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Die britischen Codeknacker hatten Erfolg

29. November 2007, 13:30

Experten in Grossbritannien rekonstruierten den Colossus, einen Computer aus dem Zweiten Weltkrieg. Er entschlüsselte Nachrichten der deutschen Chiffriermaschine Lorenz SZ 42.

Rekonstruktion von Colossus.
Rekonstruktion von Colossus.
Von Helmut Martin-Jung

Die 2400 Röhren in der Apparatur, so gross wie ein Kleinlaster, glimmen rötlich und heizen den Raum auf. Ein meterlanger, zu einer Endlosschleife verklebter Papierstreifen rast mit mehr als 40 Kilometer pro Stunde wieder und wieder durch ein verworrenes System von Trommeln und Rollen. Und dann – plötzlich – fängt ein elektrischer Ticker an, Buchstaben auf Endlospapier zu drucken. Klackert in sturem Gleichmass, unterbrochen nur von wilden Sprüngen am Zeilenende, wenn der Wagen zurück saust und weiterhüpft zur nächsten Zeile. Der Ticker tippt Anweisungen und Befehle von Hitlers Generälen.

Es war eine echte Pioniertat, die britische Ingenieure und Mathematiker da 1944 vollbracht hatten und die den Zweiten Weltkrieg nach Einschätzung von Experten erheblich verkürzt hat. Ermöglichte sie doch den Alliierten beispielsweise zu überprüfen, ob die Nazis ihre Scheinangriffe vor dem D-Day in der Normandie tatsächlich ernst nahmen.

Entzifferungsmaschine zerstört

Das Projekt Colossus, so hiess die unförmige Entzifferungsmaschine, war so geheim, dass der britische Premier Winston Churchill nach dem Krieg befahl, sie zu zerstören, und zwar so, «dass kein Stück übrig bleibt, das grösser ist als eine menschliche Hand». Erst Mitte der Siebzigerjahre wurde öffentlich bekannt, dass es sie überhaupt gegeben hatte. Doch da waren von den zehn Colossi, die bis Kriegsende gebaut worden waren, nur noch ein paar Fotos und Fragmente von Bauplänen übrig geblieben.

Tony Sale, Ingenieur und ehemaliger Techniker beim britischen Inlandgeheimdienst MI5, aber liess sich nicht entmutigen. Sale, einer der Gründer des 1994 eröffneten Computermuseums in Bletchley Park, scharte Anfang der Neunzigerjahre eine Gruppe um sich zu einem einzigen Zweck: Einen funktionsfähigen Colossus-Rechner nachzubauen. Am vergangenen Freitag war Sale am Ziel. Nach 14 Jahren voller Rückschläge, aber auch voller Hoffnungen und Fortschritte knackte sein Nachbau einen Code, der wieder aus Deutschland kam. Der mit der gleichen Maschine verschlüsselt worden war, welche die Nazis in den letzten Kriegsjahren einsetzten, der Lorenz SZ 42.

Die Lorenz mit ihrem komplizierten Räderwerk diente zur Verschlüsselung von Nachrichten, die per Kabel oder per Funk auf Fernschreiber gesendet wurden. Die Verschlüsselung wäre eigentlich sehr sicher gewesen, doch am 30. August 1941 unterlief den Operatoren ein schwerer Fehler. Sie sendeten eine Nachricht zweimal von Athen nach Wien. Aus den Abweichungen der beiden Botschaften konnten die Briten den Text entschlüsseln und schliesslich sogar die Funktionsweise der Lorenz ableiten. Doch das Problem war: Eine codierte Botschaft zu entschlüsseln dauerte Tage – viel zu lange in einem Krieg, wo es oft um Minuten oder Stunden geht.

Der Mathematiker Max Newman entwickelte die Idee, den Code von einer Maschine auswerten zu lassen. Aber eine solche gab es noch nicht, und erste Versuche waren auch nicht sehr erfolgreich. Erst Colossus änderte die Lage. Von dem Zeitpunkt an, an dem das Monstrum, einer der ersten programmierbaren digitalen Computer, funktionierte, dauerte es nur noch ein paar Stunden, bis die über riesige Antennen abgelauschten Funksprüche der Nazis aus dem Ticker liefen.

3 Stunden und 35 Minuten, so lange dauerte es auch am Freitag letzter Woche, die in Deutschland von Funkamateuren abgesetzte, mit einer Original-Lorenz-Maschine verschlüsselte Botschaft mit dem Nachbau des Colossus zu knacken. Der Klartext, das waren diesmal aber keine militärischen Geheimbefehle, sondern eine Einladung.

Geplatzte Röhre

Eine Einladung zu einer Ausstellung mit historischen Computern im Heinz-Nixdorf-Museum Paderborn. Die Colossus wird man freilich nur in Bletchley sehen können, einem Ort nördlich von London, genau zwischen Oxford und Cambridge gelegen, dafür aber in Aktion, wie sein «Vater» Tony Sale sagt. «Jetzt gerade bin ich ziemlich erschöpft», erzählt der 76-Jährige, «das war die letzten Tage eine ganz schöne Hetzerei, um alles zu dem Termin fertig zu kriegen.»

Dann platzte im entscheidenden Moment auch noch eine der 2400 Röhren, «das brachte uns eine Verletzungszeit von 45 Minuten», schmunzelt Andy Clark, in Personalunion Direktor und Kurator des Computermuseums, während er die soeben ausgedruckte Botschaft aus dem Telexgerät holt. Dass Clark gleich mehrere Posten hat, zeigt, woran es dem Museum am meisten fehlt: an Geld. Wichtigstes Ziel der Aktion war es daher auch, Aufmerksamkeit zu erregen und Sponsoren zu gewinnen.

Um Geld ging es dem Bonner Joachim Schüth nicht, als er sich an dem parallel veranstalteten Wettbewerb beteiligte, den Code mit heutigen Mitteln zu knacken. Als der Physiker und Computerexperte im September davon erfuhr, packte den Funkamateur einfach der Ehrgeiz. «Ich habe beruflich mit Signalverarbeitung zu tun», erzählt Schüth, «da kommt man auch mit Verschlüsselung in Berührung.» Er schrieb eine Reihe von Programmen für seinen Laptop, den er mit FreeBSD, einem mit Unix verwandten Betriebssystem, fährt.

Und am Donnerstag gelang es ihm mit Hilfe der Antenne seines Amateurfunkclubs in Bonn tatsächlich, ein Funksignal, wenn auch stark verrauscht, mit dem Code einzufangen. Am längsten, berichtet er, habe es gedauert, das Signal akustisch zu bearbeiten. Das Entziffern schaffte sein gar nicht besonders rechenstarker Laptop in nur 46 Sekunden.

Virtuelle Zahnrad-Schaltungen

Die im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen eingesetzten Chiffriergeräte waren die Enigma (auch auf Fahrzeugen, Schiffen, U-Booten) und der komplexere Lorenz-Geheimschreiber für die oberste Führungsebene. Kernstück beider Systeme waren Zahnräder, deren Zacken je einem Buchstaben zugeordnet waren. Drückte der Chiffreur auf der Tastatur einen Buchstaben, wurde durch eine innere Verdrahtung des Zahnrads eine Verbindung zu einem bestimmten anderen Buchstaben hergestellt, der dann auf einer Anzeige aufleuchtete. Dann rückte das Zahnrad um eine Position vor, wurde der gleiche Buchstabe erneut getippt, ergab sich ein anderes Resultat. Da mehrere der so genannten Chiffrierwalzen hintereinander geschaltet waren, sie sich in der Verdrahtung unterschieden und die Startposition täglich verändert wurde, galt das Verfahren als unknackbar.
Polnischen Kryptografieexperten gelang es schon vor dem Krieg, erste Enigma-Codes zu entziffern, indem sie mit mechanischen Geräten schnell viele mögliche Schlüssel durchprobieren konnten. Der Vorteil der in England entwickelten elektronischen Colossus-Maschine war, dass die Schlüsseleinstellungen nur noch virtuell eingegeben werden mussten und die langen Rechnungen mit den vielen Unbekannten und Variablen viel schneller durchgeführt werden konnten. Colossus gilt deshalb als einer der ersten programmierbaren Computer. (jä)

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