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«Es geht um viel mehr als um Hollywood»

11. September 2006, 07:04

Lawrence Lessig kämpft für die Balance zwischen Kreativität und Kommerz. Er warnt vor einer «Nur-Lesen-Kultur», wie sie die Industrie propagiert.

Will Kreative beflügeln, nicht einschränken: Lawrence Lessig.
Will Kreative beflügeln, nicht einschränken: Lawrence Lessig.

Mit Lawrence Lessig* sprach Peter Sennhauser, San Francisco

Herr Lessig, Sie verschenken Ihr eigenes Buch im Internet. Warum?

Das ist ein Experiment des Verlags. Einige Leute werden es nicht kaufen, weil sie es gratis kriegen. Dann gibt es aber jene, die es zuerst im Internet sehen und es dann kaufen. Die zweite Gruppe ist grösser als die erste, und deswegen ist es eine gute Idee – das nützt allen, auch dem Verlag, der mehr Profit macht.

Just diese Balance zwischen Gemeinnutzen und Profit war ja das ursprüngliche Ziel des Urheberrechts.

Das geistige Eigentum, wie es anfangs definiert wurde, diente insgesamt der Förderung von Kreativität und Kultur: Den Schöpfern wurde mit den Verwertungsrechten ein Anreiz zur Schaffung von Inhalten gegeben, während zugleich der Allgemeinheit in einem bestimmten Rahmen der Zugriff garantiert wurde. In jüngster Zeit ist diese Balance massive bedroht.

Was ist schief gelaufen?

In den USA hat die Unterhaltungsindustrie extreme politische Macht gewonnen. Ihre Sicht des Erfolgs liegt in maximalem Schutz von geistigem Eigentum. Sie hat beide politischen Parteien davon überzeugt, dass das Wohl der Kulturschaffenden insgesamt im Urheberrecht liegt.

Und Ausserhalb der USA?

Aus mir nicht ganz erklärlichen Gründen hat sich diese Sichtweise auch im politischen Europa durchgesetzt, wo die Unterhaltungsindustrie wesentlich weniger Einfluss hat. Es ist bizarr, wenn Europäer sich verrenken, um Hollywood zufrieden zu stellen. Jetzt geht es darum, die Debatte auszuweiten und zu zeigen, dass mehr auf dem Spiel steht als die Interessen einer kleinen Sparte der Industrie.

Sind die Gesetzgeber also in die Irre geführt worden?

Das klingt etwas gar manipulativ. Wir Amerikaner zumindest sind aber nur zu gerne bereit, folgendem Missverständnis aufzusitzen: Die Rede ist von Eigentum und von Schutz, und beides ist uns wichtig. Wenn also Jack Valenti, der ehemalige Vorsitzende des Verbandes der Filmindustrie, sagt: «Wir wollen den gleichen Schutz für geistiges Eigentum wie für natürliches Eigentum», dann klingt das geradezu selbstverständlich.

Aber?

Das geistige Eigentum wurde zur Förderung von Kreativität geschaffen und muss deswegen anders betrachtet werden als materieller Besitz. Hollywood ist es aber gelungen, die beiden Begriffe in einen Topf zu werfen.

Also nutzt die Industrie die aktuelle Diskussion, um ihre Rechte auszudehnen?

Genau. Das Internet ermöglicht plötzlich Zugriffsarten, welche die Menschen bisher nicht hatten. Tatsächlich liesse sich einiges davon mit dem strapazierten Begriff «Piraterie» qualifizieren. Vor allem aber hat die Copyright-Industrie begriffen, dass jetzt ihre Zeit für die Definition der Regeln in einem neuen Zeitalter gekommen ist. Sie nutzt die Gunst der Stunde für eine gnadenlose Schlacht um die Definition der Rechte.

Damit macht sie sich aber bei ihren Kunden sehr unbeliebt. Hätten sanftere Methoden nicht mehr Aussicht auf Erfolg?

Es ist eine langfristige Strategie. Zunächst sehen wir ein aggressives Monstrum, das Studenten und Grossmütter vor Gericht zerrt. Aber das ist nur die Schocktherapie, die den Einbau weiterer Schranken in die Infrastruktur des Internets vorbereitet. Diese werden uns radikal einschränken. Künftige Geräte werden kein Material mehr abspielen, das der Industrie nicht in den Kram passt.

Was halten Sie von Digital Rights Management, kurz DRM?

Das ist eine Problemlösung, die selber eine Reihe grösserer Probleme schafft. Die Auswirkungen sind dieselben, wie wenn Sie das Gift DDT gegen Unkraut spritzen: Das Unkraut ist garantiert tot – aber zugleich haben Sie einen Haufen ekliger Umweltprobleme.

Können Sie das konkreter formulieren?

DRM löst einen winzigen Teil des ganzen Problemkreises: Es rettet das Geschäftsmodell der Industrie, welche kommerzielle Inhalte produziert. Aber DRM sperrt Kultur in technischen Geräten ein – und die Maschine gibt Ihnen nur Zugriff, wenn Sie den richtigen Schlüssel haben. Das bedeutet wahrscheinlich, dass wir in zehn Jahren überhaupt keinen Zugriff mehr darauf haben, weil sich die Software ändert. Die Bücher aus dem 16. Jahrhundert hingegen können wir heute noch lesen, wir müssen sie nur aufschlagen.

Doch wie etwa der Erfolg von iTunes zeigt, scheinen die meisten Menschen damit leben zu können.

Genau das i s t das Problem. Denn damit wird nur eine einzige Sparte der Kultur geschützt. Ich nenne sie die «Nur-Lesen-Kultur».

Was meinen Sie damit?

Kreationen werden auf einfache, billige Weise zugänglich gemacht, damit die Leute sie kaufen, also konsumieren. Wenn das alles ist, was wir in Zukunft noch ermöglichen wollen, dann ist alles in Ordnung. Allerdings ermöglicht die digitale Welt noch viel mehr, nämlich eine «Lesen-Schreiben-Gesellschaft», in der die Menschen selber zu Schöpfern werden. Dass heisst, sie können Inhalte weiterentwickeln, mischen und neue Werke schaffen. All dies wird in der «Nur-Lesen-Kultur» verunmöglicht.

Und warum wehren sich die Leute nicht stärker dagegen?

Weil sie – vor allem in den USA – nicht verstehen, was auf dem Spiel steht. Weil die Diskussion bisher mit dem Schlagwort «Piraterie» geführt wurde. Ginge es darum, ob wir eine ganze Palette an neuen Ausdrucksformen verbieten oder zulassen, dann hätten wir eine rege Diskussion.

Laufen wir deswegen auch Gefahr, die Gemeinrechte zu verlieren, die ...

Aber ja! Es ist sogar wahrscheinlich, dass wir sie verlieren. In der analogen Offlinewelt kamen die Urheberrechte bei der Nutzung von Inhalten kaum je zum Tragen. Wenn Sie ein Buch lesen, ist das eine freie Verwendung des Buchs. Aber absolut alles, was Sie auf Ihrem Computer mit Kulturgütern tun, wird vom Urheberrecht tangiert: Wenn Sie einen Artikel im Internet lesen, dann haben Sie eine Kopie angefertigt. Wo, bitte, ist Ihre Lizenz dafür? Stellen Sie sich einen Buchverleger vor, der seinen Kunden nur die einmalige Lektüre des Buches erlauben wollte, das er verkauft: Er hatte bisher keine Möglichkeit, für ein zweites Lesen Geld zu verlangen. Digital kann er das.

Dagegen liesse sich argumentieren, dass die Leser bisher auch keine Möglichkeit hatten, das Buch zu vervielfältigen.

Hätte man den Menschen nach Erfindung der Druckpresse das Recht auf den Buchdruck verbieten sollen, weil bisher nur die Mönche die Möglichkeit hatten, Bücher zu kopieren? Nur weil wirtschaftliche oder meinetwegen göttliche Barrieren wegfallen, muss nicht das Gesetz einspringen. Denn das Gesetz braucht, anders als Gott oder die Ökonomie, eine Rechtfertigung, wenn es etwas einschränkt.

Inwiefern behindern diese Einschränkungen die kulturelle Entwicklung als Ganzes?

Die Menschen wollen Dinge, mit denen sie etwas tun dürfen. Wie in der realen Welt: Sie kaufen ein Motorrad, um daran herumzubasteln – sie haben das Recht dazu. Für die Kultur als Ganzes ist dieses Recht zum Basteln absolut wesentlich. In einer Welt voller Werkzeuge und junger Menschen, die darüber nachdenken, wie sie mit diesen Mitteln kreativ werden können, sollten wir diese Alphabetisierung der Kreativität unterstützen. Das Kreativitätsmodell des 21. Jahrhunderts lautet eben: konsumiere, kreiere und verteile.

Nur kommt das Verteilen aber den meisten Geschäftsmodellen in die Quere.

Nicht, wenn wir richtig differenzieren. Es ist etwas anderes, ob ich einen Madonna-Song zehntausend vermeintlichen Freunden im Internet weitergebe oder ob ich aus einem Madonna-Song etwas Neues kreiere und das Resultat mit zehntausend Leuten im Internet teile. Ich bin einverstanden, dass die erste Tätigkeit Madonna aus dem Geschäft wirft und dass wir dagegen etwas unternehmen müssen. Aber die zweite Tätigkeit schadet ihr nicht, im Gegenteil.

Wie könnte man Ihr Kreativitätsmodell denn fördern?

Das Lizenzmodell unserer Organisation Creative Commons zum Beispiel hilft dabei, weil es im strengen Rahmen des Gesetzes den Benutzern in verständlicher Sprache gewisse Rechte zugesteht. Es ist ein Kreativitätsförderungsmodell, das Anwälte überflüssig macht. In dieser Angelegenheit ist es wesentlich, dass die Menschen auch ohne Anwalt wissen, was sie tun dürfen und was nicht, denn es geht um das Herz der Demokratie: den freien Ausdruck.

Die Schweiz hat sich bisher etwas stärker auf der Konsumentenseite gehalten als die EU und wenigstens die Privatkopie als schützenswert betrachtet. Ein Anfang?

Ehrlich gesagt: Die Schweiz ist ein reiches Land. Der Zugang zu kommerzieller Kultur ist vergleichsweise billig und unproblematisch. In Brasilien sieht das ganz anders aus. In der Schweiz ist ein grösseres Problem die Frage, ob Sie Zugang zu Schweizer Kultur aus dem Jahr 1960 haben. Wie viel dieser Kultur ist kommerziell zugänglich? Finden Sie das Material im Internet, und dürfen Sie es kopieren? Es gibt eine kommerzielle Kultur, die über einen Markt verfügbar ist. Und daneben gibt es einen viel grösseren Teil der Kultur, die nicht kommerzialisiert wurde und deswegen vielleicht auch nicht mehr verfügbar ist. Um diese Güter müssten wir uns kümmern. Das ist bedeutender als die Frage, ob Sie eine Kopie eines Madonna-Songs anlegen dürfen oder nicht.

Wenn Sie dem Schweizer Parlament eine Empfehlung abgeben könnten, wie würde die lauten?

Wir müssen ein Urheberrechtsregime einrichten, das den Aufwand bei der Verhandlung der Rechte senkt. Wenn Sie ein Copyright geltend machen, dann habe ich das zu respektieren. Aber wenn nicht, wenn ich nicht einmal herausfinden kann, wer oder wo Sie sind, wenn keinerlei kommerzielle Verwertung Ihres Werks existiert – dann sollte mich das Gesetz nicht daran hindern, auf Ihrer Arbeit aufzubauen.

Wie soll das funktionieren?

Verschiedene Techniken dazu sind verfügbar: Registrierstellen, Markierungen in den Arbeiten und mehr. Mein Rat deshalb: Das Copyright stärken, wo es nötig ist und Nutzen bringt, indem es für die Schöpfer einen materiellen Wert garantiert und damit die Schaffung von Kultur fördert; gleichzeitig sollte es aber überall dort entfernt werden, wo es unnötig ist, wo es keinen Nutzen bringt, wo es nur noch verhindert, dass andere auf Kultur aufbauen oder Geschichte bewahren und erforschen.

Also Schranken abbauen statt neue errichten?

Ja. Sehen Sie, die Ingenieure haben ihren Job gemacht: Die Kosten für die Technologie sind auf ein Niveau gesunken, das allen den Zugriff auf die Kulturgüter ermöglichen würde. Jetzt liegt die Aufgabe bei den Politikern, die restlichen Hürden aus dem Weg zu räumen. Hätte irgendjemand darin das Problem erkannt, dann wäre es längst gelöst.

* Lawrence Lessig (45) ist Professor für Recht an der Stanford University in Kalifornien und hat 2001 die «Creative Commons» gegründet. Literatur: Lawrence Lessig, «Free Culture – How Big Media Uses Technology and the Law to Lock Down Culture and Control Creativity», März 2004, The Penguin Press, ISBN 1594200068; Deutsche Fassung: «Freie Kultur. Wesen und Zukunft der Kreativität», erschienen im Januar 2006 bei Open Source Press; Kostenloser Download des Originals in Englisch auf www.free-culture.cc Dossier zum Thema » weiter Blog zum Thema » weiter

Creative Commons

Die Nonprofit-Organisation Creative Commons (CC) stellt Schöpfern kreativer Werke einen Baukasten für individuell festlegbare Lizenzen zur Verfügung.
Das Ziel dabei ist allerdings weniger, die Nutzung von Texten, Musikstücken, Fotos oder anderem Kulturgut zu beschränken, sondern im Gegenteil ihre Weiterverwendung oder Verteilung mit Hilfe des Urheberrechts ausdrücklich zu erlauben, wobei die kommerzielle Nutzung geschützt bleibt.
Die Idee basiert auf dem Prinzip, das 1989 den Grundstein für die Open-Source-Software Bewegung gelegt hat. Deren Anhänger geben ihre Programme nicht nur frei, sondern sie drehen den Spiess «Urheberrecht» um, indem sie ihre Rechte nutzen, um anderen vorzuschreiben, allfällige Weiterentwicklungen des Codes ebenfalls frei zugänglich zu machen.
Creative Commons, im Jahr 2001 vom Stanford-Rechtsprofessor Lawrence Lessig in San Francisco gegründet, bietet ein umfangreiches Instrumentarium für Schöpfer, ihre Werke entweder unter einer der vorgefertigten Lizenzen oder nach eigenem Gutdünken zu veröffentlichen. CC stellt dazu nicht nur verständliche Anleitungen und die erforderlichen Lizenztexte (individuell abgestimmt auf Dutzende von Rechtsräumen) zur Verfügung, sondern Instrumente wie «Marken» und technische Mittel zur Markierung digitaler Werke.
Unter den vorgefertigten Lizenzen findet sich beispielsweise eine, welche die kostenlose Nutzung des Werkes in Entwicklungsländern zulässt, oder die «Gründerväter-Lizenz», mit der US-Schöpfer ihren Werkschutz freiwillig von den – laut Lessig verheerenden – 70 Jahren auf zunächst 14 Jahre verkürzen (mit der Möglichkeit, danach um 14 Jahre zu verlängern).

www.creativecommons.ch

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