Digital

Guerilla-Copyright sprengt Grenzen

13. Juni 2005, 15:49

Die Musikindustrie sieht sich im Internet betrogen, die Konsumenten von ihr abgezockt. Ein neues Lizenzmodell könnte aus der Misere führen – auch die SRG prüft es.

Internetbrowser Firebird ist ganz auf Creative Commons eingestellt.
Internetbrowser Firebird ist ganz auf Creative Commons eingestellt.
Von Christian Bütikofer

Was haben das Lied «Now Get Busy» der Beastie Boys mit einem Rezept für dänisches Bier Marke Vores Ol gemeinsam? Beide Werke schwirren im Internet herum und dürfen frei kopiert, verändert und als neues Produkt wieder ins Netz gestellt werden. Das ist nicht selbstverständlich, denn eigentlich ist jedes Werk automatisch per Copyright urheberrechtlich geschützt. Ohne Einverständnis ihrer Erfinder dürfen Werke weder verändert noch verteilt werden.

Die strikten Regeln, die im Verlaufe der letzten 50 Jahre zum Schutz der Künstler aufgestellt wurden, legen ihnen im Zeitalter des Internets zunehmend Steine in den Weg.

Denn wollen die Beastie Boys einen Song übers Internet gratis zur Verfügung stellen, hatten sie bisher nur die Möglichkeit, auf alle Rechte am Lied zu verzichten. Sie hätten es somit in die so genannte Public Domain entlassen müssen. Das ist jedoch nie im Sinne der Band, denn sie will zwar das Werk für andere Künstler zum Gebrauch freigeben, aber verhindern, dass andere ungefragt damit Geld machen. Mit Creative-Commons-Lizenzen (CC-Lizenzen) erhielten die Beastie Boys eine Alternative. Und die nutzten sie.

Die speziellen Lizenzen sind nach der gemeinnützigen Stiftung Creative Commons der Stanford-Universität in Kalifornien benannt. Seit 2001 entwickelte die Stiftung ein Modell, das auf dem weltweit geltenden Urheberrecht basiert, dieses jedoch erweitert. Das Modell kennt sechs verschiedene Creative-Commons-Lizenzen, deren Einschränkungen mit einem Symbol gekennzeichnet werden. Nicht nur für Lieder sind die Lizenzen gedacht, auch für Bilder, Videos, Texte und Schulmaterial. Will ein Künstler sein Werk unter die CC-Lizenz stellen, macht er dies auf der Homepage von Creative Commons mit wenigen Mausklicks. Durch die CC-Lizenzen tritt ein Künstler seinem Publikum gewisse Rechte ab und behält andere wie bis anhin. So gewähren die Beastie Boys für das Lied «Now Get Busy» jedem das Recht, den Song über Tauschbörsen wie eDonkey oder Kazaa im Internet zu verteilen. Darüber hinaus dürfen vom Lied Passagen – so genannte Samples – entnommen und in neue Werke eingebaut werden. Trotz aller Offenheit: Die Beastie Boys verbieten den Verkauf ihres Songs wie auch eines Lieds, das Samples ihres Originals enthält. Zwischen den zwei Extremen Copyright, das alle Rechte beim Künstler belässt, und Public Domain, das dem Künstler alle Rechte an seinem Werk nimmt, schlagen Creative-Commons Lizenzen so die Brücke zwischen Totalkommerz und Nonprofit.

Professor für Freiheit

Hinter Creative Commons steckt der streitbare Stanford-Professor Lawrence Lessig. Er stellte in seiner Fakultät schon mal einen Computer für die Tauschbörsensoftware Morpheus zur Verfügung. Vor allem aber mit seiner unkonventionellen Denkweise zog er den Zorn der Musik- und Filmindustrie auf sich. Denn Lessig vertritt die Meinung, dass die heutigen Copyright-Gesetze schädlich sind für die Entwicklung des Internets und die Verbreitung von Information in der Gesellschaft. In seinen Büchern «Free Culture» und «The Future of Ideas» stellte er eine provozierende These auf. Heute, so Lessigs Befund, sei wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit die Macht über kulturelle Güter in den Händen ganz weniger konzentriert. Bücher, Musik oder Filme, der Grossteil dieser Werke gehöre grossen Verlags- und Medienhäusern. Diese könnten mit Hilfe des Copyrights – also mit dem Schutz geistigen Eigentums – immer detaillierter und immer länger bestimmen, wie wir mit Kultur arbeiten und umzugehen hätten. «Unsere Gesellschaft verteidigt die Meinungsfreiheit und die Marktwirtschaft – warum erlaubt sie eine solche Machtkonzentration beim Wissen, der Kultur?», fragt er sich. Durch seine Bücher wurde er zu einem der bedeutendsten Denker, die sich mit dem Urheberrecht im Zeitalter des Internets befassen. Er will das Copyright nicht abschaffen, aber flexibler gestalten und zu Gunsten der Öffentlichkeit erweitern. Lessigs theoretische Arbeit stellt die Grundlagen für die Creative-Commons-Lizenzen dar.

Grosses Interesse bei SRG

Diese Lizenzen scheinen in der Praxis den Durchbruch zu schaffen, wenn auch nicht bei den grossen privaten Firmen der Unterhaltungs- und Wissensindustrie. Seit 2001 wurden über 12 Millionen Werke mit einer CC-Lizenz versehen, in vielen Ländern werden sie übersetzt und an lokale Eigenheiten angepasst. Viele unabhängige Plattenlabel bieten ihren Künstlern für den Vertrieb eine CC-Lizenz an, so auch eines der grössten Independent-Labels im Internet, Garageband.com . Ein Meilenstein war der Entscheid der British Broadcasting Corporation (BBC) im Herbst 2004: Sie wird der Öffentlichkeit ihre Archive auf Basis einer CC-Lizenz digital zugänglich machen. Und auch der Service Public in der Schweiz kommt auf den Geschmack. Für Dominique Diserens vom Rechtsdienst der SRG SSR ist die Creative-Commons-Initiative «sehr neu, verführerisch und visionär». Im Hause SRG macht man sich ernsthaft Gedanken, wie man mit Hilfe von CC-Lizenzen einen Teil der eigenen Archive digital öffnen könnte. Dies geht aber nicht ohne die Politik: In der aktuell hängigen Revision des Urheberrechts müssten einige Paragrafen angepasst werden. Die SRG schlug die nötigen Änderungen in der Vernehmlassung vor und hofft, dass die Politiker mitspielen. Wenn die Änderungen im Parlament eine Mehrheit finden, fängt für die SRG die Herkulesarbeit erst an: In den Archiven schlummern geschätzte 310 000 Radio- und 250 000 Fernsehstunden an Material. Immerhin: Radios Suisse Romande (RSR) und Couleur 3 bieten einige Inhalte bereits jetzt mit einer CC-Lizenz zum Herunterladen an.

Bedenken der Unterhaltungsindustrie

Das freut Christian Laux. Er ist Mitglied von Openlaw.ch , dem Verein, der in der Schweiz die CC-Lizenzen ans Schweizer Gesetz anpasst. Er sagt: «Bei Creative Commons geht es nicht um Offenheit um jeden Preis, und es geht auch nicht darum, andere Lizenzmodelle schlecht zu machen.» Laux ist aber überzeugt, dass sich dieses Modell seit drei Jahren bewährt hat und Creative Commons sowohl den Konsumenten wie auch den Künstlern nützt. Er sieht sogar kommerzielle Vorteile gegenüber dem normalen Copyright: «Eine CC-Lizenz kann Werbewirkung haben, weil man den Konsumenten mehr Rechte einräumt als mit dem normalen Copyright.»

Gerade das zweifeln andere Experten vehement an. So auch Adriano Viganò, der lange in der Filmindustrie arbeitete. «Das Problem im Internet für Künstler ist die Reizüberflutung. Das Angebot an Werken ist viel zu gross. Um da aufzufallen, braucht es Marketing und Marketing-Auftritte kosten viel Geld. Ein neues Copyright-Modell ändert an diesen Zwängen nichts.» Die drängende Frage für Viganò ist nicht, wie man Inhalte im Internet ohne Probleme verbreitet, sondern wie man als Künstler noch Geld verdient im Netz. Dafür sei eine Lockerung des Copyrights der falsche Weg. Er befürchtet, dass viele Konsumenten, moralisch gestärkt durch die Ideen der Creative-Commons-Bewegung, weiterhin hemmungslos Raubkopien saugen: «Das Recht auf freien Zugang zu Wissen postulieren und dann ‹Star Wars› illegal runterladen – das geht einfach nicht.» Mag sein, dass sich die Creative-Commons-Idee für die hochkommerzielle Nutzung nicht eignet. Doch in vielen anderen Bereichen haben sich CC-Lizenzen bereits durchgesetzt.

CC: Anbieten und finden

Werke mit einer Creative-Commons-Lizenz ins Internet stellen ist einfach. Interessierte tun dies in wenigen Schritten auf der Webseite http://creativecommons.org/license Hier befindet sich ein so genannter Lizenz-Generator, der nur zwei Fragen stellt: «Wollen Sie die kommerzielle Verwertung erlauben?» und «Wollen Sie die Bearbeitung Ihres Inhalts zulassen?». Je nach Antwort wird eine entsprechende Creative-Commons-Lizenz erstellt. Danach erhält der Künstler einen Text, den er in seine Webseite einbauen kann. Das ganze Prozedere dauert wenige Minuten und kommt ohne Juristendeutsch aus.
Da die CC-Lizenzvereinbarungen erst in einigen Monaten komplett für die Schweiz adaptiert sein werden, sollten Schweizer die US-amerikanische Lizenz wählen, sie ist auch hier gültig.
Über 12 Millionen Dokumente sind bereits mit einer CC-Lizenz ausgestattet. Da gibt es also schon eine Menge an Werken zu finden. Dies merkte auch das Onlineportal Yahoo! und stellte darum unter http://search.yahoo.com/cc eine Suchmaschine zur Verfügung, die ausschliesslich CC-Inhalte aufspürt. Doch auch die Creative-Commons-Stiftung bietet eine Suchmaschine an: http://search.creativecommons.org/index.jsp Natürlich findet auch Google CC-geschützte Werke. Wer mit dem Browser Firefox arbeitet, ist privilegiert: Auf http://mycroft.mozdev.org/download.html gibts ein so genanntes Such-Plug-in für CC-Werke, das sich, einmal per Mausklick aktiviert, in den Browser einbindet. Damit ist es möglich, im Browser oben rechts direkt nach CC-Inhalten zu suchen. (chb)

Digital

Meistgelesen in der Rubrik Digital

Lokale Suche

Marktplatz

Umfrage

Mit welchem Browser surfen Sie im Internet?







Facebook

Werden Sie Tagi-Fan.

Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%