Der Urgrossvater aller Taschenrechner

13. Januar 2007, 19:53

Vor den Computern waren die Rechenschieber. Aus Holz und Plastik bestimmten sie unseren Alltag über 300 Jahre.

Laut Heinz Joss benutzten nur Wissenschafter solch lange Rechenstäbe. Walzen (hinten) gehörten in jede Bank. – Re­chenscheibe für Atomstrahlung (2), für den Vertreter (3), zum Berechnen von Brennweiten (4).
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Von Christian Bütikofer

Was heute MP3-Player, Digicam oder Handy sind, waren früher die Rechenschieber: Statussymbole schlechthin – zumindest in der vornehmlich männlich-dominierten Welt der Technik. Während heute Computerfans mit möglichst ausgefallenen Gadgets auftrumpfen, stolzierten Architekten, Ingenieure und Mathematiker mit einem kleinen Rechenschieber in der Brusttasche durch die Strassen: «Schau her, ich bin ein Technik-Freak!» So erinnert sich der 78-jährige Heinz Joss, pensionierter Architekt in Dällikon und inzwischen stolzer Besitzer von über 2600 verschiedenen Rechenschiebern. Sie sind heute Zeugen einer vergangenen Zeit.

Mit dem Aufkommen der Taschenrechner begann um 1970 das Ende der Rechenschieber. Der Siegeszug der Computer brachte neue Produkte hervor und liess als erstes die Rechenschieber verschwinden, die Jahrhunderte lang alltäglich waren. In Form einer Scheibe, Walze oder eines Stabs diente das Gerät zum schnellen Multiplizieren und Dividieren von Zahlen. Eine Erfindung, die aufs 17. Jahrhundert zurückgeht. Was ihr englischer Schöpfer William Oughtred damals erdachte, gewann in der Berufswelt weit mehr an Bedeutung, als man heute vermuten könnte.

Atomstrahlung messen im Zivilschutz

«Für alles Mögliche gab es Rechenschieber – das Einzige, was ich nie fand, war ein Exemplar für Theologen», sagt Heinz Joss schalkhaft. In Schweden fand er ein Exemplar, das den Alkoholpegel berechnen hilft. Vertreter konnten mit Rechenschiebern ihre Profitmarge, Pokerspieler ihre Chancen auf ein Full House oder Piloten den Benzinverbrauch ihrer Flugzeuge berechnen. Kamerahersteller massen die Brennweiten ihrer Geräte, und Kanoniere kalkulierten in der Armee Schussweiten. Während des Kalten Kriegs waren in den USA Rechenschieber beliebt, welche die Verstrahlung bei einem Atombombenangriff berechnen sollten.

Auch in der Schweiz war ein möglicher Atomkrieg Thema: Im Zivilschutz bekam Heinz Joss einen Rechenschieber für den AC-Schutz: Berechnen sollte man damit, wann die Strahlung ein bestimmtes Niveau erreicht hat, wie lange man in eine verseuchte Umgebung raus könnte und wie lange es dauerte, bis die Strahlung wieder nachliesse. «Der Zivilschutz-Rechenschieber ist einer der Wenigen, den ich nicht habe. Hätte ich gewusst, dass ich mal Rechenschieber sammeln werde, hätte ich einen mitlaufen lassen», sagt Joss heute schmunzelnd.

Er war zwar schon immer ein Sammler, als Jugendlicher trug er Briefmarken zusammen. Als ihm jedoch bewusst wurde, dass es kein echtes Sammeln ist, wenn er ein fehlendes Exemplar einfach im Laden kauft, hörte er damit auf. Dass Joss sich wegen seiner Leidenschaft einmal den Rechenschiebern zuwenden würde, wusste er damals noch nicht. Denn eigentlich wollte er Uhren sammeln. Bald jedoch merkte Heinz Joss, dass die kleinen Zeitmesser seine finanziellen Möglichkeiten übersteigen würden. Als er aber 1993 auf einem Flohmarkt einen Rechenschieber entdeckte, der völlig anders aussah als jener aus seiner Schulzeit, war sein Interesse geweckt. Und er erinnerte sich, dass diese Rechenhelfer eigentlich schon früh ziemlich exklusive Geräte waren.

Als Gymnasiumschüler kam er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals mit einem Rechenschieber in Berührung: «Der Lehrer schickte uns mit einem Zettel nach Hause, auf dem stand, dass wir eines dieser Geräte für den Unterricht brauchten.» Der Zettel sollte den Eltern klar machen, dass der Rechenschieber unbedingt nötig sei und zugleich dafür sorgen, dass sie die für jene Zeit hohen Ausgaben von 35 Franken anstandslos zahlten.

Heute sind sie sogar als Sammelobjekte noch billiger, sagt Joss. Kein Wunder: In der Schweiz gibts neben ihm gerade mal zwei weitere Rechenschieber-Sammler – Angebot und Nachfrage bestimmen auch hier den Preis. Durch die Oughtred-Society, einen Verein nach dem Namen des englischen Pfarrers und Rechenschieber-Erfinders William Oughtred, sind weltweit über 400 Sammler vernetzt.

Fürs Rechnen bei den Pinguinen

Einer von ihnen ist auch der Kanadier Walter Shawlee, der auf seiner Webseite «Slide Rule Universe» seit Jahren Rechenschieber aus der ganzen Welt verkauft. Die meisten Kunden sind Sammler, aber auch Firmen wie in der Vergangenheit der Pharmagigant Pfizer, der ein originelles Präsent für eine Messe suchte. Auch eine Meteorologen-Station in der Antarktis zählt Shawlee zu seinen Kunden - viele elektronische Geräte versagen bei diesen Eistemperaturen, Rechenschieber nicht.

Es kommt aber auch vor, dass besorgte Eltern Rechenschieber für ihre Schützlinge kaufen, um deren Mathematikverständnis zu verbessern. Walter Shawlee teilt die Ansicht dieser Kunden. Er glaubt, dass mit dem Aufkommen der Taschenrechner die Leute keinen «Sinn» mehr für Zahlen entwickeln. Rechenschieber als besseres Unterrichtsmaterial? Das glaubt Heinz Joss nicht. Obwohl er nicht bei den ersten war, die Taschenrechner kauften, so löste mit der Zeit auch bei ihm das neue Gerät die alten Gewohnheiten ab. Rechenschieber haben für ihn vor allem als Teil unserer Kulturgeschichte Bedeutung.

www.rechenschieber.org
www.oughtred.org
http://sphere.bc.ca

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