Viren und Spam machen E-Mail zum Ärgernis

24. Juni 2004, 10:35

Die Zahl unerwünschter E-Mails steigt rapide an. Das verursacht Kosten in Milliardenhöhe. Das E-Mail ist indes nicht nutzlos. Aber die Zeit der Bequemlichkeit ist vorbei.

Von Simone Luchetta

«E-Mail? Das nutze ich daheim schon lange nicht mehr. Ist mir viel zu gefährlich», sagte kürzlich ein Kollege. Zugegeben, er steht ohnehin auf Kriegsfuss mit der Technik – schon der Kauf einer Digitalkamera überfordert ihn. Trotzdem: Das Geständnis lässt aufhorchen.

Was ist aus dem E-Mail geworden, das in den Neunzigerjahren, als das Internet für alle zugänglich geworden war, als neuer Schlüssel für die schnelle, einfache Kommunikation euphorisch begrüsst wurde? Ein grosses Ärgernis. Unerwünschte Werbemails, so genannte Spam, verstopfen die Briefkästen. Eine Virenwelle nach der andern überflutet das Internet, meistens per E-Mail. Das Surfen im Informationsmeer ist immer öfter wirklich gefährlich.

Vor allem die Viren haben in den letzten Monaten bedrohlich zugenommen. Epidemien von Würmern wie Sasser sorgten im April für Höchstwerte. Trendmicro, ein Hersteller von Software gegen Viren, meldete 1700 neue so genannte Malware (von «malicious» – bösartig – und «Software»), also Würmer, Viren und Trojaner (s. Glossar). Im März waren es noch 1200 und vor weniger als einem Jahr, im November 2003, läppische 189.

Aber nicht nur die Zahl unterschiedlicher Viren steigt, sie verbreiten sich auch immer schneller. Der Virenmüll landet, genau wie die unerwünschten Werbemails, in den elektronischen Briefkästen. Dazu kommen nutzlose Virenwarnungen, welche Mailcomputer automatisch an die mutmasslichen Absender verschicken, wenn sie ein verseuchtes E-Mail entdeckt haben. Jedes fünfte E-Mail ist eine automatisierte Meldung, wie die Winterthurer Spam- und Virenschutzfirma Cleanmail feststellte.

Zunehmende Kriminalisierung

Auch die Spam-Mails nehmen laufend zu. Für die Versender macht das wirtschaftlich durchaus Sinn. Sie können auf diese Weise einen Gewinn erzielen, selbst wenn weniger als ein Zwanzigstel der Adressaten sich zum Kauf anregen lässt. 64 Prozent aller weltweit versendeten E-Mails sind heute ungebetene Werbebotschaften, vor einem Jahr war es noch die Hälfte, ein neuer Rekord wurde im Mai erreicht.

Schuld an dieser Steigerung ist die erst vor kurzem bewiesene Zusammenarbeit zwischen Hackern und Spammern. Recherchen des Computermagazins «C’t» haben ergeben, dass Virenprogrammierer für ihre Dienste bis zu 35 000 Franken pro Monat verlangten. Viren zu schreiben, ist vom Böse-Buben-Streich zu einem kriminellen Geschäft geworden.

Kriminelle Virenautoren schicken Würmer wie SoBig los, die sich in Computern einnisten und dort eine Hintertür offen halten. Später greifen Spammer auf die PCs, missbrauchen sie als «Spamschleudern» zum Versenden von Tausenden von Spam-Mails. Der Besitzer bleibt ahnungslos, die Urheber bleiben im Dunkeln.

So wird nicht nur Produktwerbung gestreut, etwa für Viagra oder für Pornoseiten. Auch illegale Inhalte werden unters «Volk» gebracht. Aktuellstes Beispiel ist die Welle ausländerfeindlicher Propaganda kurz vor den Europawahlen Mitte Juni. Bereits ein Drittel aller unerwünschten Werbemails wird laut Experten von ferngesteuerten Computern verschickt. Ganze Armeen von mehr als 200 000 «Zombie-Rechnern» werden dafür «rekrutiert».

Die Computer-Heere können auch gezielt eingesetzt werden, um bestimmte Mailcomputer mit E-Mails zu überfluten und sie damit lahm zu legen. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch getürkte E-Mails zum Abfragen von Kundendaten («Phishing») auf diesem Weg verbreitet werden.

Da wundert nicht, dass immer häufiger vom baldigen Kollaps des E-Mail-Systems die Rede ist. «Wenn wir so weitermachen, ist E-Mail demnächst unbrauchbar», warnt etwa Steven Linford, der britische Anti-Spam-Aktivist und Betreiber der Website Spamhaus.org, in der «New York Times».

Vor dem Sterben des Internets warnt auch der Internetguru Jakob Nielsen, bekannter Webdesign-Experte und Buchautor in den USA. Er spricht von einer Informationsverschmutzung, die das Web nutzlos mache. «Einige Nutzer wenden sich schon jetzt vom Netz ab. Und noch mehr werden es in Zukunft sein», sagte er der «SonntagsZeitung». In den USA steigen bereits die ersten Firmen auf andere Kanäle wie das Telefon und Instant Messaging um oder hängen nur noch wenige PCs ans Internet.

E-Mail so beliebt wie nie zuvor

Doch Panik ist verfehlt. Internet und E-Mail sind so populär wie nie. Heute gibt es schätzungsweise 750 Millionen Internetuser, täglich kommen neue dazu. Jeden Tag werden etwa 30 Milliarden E-Mails verschickt, bis 2006 sollen es gar 60 Milliarden täglich werden. «Das Virenproblem ist nicht grösser geworden, wenn wir die wachsende Anzahl Nutzer in Relation zur Anzahl Viren setzen», meint etwa der Sicherheitsexperte Urs E. Gattiker, Professor an der International School of New Media (ISNM) der Universität Lübeck. Anders sei das bei Spam, räumt er ein, Spam sei zu einer Plage geworden.

Was wir brauchen, ist Geduld. Erst seit zehn Jahren ist dieses Medium für alle zugänglich, es ist noch lange nicht erwachsen. «Wir sind in einer Einschwingphase», sagt Professor Bernhard Plattner vom Institut für Informatik und Kommunikationsnetze an der ETH Zürich.

Der Leidensdruck wird steigen

Von einer «Zwischenphase» spricht Tobias Oetiker, Informatikexperte an der ETH Zürich: «Heute leiden die Menschen am Internet, und solange sie leiden, wird sich etwas verändern.» Gattiker glaubt, dass die Schlampigkeit von heute für das Chaos von morgen sorge. Deshalb: «Zuerst wird es noch schlimmer, bevor es besser wird.»

Was aber muss geschehen, wenn es besser werden soll? Zum einen müssen entsprechende Gesetze geschaffen werden, und zwar weltweit. Bereits heute gilt in der EU eine Richtlinie, die das Versenden von Werbemails unter Strafe stellt, in den USA droht Spammern bis zu fünf Jahren Gefängnis. In Dänemark wurde eine Firma zu einer Busse von 3000 Franken verurteilt, 30 Franken pro verschickter Werbemail. Firmen wie AOL und Microsoft haben auch mehrere Gerichtsfälle gegen Spammer und Virenschreiber laufen.

«Spam wird uns bis 2005 in Atem halten», sagt Gattiker. «Man weiss, dass in etlichen europäischen Ländern die Richtlinien gegen Spam noch nicht in der nationalen Gesetzgebung verankert sind. Aber sobald die ersten drastischen Gerichtsurteile gefällt sind, wird die Spamflut zurückgehen.» Auch Plattner pocht auf eine strengere Gesetzgebung: «Softwarehersteller, Internetprovider und Anwender sollten stärker in die Pflicht genommen werden. Schadenersatzklagen sollten möglich sein.»

Zudem sind auf der technischen Ebene die Internetprovider und Computerverantwortlichen gefordert. Sie sollten unbedingt über die neuesten Technologien verfügen. «Die lokalen Administratoren werden zukünftig eine Aufwertung erfahren», so Oetiker.

Aber auch jeder einzelne Computeranwender ist mehr denn je gefordert. Kein Weg führt daran vorbei, einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Computer zu lernen. Plattner zufolge ist es pure Dummheit, wenn die Leute Dateien öffnen, die einem E-Mail angehängt sind: «Aber sie werden gescheiter.» Für den naiven Anwender hat es im Internetzeitalter keinen Platz mehr. Denn ein Leben ohne Schädlinge und Spams wird es nie mehr geben, wir werden sie als einen Teil unserer Cyberexistenz akzeptieren müssen. Aber wir können uns davor schützen. «Prävention» heisst das Stichwort. Aber Sicherheit ist ein grosses Geschäft; sie ist kaum kostenlos zu haben.

Wir brauchen bessere Wege, auf denen sich Anwender über laufende Attacken informieren und erfahren können, wie sie sich schützen. Müsste da nicht der Staat zur Aufklärung und Sicherheit beitragen, gratis und kostenlos, ähnlich wie bei Aids? Während Oetiker auf möglichst wenig staatliche Einmischung hofft, ist für Gattiker klar: «Die Regierungen müssen aktiver werden und ihren Bürgerinnen und Bürgern helfen, sich zu schützen.»

In zehn Jahren werden wir nach Meinung der Experten Spam und Viren im Griff haben. Es wird Lösungen geben, die das Cyberleben anstrengender und unbequemer machen. «Der Gebrauch von E-Mail und Internet wird mühsam bleiben, aber der Vorteil überwiegt», ist Tobias Oetiker überzeugt.

E-Mail und Internet werden also weder kollabieren, noch werden sie unbrauchbar. Der Preis dafür ist aber ein Stück Freiheit. Am besten nimmt man das wie Bernhard Plattner: «Das ist wie im Strassenverkehr. Man kann nicht einfach drauflosfahren. Normalerweise werden Einschränkungen für mehr Sicherheit akzeptiert.»

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