Alle werden Chips haben. Nun können Sie so eine Ansammlung von Computern zentral steuern, oder aber die Computer organisieren sich quasi selber und bilden spontane Netzwerke. Darüber hat man schon einiges gelernt bei Grosscomputern, das wird sich im Kleinsten wiederholen.

Können Sie ein konkretes Bespiel geben?

Nun, nehmen wir etwa eine Gruppe von Sensoren, die etwas messen. Angenommen, einer hat eine grössere Batterie als die anderen. Dann können sich die Sensoren so organisieren, dass der mit mehr Strom mehr Aufgaben übernimmt. Er könnte zum Beispiel die Datenübertragung für sich und die andern abwickeln.

Wir werden also künftig unter dem Begriff Computer viel mehr auffassen müssen, als die Kisten auf unseren Pulten?

Sicher. Heute hat man sofort so eine Kiste vor Augen. Dieses Bild löst sich auf, der Computer verschwindet quasi. Sie werden Rechner haben, die noch so gross sind wie Sandkörner – heute sind sie schon so klein machbar wie Tischtennisbälle. Immer mehr Geräte werden zu Computern werden, ganze Räume können als Computer aufgefasst werden. Nebst der Hardware braucht das natürlich auch Software und – ganz wichtig – Regeln.

Woran denken Sie dabei?

Der Datenschutz ist eine der ganz wichtigen Regeln. Bei den Banken etwa gibt es schon recht komplexe Regelwerke, die befolgt werden müssen, damit sie belegen können, liquid zu sein oder keine Geldwäscherei zu betreiben. Solche Regeln wird es viele geben, und man wird sie in den Computersystemen verankern.

Es wird also nicht nur technische Fragen zu lösen geben, sondern auch organisatorische, politische.

Absolut. Es gibt verschiedene Triebfedern für diese Systeme. Als Bürger wollen wir nur so viele Daten über uns gespeichert wissen, wie wirklich notwendig. Die Justiz hat andere Wünsche. Das Management einer Firma möchte alle Geschäftsdaten verfügbar haben, so aktuell wie nur möglich.

Diese Szenarien lösen auch Ängste aus.

Nun, es gibt dabei eine Basis für alles: Sicherheit. Wenn die Netzwerke nicht sicher sind, gibt es keinen Datenschutz, aber auch keine wirtschaftlichen Anwendungen.

Ebenfalls Sorge bereitet der so genannte Digital Devide. Wird es für Leute, die mit dem Computer nicht umgehen können oder wollen, nicht immer schwieriger?

Es gibt Wissenschaftler, die sagen, wer mit dem Computer nicht umgehen kann, hat bald ausgedient – so drastisch sehe ich das nicht. Die junge Generation geht heute doch schon sehr intuitiv mit den Computern um. Die Schwelle, auf Informationen zuzugreifen, wird zudem immer niedriger. Wer schreiben kann, kann auch in Google etwas nachschauen. In ein paar Jahren könnte es reichen, Ihr Telefon etwas zu fragen, mündlich.

Da der Mensch auf absehbare Zeit so bleibt, wie er ist, muss sich doch die Technik zwangsläufig an ihm orientieren.

Das ist durchaus so. Mir fällt aber noch etwas Weiteres auf. Wenn die Technik so gut läuft und überall verfügbar ist, dass sie quasi verschwindet, dann kommt es eben wieder mehr darauf an, wie die Menschen miteinander umgehen.

Zur Person

Der Physiker Walter Hehl (61) ist im Industry Solutions Lab der IBM in Rüschlikon verantwortlich für dessen wissenschaftliche Inhalte und Technologien. In Workshops berät er Unternehmen und Institutionen aus aller Welt über die künftigen Auswirkungen der Informationstechnologie auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, blickt also professionell in die nahe bis mittlere Zukunft. Er war unter anderem Professor für Softwaretechnologie an der Universität Dresden und arbeitet seit 1973 für die IBM. Aktuell beschäftigt er sich mit dem Innovationsmanagement in Firmen. (rcz).

Tweakfest: Zwei Tage Visionen

Das 2005 erstmals stattfindende «Tweakfest» will Antworten auf Fragen rund um unsere digitale Zukunft liefern. Wie wird sie aussehen? Welche Gefahren birgt sie? Wem gehört sie?
Die zweitägige Veranstaltung bringt Experten aus Forschung, Wirtschaft und Kultur zusammen und will einen Dialog zwischen den Disziplinen sowie mit der Bevölkerung anstossen. An der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich finden am 9. und 10. November diverse Vorträge, Podiumsgespräche und Diskussionen statt. Die Themen reichen von «Totale Überwachung – im Namen der Sicherheit?», «Das intelligente Haus» oder «Krieg der Konzerne im Wohnzimmer» über «Mobile Medizin», «Unser Leben mit Robotern» und «Das Urheberrecht im Umbruch» bis hin zu «Die Zukunft der Fernbedienung». Am Donnerstagabend findet eine Party mit Performances statt.
Walter Hehl spricht am 10. November über «Ausblick auf das Leben mit Computern in 10 Jahren».

Spezialangebot für TA-Leser (solange Vorrat): Zutritt zu allen Veranstaltungen vom 9. und 10. November für 75 Franken. Bestellung per E-Mail unter register@tweakfest.ch mit dem Stichwort «Tages-Anzeiger». (rcz)

Weitere Informationen und reguläre Tickets gibt es unter www.tweakfest.ch

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