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«Die IT-Industrie schafft gerade ihren Bio-Markt»

15. Mai 2008, 09:10

Die Computerbranche entdeckt das Thema Ökologie. Der Cheftechnologe von Fujitsu Siemens erklärt, was an «Green IT» dran ist und welche anderen Trends uns bald beschäftigen werden.

Joseph Reger: Flash-Speicher werden den Festplatten-Markt neu ordnen.
Joseph Reger: Flash-Speicher werden den Festplatten-Markt neu ordnen.

Mit Joseph Reger sprach Christian Bütikofer, München

Herr Reger, überall ist von «Green IT» die Rede. Umweltschutz als neues Thema der Informatik?

Was dieses Jahr auf der Cebit in Hannover unter der Überschrift «Green-IT» alles zu sehen war, war zum Teil nicht mehr lustig. Die Verrenkungen, die einige Firmen machten, waren nicht mehr seriös.

Also ist «Green-IT» vor allem ein neuer Marketing-Gag, gar eine Mogelpackung?

Nein. Sie müssen unterscheiden zwischen dem Heimbereich und dem professionellen Bereich. Ökologie, Stromsparen, also Energieeffizienz, rechnet sich für die Profis in Rechenzentren schon lange. Denken Sie an die so genannten Megadatacenters von Microsoft, Yahoo oder Google mit ihren jährlichen Stromkosten in Millionenhöhe. Was jetzt aber passiert, ist, dass auch die Privatanwender in den Fokus der Industrie kommen.

Warum gerade jetzt?

Der IT-Markt wird sehr von den USA geprägt, dort waren die Energiepreise lange Zeit sehr niedrig. In den letzten Jahren erfolgte dort eine dramatische Preissteigerung, insbesondere in Kalifornien, im globalen Herz der Informatik.

Dann gibt es von Seiten der Konsumenten viele ermutigende Signale: Eine Umfrage des Instituts Forsa zeigte etwa, wie wichtig den Befragten heute Öko-Kriterien beim Kauf von IT-Produkten sind. Es passiert etwas, das im Parallelmarkt bei den Bio-Nahrungsmitteln schon stattgefunden hat: Die Öko-Produkte sind deutlich teurer, und finden trotzdem reissend Absatz. Das ist natürlich der IT-Industrie nicht verborgen geblieben. Es ist ein Märchen zu glauben, dass die Massenhersteller die Märkte einfach steuern. Wenn dem so wäre, gäbe es keine Premium-Industrien in Europa, keine Bioprodukte. Märkte werden gemacht. Die Computerfirmen schaffen gerade ihren «Bio-Markt», wenn man so will. Deshalb auch die Inflation des Begriffs «Green IT».

Was bieten Sie einem Privaten heute konkret an?

Nur ein Beispiel: Wir haben vor kurzem einen Monitor entwickelt, der in der Lage ist, sich automatisch komplett vom Stromnetz zu nehmen. Das ist eine Weltneuheit, die endlich mit Standby Schluss macht. Geräte mit Standby verbrauchen auch im ausgeschalteten Zustand Energie, in manchen Ländern macht der Standby-Verbrauch bis zu 9 Prozent des gesamten privaten Stromverbrauchs aus. Für unsere Lösung mussten wir einen Schaltkreis einbauen, was uns in der Produktion etwas höhere Kosten bescherte. Die jährliche Stromkosten-Einsparung beträgt ein paar Franken pro Jahr gegenüber einem anderen Monitor.

Die paar Franken als Kaufargument?

Da sehen Sie wieder den Unterschied zwischen Heimbereich und professionellem Bereich: In einer Firma, wo ein paar tausend dieser Monitore herumstehen, ist das ökonomisch bedeutend, für Sie als Heimanwender vielleicht nicht. Dort können wir ökonomisch argumentieren, hier appellieren wir ans grüne Gewissen.

Wer sagt eigentlich, was «Green» ist und was nicht?

Leider existiert bisher weder ein vernünftiges Label, noch genügend Endverbraucher-Aufklärung. Es ist ein Unding, dass etwa im Bereich Kühlschränke Energieaufkleber existieren, aber bei Computergeräten nicht. Wir überlegen, unsere Geräte nach einem eigenen Kriterienkatalog zu labeln. Das ist zwar nicht die Lösung für die Branche, aber wir wollen ein Signal setzen, auch für die Politik. Denn die Energielabels für andere Geräte sind erst zu einem Erfolg geworden, als sie gesetzlich eingeführt wurden.

Den Briten prophezeiten Sie, dass sie bald weitere Atomkraftwerke brauchten, wenn sie weiterhin so viele Plasma-TVs kauften.

Ja, ich habe die schockiert und bewusst das Wort Atomkraftwerk in den Mund genommen, weil es in vielen Gesellschaften unpopulär ist. Einige Plasma-Hersteller haben mir daraufhin eine Klage angedroht. Ich habe sie dann gebeten, mir den Rechenfehler in meiner Überlegung zu zeigen. Eine Antwort bekam ich nie.

Sie hatten ja recht, denn Sie sagten voraus, dass sich Plasma-TVs immer weniger verkaufen würden, was momentan passiert. Wegen des enormen Energieverbrauchs?

Einerseits das. Aber auch darum, weil die Vorteile, die Plasmas gegenüber den LCD-Bildschirmen hatten, nahezu alle verschwunden sind: Kontrast, Helligkeit, Zeichnungsgeschwindigkeit. Sind die Vorteile weg, schlagen die Nachteile wie Stromverbrauch oder Gewicht durch.

Wann verschwinden die heutigen Festplatten zu Gunsten reiner Flash-Speicher?

Da müssen wir wieder zwischen den Profis und den Privaten unterscheiden. Ich denke, die Flash-Speicher werden erst in die PCs gelangen, wenn die Laptops davon durchdrungen sind; das wird wohl nicht vor fünf Jahren sein. Obwohl die heutigen Laptop-Festplatten deutlich zu viel Strom verbrauchen und ihre Mechanik anfällig ist, so sind sie doch sehr preiswert.

In professionellen Rechenzentren aber ist das Bild ein anderes, dort gibts jetzt schon Einsatzgebiete, wo die Flash-Speicher drastisch überlegen sind: Zumindest potentiell höhere Datenraten, höhere Speicherdichte, dramatisch geringerer Stromverbrauch usw. Da wird die Technologie schon bald ernsthaft in Erwägung gezogen werden.

Es gibt Speicherfirmen, die sagen: «Flash wird uns nie ablösen.» Bisher haben sich Nie-Aussagen in der IT immer als falsch erwiesen. Ich glaube, Flash ist eine der «Disruptive Technologies», die den Markt völlig neu gestalten werden. So in etwa, wie das im Markt der Digitalkameras passiert ist: Hersteller wie Canon, die in der analogen Welt etabliert waren und den Trend rechtzeitig erkannt haben, sind auch Marktführer in der neuen Welt. Andere Hersteller werden zögern und herbe Marktverluste erleiden oder ganz aus der neuen Welt verschwinden und es wird neue Player geben, die vorher nie im alten Markt existierten.

Joseph Reger

Joseph Reger ist CTO (Chief Technology Officer) von Fujitsu Siemens. Er ist zuständig für IT-Zukunfttrends. Vorher war er bei IBM als Chief IT Architect beschäftigt. Joseph Reger studierte in Budapest sowie in Trondheim, promovierte in Köln und arbeitete an der University of California in Santa Cruz.

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