Diese Karte kennt Ihre Gesundheit
09. Januar 2006, 21:27Gehts nach dem Bund, wird bald jeder Bürger eine digitale Gesundheitskarte erhalten. Die Karte soll Geld sparen, ist aber nicht unumstritten.
Von Christian Bütikofer
Der Rettungsdienst trifft auf der Unfallstelle ein – und die Notärzte wissen sofort, welche Medikamente die bewusstlose Person verträgt und welche nicht. Denn sie verfügt über eine digitale Gesundheitskarte, in der alle für sie wichtigen Notfalldaten vermerkt sind.
Ein Patient wird zur Nachtzeit ins Spital eingeliefert. Ohne den Hausarzt aus dem Bett zu klingeln, weiss die Krankenschwester in der Notaufnahme, was sie als Erstmassnahme dem Patienten verabreichen darf und was nicht – denn er trägt eine Gesundheitskarte mit allen wichtigen persönlichen Daten auf sich.
Solche Beispiele führen einem die Befürworter einer nationalen Gesundheitskarte vor Augen, um zu zeigen, was sich für den Patienten mit ihr positiv verändern könnte. Dass eine Karte kommt, ist sicher, welche Daten darauf gespeichert werden, aber noch weit gehend offen.
Im Herbst 2002 hat der Bundesrat dem Parlament den neuen Artikel 42a im Krankenversicherungsgesetz (KVG) vorgeschlagen, um die Rechtsgrundlage für die Einführung einer Schweizer Versichertenkarte zu schaffen. Der entsprechene Artikel ist seit 2005 in Kraft, und das Ziel ist klar: Sämtliche Personen werden ab 2008 mit einer solchen Karte ausgestattet. Auf ihnen wird jede krankenversicherte Person anhand von Name, Geburtsdatum und Krankenkassennummer eindeutig identifiziert.
Spätestens per 2010 sollen mit dieser Karte auch medizinische Daten abgespeichert werden können: Dann würde die Versicherten- endgültig zu einer digitalen Gesundheitskarte. So nennt man sie, wenn darauf weitere Informationen (so genannte medizinische Basis- oder Notfalldaten) wie Allergien, Blutgruppe oder benutzte Medikamente enthalten sind.
Datenschützer äussert Bedenken
Digitale Versicherten- und Gesundheitskarten im Kreditkartenformat sind im Ausland bereits weit verbreitet. Denn sie gelten als wichtigster Grundpfeiler für die Verankerung von E-Health im Gesundheitswesen. Unter E-Health versteht man die Integration von Informatik in die Arbeitsabläufe des Gesundheitswesens. Die Gesundheitskarte ist deshalb so wichtig, weil auf ihr Informationen von verschiedenen Gebieten des Gesundheitssystems zusammenkommen und somit zentral verfügbar sind. So soll es mit der Karte in Zukunft möglich sein, Rezepte für Medikamente durch einen Kartenleser digital in der Apotheke einzulösen – man spricht dabei vom E-Rezept und «bezahlt», als benutze man eine Kreditkarte.
Die Gesundheitskarte soll nicht nur das (administrative) Leben für Patient und Arzt erleichtern, sondern auch die Kosten des Schweizer Gesundheitswesens senken, indem sie Fehlleistungskosten verhindert. Damit sind sowohl Doppelbehandlungen gemeint (z.B. Röntgenbilder) wie auch unnötige administrative Aufwendungen. Die Gesundheitskosten in der Schweiz betrugen 2002 etwa 48 Milliarden Franken. Laut Andreas Häffner vom Universitätsspital Zürich könnten davon etwa 2,6 Milliarden vermieden werden.
Obwohl alle grossen politischen Parteien die Gesundheitskarte unbedingt wollen – und dabei vor allem darauf hoffen, dass sie zur Kostensenkung im Gesundheitswesen führt –, der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte (EDSB) hat Bedenken. Er sieht zwar bei der Versichertenkarte keine datenschutzrechtlichen Probleme. Sehr wohl aber bei der Gesundheitskarte. Denn auf ihr können medizinische Informationen abgespeichert werden und sie bietet damit Zugriff auf die gesamte, lebenslange Krankengeschichte: «Es ist absehbar, dass mit dem Vorhandensein elektronischer Krankengeschichten auch der Druck auf den Einzelnen zunehmen wird, in gewissen Situationen Informationen über seine Gesundheit preiszugeben, so z.B. bei Stellenbewerbungen oder beim Abschluss von Versicherungen.»
Tessin ist dem Bund voraus
In der Schweiz existiert momentan noch keine Rechtsgrundlage für die Einführung einer Gesundheitskarte auf eidgenössischer Ebene. Und beim Bundesamt für Gesundheit war zu Beginn offenbar auch wenig Knowhow in diesem Bereich vorhanden, wie eine Studie der Hamburger Beratungsfirma Debold & Lux vermuten lässt, die seit Mitte September 2005 vorliegt. Denn sie zeigt, dass sich die ursprünglich vom Bundesrat vorgesehene Speicherkarte kaum zweckmässig umsetzen liesse. Debold & Lux schlagen darum statt einer einfachen Speicherkarte dringend eine teurere Mikroprozessorkarte vor, denn sie bietet dank ihrer Recheneinheit die erforderliche Sicherheit.
Bern hätte eigentlich ein Blick ins Tessin genügt: Dort wird eine solche Mikroprozessorkarte schon seit Beginn 2004 im kantonalen Gesundheitskarten-Pilotprojekt benutzt; es hält sich ausschliesslich an internationale Standards. Der Testlauf findet unter der Bezeichnung Rete Sanitaria (www.retesan.ch) im Raum Lugano statt und war bis Ende 2006 geplant. Auf Grund der neusten Entwicklungen auf Bundesebene wird das Projekt aber verlängert und deutlich intensiviert.
Schweiz hinkt hinterher
Obwohl das Tessin bei der Gesundheitskarte Pionierarbeit leistet: Das Projekt kommt spät. Denn wie im Bereich E Government, so befindet sich die Schweiz auch bei E-Health im europäischen Vergleich im Hintertreffen.
In Österreich ist die Gesundheitskarte namens E-Card seit Anfang 2005 in Betrieb; innerhalb eines Jahres wurden 8 Millionen solcher Karten verschickt. Deutschland führt die Gesundheitskarte derzeit im grossen Stil ein. Der Trend zur Gesundheitskarte ist nicht auf Europa begrenzt – auch in Kanada und den USA ist sie anzutreffen. Allein das New Yorker Spital Mount Sinai Medical Center will diesen Frühling mit 45 anderen Spitälern in New York an 100 000 Patienten eine solche Karte für je sieben Dollar versenden. Auf der New Yorker Karte sind für die Ärzte Krankengeschichte, aktuell benutzte Medikamente, vorhandene Allergien usw. ersichtlich.
Die neuen Gesundheitskarten sollen nicht nur das Gesundheitswesen verbilligen und Fehler bei der Behandlung vermeiden helfen. Sie sind auch für die IT-Industrie ein Riesengeschäft. So liefert der US-Ableger des Siemens-Konzerns in New York alle Geräte, vom Kartenleser bis zur Software. Dafür bezahlt die Firma den New Yorkern die ersten 100 000 Karten aus der eigenen Tasche.%perl>
Tessin verlängert Pilotprojekt
Im November 2004 startete der Pilotversuch mit elektronischen Gesundheitskarten im Tessin. 700 Patienten aus dem Raum Lugano bezogen die Carta Sanitaria durch Ärzte oder Apotheker. Sie enthält die jeweiligen Personalien, aber nicht die persönlichen medizinischen Daten (Blutgruppe, Allergien usw.). Man kann diese jedoch freiwillig und in verschiedenen Sicherheitsstufen auf der Mikroprozessorkarte ablegen.
Am Versuch beteiligen sich neben Patienten, Ärzten und Apotheken auch die Rettungsdienste sowie öffentliche und private Spitäler. Die Krankenkassen haben Beobachterstatus. Eine vom Regierungsrat ernannte Kommission aus Juristen und Ethikexperten unter der Aufsicht des kantonalen Datenschutzbeamten begleitet das Projekt.
Die Gesundheitskarte besteht eigentlich aus zwei Karten: der blauen Karte des Patienten und der grünen Health Professional Card (HPC) des Arztes. Nur Personen mit der HPC sind ermächtigt, die Karte des Patienten zu verarbeiten und dies ist nur möglich, wenn die Karte des jeweiligen Patienten auch im Kartenleser vorhanden ist. Der Hausarzt nimmt somit eine zentrale Rolle bei der Benutzung der Gesundheitskarte ein, denn nur er kann auch ein Backup der gespeicherten Daten durchführen.
Der Versuch im Tessin war bis Ende 2006 befristet. Da der Bund aber die Versichertenkarte 2008 einführen will, beschloss der Tessiner Regierungsrat, den Test bis Ende 2007 zu vertiefen, wie Projektleiter Ignazio Cassis dem TA bestätigte. So wird es im Tessin bald möglich sein, mit der Gesundheitskarte Rezepte bei Apotheken ganz elektronisch einzulösen Papierkram entfällt.
Ins Projekt involviert sind die Post, Siemens und Swisscom. Sie alle hoffen, sich später ihr Stück vom Auftragskuchen zu sichern, wenn die Gesundheitskarte national Realität wird. (chb)
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