Stadtgeschichten en miniature
01. März 2004, 20:31Bis vor kurzem gab es nur vereinzelte Onlinetagebücher. Heute heissen sie Blogs und erobern das Netz. Auch Zürcher und Zürcherinnen bloggen mit.
«Aber im endeffekt – wenn ich jetzt mal von mir spreche – tut man hier alles immer noch für sich. um etwas festzuhalten. und während ich das also tue, lasse ich auch mal die hosen runter». Das schreibt Brigitte in ihrem Weblog übers Bloggen.
Weblogs, kurz Blogs genannt, sind persönliche Journale im Internet. In kurzen, chronologisch sortierten Texten teilen Blogger News, Gedanken, Webfundstücke oder ihr Wissen mit dem Rest der Welt. In den USA starteten die Weblogs ihren Siegeszug rund um den Erdball, die Inhalte so verschieden wie die Schreibenden: Tagebücher, Techblogs, Portfolios, kommentierte Linklisten oder Warblogs, die vor allem während des Irak-Krieges von sich Reden machten. Weltweit gibt es laut Blogcensus.net 1,7 Millionen Blogs, im deutschsprachigen Raum sind es je nach Quelle zwischen 5630 und 21 000. Die Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, werden doch viele Blogs einmal erstellt, dann aber nicht aktiv geführt.
Mehr oder weniger aktive Zürcher Blogs findet man in Verzeichnissen wie Webloxx.ch , Bloghaus ( www.bloghaus.net ) oder Blogg.de . Etwa Leica ( leica.blogspot.com ), die der Zügelstress über Wollknäuel philosophieren lässt. Oder den Medienblog von Stefan Bucher ( www.stefanbucher.net/blog ) und den bissig-bösen Altblogger Kayx ( www.kay-x.net ), der wie kein anderer von den schicksalsschweren Blickwinkeln in Fitnessstudios zu berichten weiss. Oder eben Brigitte.
Die 34-jährige EDV-Fachfrau aus Zürich führt seit gut einem Jahr einen der meistgelesenen Schweizer Weblogs. Ihr Blog ( unefilledu.twoday.net ) «une jeune fille du limmatquai» zählt bis zu 200 Besucher pro Tag. Fast täglich hält Brigitte Begebenheiten aus ihrem Alltag fest, schreibt über Merkwürdiges aus Kindertagen oder aus der Limmatstadt: Leichtfüssig und locker kommen ihre Stadtgeschichten daher, nicht alle so gut gelungen wie die Velo-Story vom 29. Januar 04, auf jeden Fall aber einen Blick in den Blog wert.
Mit Bloggen angefangen hat sie in einer Krise, das Schreiben machte sie ihr erträglicher. Heute hat sie Spass am Schreiben, feilt an ihren Sätzen und freut sich über gelungene Formulierungen. Nicht selten sitzt sie abends vor dem Computer, in einer Fülle von Notizen vom Tag – Ideen für neue Geschichten. Es habe einmal einer geschrieben: «Lebst du, um zu bloggen, oder bloggst du, um zu leben?» Da sei schon was dran, meint sie.
Im Schutz der Anonymität
Brigitte schreibt je länger je weniger Persönliches. Sie fürchtet, plötzlich einmal mit «runtergelassenen Hosen» vor Leuten zu stehen, denen sie vieles gar nicht zeigen will. Bürokollegen zum Beispiel, das wäre am schlimmsten. Am Arbeitsplatz hat sie es gern distanziert. Auch sonst trägt sie das Herz nicht auf der Zunge. Ihren Blog führt sie anonym. Gerade mal zwei Menschen wissen von ihrem Tun im Webuntergrund. Warum dann ein Onlinetagebuch? «Mich fasziniert, wenn andere lesen, was ich schreibe, und so Kommunikation entsteht.»
Einer, den fasziniert, was Brigitte schreibt, ist Tobias Zehnder, Publizistikstudent an der Uni Zürich, 21 Jahre alt. Er liest Brigitte regelmässig, kennt sie aber nicht persönlich. Auch das Thema seines Blog ( www.tobistar.com ) ist der Alltag, dazu kommen Beobachtungen in der Medienwelt. Regelmässig informiert er sich bei den Medienlogs Medienspiegel.ch und Dienstraum.com . Was reizt ihn am Bloggen? «Die Leute kommentieren meine Einträge, verlinken. Das ist nur im Internet möglich.» Anonymität braucht er nicht, dafür legt er die Zensurlatte hoch: «Das Web zeigt nur meine Schoko-Seite.»
Tobias bloggt auf seinem Server mit einer Blog-Software. Die meisten Weblogger hier zu Lande bloggen aber bei deutschen Anbietern (siehe Kasten) oder beim österreichischen Hoster Twoday.net . «Nur zwei Prozent, also 200 der User kommen aus der Schweiz, aber sie gehören zu den aktivsten. Sie machen 30 Prozent der aktiven Blogs aus», sagt Michael Schuster von Twoday. Seit April 2003 hat mit Kaywa auch Zürich einen ersten Anbieter.
Blogger-Buch mit Lydia
Im April soll beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf das Buch «Blogs» mit einer Auswahl der besten deutschsprachigen Blogs erscheinen. Der Herausgeber mit Pseudonym Don Alphonso singt dabei das Lied vom Blog als Konkurrenz der etablierten Medien, von der «Bloggosphäre», dem anarchistischen Netzwerk, und von der Internetrevolution.
Etwas angemessener sieht das Lydia, 32 Jahre alt, Deutsche und seit sieben Monaten in Zürich – der Liebe wegen. Sie ist mit ihrem Alles-wird-gut-Blog ( www.alles-wird-gut.net ) auch im Buch vertreten: «Blogs verändern die Medien nicht, sondern ergänzen die traditionellen Medien um persönliche Meinungen, und zwar auf eine unabhängige Art und Weise.» Tatsächlich leisten sich heute auch «Die Zeit», die «New York Times» oder der «Tages-Anzeiger» («Kilians Notebook», http://kilian.tagesanzeiger.ch ) ihren Weblog.
Lydia führt ihre «kleine Zeitschrift» seit Juli 2001. Warum tut sie das? Sie schreibe gern, auf einige Texte sei sie auch ein wenig stolz. Und ihr gefällt, dass andere sie gezielt lesen. «Hauptsächlich mache ich das aber für mich.»%perl>
Bloggen für Einsteiger
Ein Weblog zu führen, ist etwa so anspruchsvoll wie ein E-Mail schreiben. Dank speziellen Bloghostern ist es auch technisch nicht Versierten möglich, in wenigen Minuten ein Weblog zu erstellen und loszulegen. Wer etwa beim Zürcher Anbieter Kaywa bloggt, sollte sich nach der Registration unbedingt die Mühe nehmen und den «Hilfe»-Buttons nachgehen, dann hat man den Dreh schnell raus.Je nach Anbieter lassen sich mit ein paar Mausklicks Layout, Design und Schrift wählen. Auch Bilder können mit wenig Aufwand in die Texte eingebaut werden.
Häufig sind Weblogs kostenlos. Kaywa verlangt 99 Franken im Jahr, Twoday.net 5 Euro bei 20 Megabytes Speicherplatz, 5 Megabytes sind gratis.
Für Einsteiger eignen sich laut einem Test der Fachzeitschrift «ct» 3/04 besonders Blogger.com , Typepad und Blogg.de . www.kaywa.ch , www.twoday.net www.20six.de , www.blogger.de www.blogg.de , www.antville.org www.blogger.com , www.typepad.com , www.blogigo.de .
Der letzte Schrei Moblogging
Grosse Hoffnungen setzt Kaywa auf den Zusatzdienst Moblogging (von «mobile Weblogging»). Nicht Text wird auf die persönliche Website geladen, sondern mit dem Handy geknipste Schnappschüsse per MMS. «Nicht alle Leute schreiben gern, aber sie schiessen gerne Fotos», freut sich Kaywa-Chef Roger Fischer. Stimmt. Entsprechend präsentieren sich auch die Moblogs: Sie zeigen verwackelte unscharfe Nichtereignisse. Noch. Doch Fischer ist überzeugt, dass sich mit den Handy-Kameras der nächsten Generation Moblogging etablieren wird.
Dazu müsste auch der Preis stimmen: Das MMS kostet heute satte 1.50 Fr. Rund die Hälfte davon fliesst in die Tasche der Mobilfunknetzbetreiber.
Digital
Meistgelesen in der Rubrik Digital
Der Elke-Test
Body Coach
-
Der BodyCoach hilft Ihnen, gesund und nachhaltig abzunehmen. Er stellt einen individuellen Ernährungsplan zusammen, erstellt Einkaufslisten, schlägt Rezepte vor und unterstützt Sie beim Training.
















