Der Drittwelt-Laptop wird unsere Notebooks verändern

05. Mai 2008, 14:19

Ob der Billig-Laptop XO die Bildungslandschaft in Entwicklungsländern umkrempelt, ist noch nicht klar. Aber seine Existenz setzt die grossen Hardwarehersteller unter Druck.

Der Drittwelt-Laptop XO machte im Westen Kleinnotebooks plötzlich chic.
Der Drittwelt-Laptop XO machte im Westen Kleinnotebooks plötzlich chic.

Von Christian Bütikofer

Zuerst wurden die Wissenschafter Nicholas Negroponte und Mary Lou Jepsen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) vor allem ausgelacht. 2005 verkündeten sie am World Economic Forum (WEF) in Davos, sie wollten einen billigen Laptop für Kinder in Entwicklungsländern herstellen, den die jeweiligen Regierungen dann gratis abgeben – die meisten glaubten, sie würden dabei scheitern. Doch die beiden liessen sich nicht beirren und gründeten die Nonprofit-Organisation One Laptop Per Child (OLPC).

Heute wird der 100-Dollar-Laptop geliefert. Er heisst nun ein wenig anders, nämlich XO und kostet etwas mehr: 188 Dollar. Doch was in dem «Billig»-Laptop an technischen Innovationen steckt, übertrifft normale Notebooks in vielem. Die Technik ist aber nur die eine Seite der Medaille, es geht auch um Bildung.

Billig-Laptop in Schweizer Schulen

Mary Lou Jepsen, bis Anfang 2008 die oberste Technikerin bei OLPC, war sich schon zu Beginn sicher, dass die Zeit gekommen ist, eine alte Utopie zu realisieren. Jene Utopie, die der Computerwissenschafter Alan C. Kay bereits 1972 im Xerox Palo Alto Research Center zu Papier gebracht hatte: Ein Laptop für alle Kinder sollte dazu beitragen, dass sie zu Wissen kommen, es sollte ein Gerät sein, über das sie die volle Kontrolle haben. Alan C. Kay war sich schon damals bewusst: «Dieses Gerät wird nicht die Welt retten. [...] Wie das Buch, so bringt der Laptop neue Möglichkeiten und neue Probleme mit sich. Das Buch aber machte es möglich, Wissen über Jahrhunderte jedermann zugänglich zu machen. Vielleicht kann ein aktives Medium auch die Freude am Denken und Kreieren fördern.» Das ist einer der Gründe, warum es in vielen Industrieländern unterdessen Ableger von OLPC gibt – auch in der Schweiz.

Vom Potenzial des XO sind die bei OLPC Schweiz engagierten Dozenten Michele Notari und Beat Döbeli Honegger überzeugt. Für sie ist es der erste Laptop, der auf die Bedürfnisse der Schule ausgerichtet ist. Zusammenarbeit und Kommunikation stünden beim XO im Zentrum. Sie glauben, dass dies grosse Auswirkungen auf die Pädagogie haben könnte und letztlich auch Einfluss auf die Lehrerbildung haben werde. In Entwicklungsländern sei zum Beispiel der Frontalunterricht noch sehr stark verbreitet. Sobald aber Kinder den XO besässen und damit arbeiteten, mache diese Art von Unterricht keinen Sinn mehr. Döbeli und Notari wollen pädagogisch-didaktische Konzepte für den Einsatz des XOs entwickeln. Dazu möchten sie hier in begleiteten Klassen den XO testen, das Interesse von Lehrkräften sei gross. In Rorschach und Goldau wäre man sofort bereit, der Start soll diesen August erfolgen, noch aber sind Döbeli und Notari auf der Suche nach Investoren.

Knuddel-Laptop mit Bio-Batterie

Laut OLPC Schweiz sind hier derzeit wenige XOs im Einsatz, denn sie sind nicht im normalen Handel erhätlich. Zwei konnte der «Tages-Anzeiger» aber während einiger Tage testen. Will man das Display aufklappen, muss man zuerst die zwei charakteristischen «Hörnchen» nach aussen drehen – in ihnen steckt die Funkantenne, über welche die XOs miteinander drahtlos kommunizieren und mit denen man ins Internet gelangt. Sofort fällt die für Kinderhände ausgelegte kleine Tastatur auf. Schaltet man das Gerät ein, präsentiert sich ein typischer Linux-Startbildschirm, danach erscheint ein minimalistisch eingerichteter Desktop – der Arbeitsplatz. Für diverse Aufgaben (Schreiben, Musizieren, Surfen usw.) gibts ein vorgegebenes Startsymbol. Der XO verrichtet seine Dienste im Grossen und Ganzen tadellos. Das Surfen im Web gestaltet sich aber bei aufwändig gestalteten Webseiten etwas langsam. Dafür ist der Bildschirminhalt auch bei direkter Sonneneinstrahlung perfekt sichtbar. Das ist eine jener Innovationen, die in der IT-Industrie zu reden geben. Ebenso revolutionär: der extrem niedrige Stromverbrauch von bloss 2 Watt - normale Laptops verbrauchen rund 20 Watt. Oder die biologisch abbaubare Batterie.

Obwohl der XO für Private im Westen nicht erhältlich ist, löste er in der IT-Industrie ein kleines Erdbeben aus, dessen Erschütterungen wir schon heute mit dem anhaltenden Erfolg des billigen Mininotebooks EeePC von Asus spüren. XO-Chefdesignerin Mary Lou Jepsen hat vorgemacht, dass «billig» nicht «schlecht» bedeutet. Sie fragte sich: «Was will ich eigentlich mit meinem Laptop tun? E-Mails lesen, im Web surfen, Bilder anschauen, Dokumente schreiben. Brauche ich da Gigahertz um Gigahertz Rechenleistung?» Sie meinte nein. Darum arbeitet im XO kein teurer Hochleistungsprozessor – er verrichtet seine Aufgaben tadellos. Jepsen demonstrierte, dass man Billig-Laptop in vernünftigem kommerziellem Rahmen herstellen kann.

Das setzte die Grossen der Branche unter Druck. Zuerst nahm etwa Chipriese Intel das OLPC-Projekt nicht ernst. Dann fertigte die Firma hastig ein Konkurrenzmodell an, trat dann doch OLPC bei, nur um später wieder auszutreten. Szenekenner vermuten, Intel habe Angst, dass normale Mininotebook unter dem Einfluss des XO zu billig würden. «Ende Jahr wird es Dutzende Billig-Laptops geben, wir starteten hier etwas», meint Jepsen. Sie hat sich nun selbstständig gemacht und will die XO-Innovationen kommerziellen Herstellern anbieten. Ihr Ziel: Laptops ab Stange für 75 Dollar.

Die teuren Verwandten des XO
EeePC Billig ist plötzlich in. Asus feiert mit dem günstigen Kleincomputer EeePC einen Überraschungserfolg, die Kunden stürzen sich aufs Mininotebook. Das hat Folgen, alle Hardwarehersteller wollen ein Stück des Kuchens ergattern. So wirft Toshiba noch dieses Jahr ein Konkurrenzprodukt auf den Markt. MSI bringt den «Wind» in die Händlerregale, und bei Van der Led kann man den Jisus schon heute für 299 Euro übers Internet vorbestellen – das sind nur einige der kommenden Billigmodelle. (chb)

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