Mehr als eine akustische Modewelle
05. September 2005, 20:16Das Angebot sowie das Publikum von Podcasts wachsen rasant. Vier Schweizer Pioniere schildern ihre Erfahrungen mit dem jungen Medium.
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Markus Koller aus Bern beschreibt sein Projekt als «Musik im Abo». Fragt jemand Barbara Strebel aus Basel, was sie eigentlich tut, antwortet sie: «Ich produziere ein Kulturmagazin.» «Eine Sendung zum Runterladen» machen Gustavo Salami aus Zürich oder der Luzerner Roger Lévy. Die Rede ist von Podcasts – und wenn jemand weiss, was das ist, dann diese vier Leute. Sie alle gehören diesbezüglich zu den Pionieren in der Schweiz.
So unterschiedlich ihre spontanen Beschreibungen ausfallen, so verschieden sind auch die von ihnen publizierten Podcasts. Vielstimmigkeit gehört zum Grundprinzip, von daher ist keine der Beschreibungen korrekter als die andere.
Noch vor einem Jahr kannte kaum jemand den Begriff «Podcasting», heute bieten nebst unzähligen unabhängigen Pionieren auch zahlreiche traditionelle Medien Podcasts an. Selbst die wöchentliche Radioansprache von George W. Bush gibt es als Podcast, und auch die Kirchen haben das Medium bereits entdeckt und betreiben so genannte Godcasts. Das amerikanische Podcast-Verzeichnis www.podcastalley.com listet mittlerweile über 6000 Podcasts auf: vom Seelenstriptease über Kochrezepte bis zu politischen Manifesten ist alles dabei. Und auch die Hörerschaft wächst rasant. Wie viele es genau sind, weiss wohl niemand genau, aber selbst die bisher noch überschaubare Schweizer Podcaster-Szene freut sich über Tausende von Zuhörern, Tendenz steigend.
Echt, direkt und inspirierend
Mag es auch nicht ganz einfach sein, zu erklären, was ein Podcast ist, so herrscht bei der Frage nach dem, was einen guten Podcast ausmacht, rasch Einigkeit: Authentizität. «Echtheit ist das Wichtigste», sagt Markus Koller. Barbara Strebel sucht zudem «etwas, das inspiriert». «Wir alle hier machen ein Original», sagt Roger Lévy, «das unterscheidet uns von den grossen Radiostationen, die laufend noch mehr ihrer Sendungen als Podcasts verwursten.»
Das tun tatsächlich zahlreiche amerikanische Radiostationen, auch in Deutschland gibt es immer mehr derartige Podcasts. Gustavo Salami findet es gut, dass dadurch der Begriff einem breiteren Publikum bekannt wird, und fürchtet deren Konkurrenz eigentlich nicht.
Andere Hörgewohnheiten
Vielmehr hat er durch die Podcasts das Zuhören für sich wieder entdeckt und damit auch das Radio. Seit Roger Lévy intensiv Podcasting macht und viele der Arbeiten von Kollegen und Kolleginnen hört, sieht er zudem viel weniger fern. «Vor allem mit dem MP3-Player ist man sehr konzentriert dabei», schwärmt der Ex-TV-Junkie.
«Die Leute sind die Mainstream-Medien immer mehr müde. Ich denke, es gibt ein wachsendes Interesse an direkten, unabhängigen Medien wie Podcasts oder Weblogs», sagt Barbara Strebel. Sie sieht den grossen Vorteil von Podcasts darin, dass sich das Publikum nicht einfach berieseln lassen kann, es muss sie sich suchen, auswählen und holen, sie spricht von «pflücken». Von dieser aktiveren Haltung des Publikums verspricht sie sich auch mehr Treue. Sie kann sich sogar vorstellen, sich dereinst mit ihrem Publikum zu treffen, um die «zeit- und raumlose Anonymität des Internets» zu überbrücken.
Die meisten Podcaster sehen ihre per Internet vertriebenen Audioshows gerne als Zweiwegkommunikation. Das Publikum kann und soll Feedback liefern. Noch sind es zwar erst wenige Hörer, die sich melden. «Wir bekommen zwar ab und zu allgemeines Lob per Mail, aber alles in allem nur wenig direktes Feedback», erzählt Gustavo Salami.
Über Reaktionen aus aller Welt freut sich hingegen Roger Lévy, insbesondere seine Podcasts über das Hochwasser in Luzern bescherten ihm diverse Anfragen anderer Medien sowie Mails aus «allen Kontinenten mit Ausnahme Australiens». Das motiviert enorm, weiterzumachen. Nichts ist schlimmer, als «einfach ins Leere zu reden».
Apples zweideutige Rolle
Podcasting ist so unabhängig, wie ein Medium fast nur sein kann. Die Technologie gehört keiner bestimmten Firma, jeder kann publizieren und hören, was er möchte. Ein Unternehmen allerdings profitiert vom Phänomen mehr als alle anderen: Apple. Nicht nur macht es den Namen ihres MP3-Players noch bekannter, als er eh schon ist, Apple hat das Potenzial der Podcasts erkannt und in ihrer Musiksoftware iTunes ein Podcast-Verzeichnis integriert. So kommen zahlreiche Audioshows gratis auf die Player ihrer Kunden. Apple kann somit auf den Einbau eines Radios in den iPod verzichten, und noch mehr Leute entdecken iTunes und den darin ebenfalls enthaltenen Music Shop.
Seit der Integration in iTunes Ende Juni sind die Hörerzahlen, aber auch jene der angebotenen Podcasts, nochmals sprunghaft angestiegen, haben sich vervielfacht, wie auch die vier befragten Schweizer Podcaster bestätigen. Dennoch löst Apples Initiative nicht nur Freude aus. Markus Koller vermisst eine Möglichkeit, den durch die vielen iTunes-Hörer entstehenden Datenverkehr auf die Server anders zu verteilen, etwa via Bit Torrent. «Apple hat gratis Content. Die Netlabels haben zwar dreimal mehr Zuhörer, dafür aber auch höhere Hosting-Kosten», sagt Koller. «Wer mehr profitiert, ist mir noch nicht ganz klar.»
In iTunes gibt es zudem eine Liste der meistabonnierten Podcasts, quasi die Hitparade der Podcasts. Wer dort aufgelistet ist, dessen Bekanntheitsgrad steigt enorm. Doch seit immer mehr Radiostationen und sogar Fernsehsender wie die ARD ihre Sendungen mit bekannten Namen als Podcasts anbieten, werden die kleinen, unabhängigen Podcaster zunehmend auf die hinteren Plätze verdrängt. «Das hat diverse kleinere Podcasts Hörer gekostet», beanstandet Roger Lévy. «Schlussendlich geht es aber um die Inhalte, nicht um die Anzahl Hörer», denkt hingegen Gustavo Salami.
Davon leben können
«Ich verfolge meinen Podcast professionell, ich will davon leben können», sagt Barbara Strebel. Sie hat bereits öffentliche Kulturfördergelder beantragt, ist aber abgeblitzt. «Was wir tun, kann man durchaus als Service public auffassen, doch das wird noch nicht anerkannt.» Also sind andere Strategien gefragt, wobei sie gegenüber Sponsoren Vorbehalte hat, da sie inhaltliche Einflussnahme befürchtet. Hingegen kann sie sich vorstellen, als Podcasting-Expertin oder -Beraterin für andere zu arbeiten. Etwa für Firmen, die intern so etwas für ihre Angestellten produzieren möchten.
Amerikanische Podcasts sind bereits weit gehend gesponsert oder bauen Werbung ein, schliesslich erreichen die Werbekunden mit diesem Medium thematisch klar umrissene Zielgruppen. Auch hier zu Lande entdecken die Werber die Podcasts. Kollers Starfrosch hat bereits Angebote für eine Kooperation, die allerdings noch nicht spruchreif ist. Zuversichtlich, einen Sponsor zu finden, ist auch Swisspodcast. Der Kultpavillon ist ebenfalls schon angefragt worden, allerdings will Lévy auf jeden Fall werbe- und sponsorenfrei, also unabhängig bleiben.
Eine andere Möglichkeit, an Geld zu kommen, wäre, die Podcasts nicht länger gratis zu verteilen, sondern für das Abo oder pro Beitrag Geld zu verlangen, was technisch – beispielsweise in iTunes – absolut machbar wäre. Gefallen würde das den Pionieren allerdings nicht.
Podcasting ist kein Gag
Auch wenn die von Idealismus und unbezahlter Arbeit geprägte Pionierphase sich vielleicht bald dem Ende zuneigt und niemand so genau weiss, wie sich Podcasts in einigen Jahren anhören werden, eines steht fest: Alle vier befragten Podcaster werden weitermachen. Barbara Stahel bringt es auf den Punkt: «Podcasting ist kein Gag, es ist eine ernst gemeinte und ernst zu nehmende Bewegung.»
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