«Jeder kann das Internet ausbauen»

03. Oktober 2005, 21:45

Vor 30 Jahren hat der Amerikaner Vint Cerf die Basistechnologie des Internets mitentwickelt. Noch heute staunt er über die Innovationskraft, die es freigesetzt hat.

Will nicht in alten Denkmustern verharren: Vint Cerf, einer der Väter des Internets.
Will nicht in alten Denkmustern verharren: Vint Cerf, einer der Väter des Internets.
Mit Vint Cerf sprach Peter Sennhauser, Stanford

Herr Cerf, wie viel haben Sie an der Erfindung des Internets verdient?

Ich werde oft gefragt: Warum hast du nicht das Internet patentiert, du Idiot? Die Antwort ist ganz einfach: Bob Kahn und ich wollten, dass unser System zu einem Standard wird. Deshalb haben wir ganz bewusst auf jegliche Ansprüche verzichtet. Natürlich denke ich manchmal an die unzählbaren Datenpakete, die jede Sekunde durchs Netz reisen, und wie schön es wäre, wenn ich für jedes einen milliardstel Cent kriegte ...

Aber Sie glauben, dass ein Patent die Innovationskraft gebremst hätte?

Ich bin gegen Softwarepatente, weil sie zu viel Allgemeingut privatisieren und damit die Kreativität blockieren. Das Internet hat zu ungeahnten Innovationen geführt, weil es von niemandem kontrolliert wird und seine Architektur nichts ausschliesst. Wer eine Idee hat, wie das Netz genutzt werden kann, muss nur die Anwendung dafür schreiben – ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen. Und wir haben erst etwa ein Prozent des Potenzials gesehen – ich bin sehr gespannt, was noch alles kommt.

Sie müssten das doch am besten prophezeien können ...

Als wir das Internetprotokoll entwickelten, hatten wir keine konkrete Vorstellung, was daraus wird. Wir haben lediglich im Auftrag des Pentagons ein technisches Problem zu lösen versucht.

1945 erteilte der US-Forschungsminister der Wissenschaft den Auftrag, ein System zur Vernetzung des Wissens zu schaffen. Ahnten Sie nicht, dass Sie im Begriff waren, diese Mission zu erfüllen?

(Lacht.) Es war sogar harte Arbeit, den Gebrauch unserer Technik an der Uni durchzusetzen. Die Kollegen wehrten sich. Sie hatten E-Mail, und sie konnten die Grossrechner fernsteuern – mehr, glaubten sie, sei nicht nötig. Zehn Jahre lang sah niemand das Potenzial – bis wir 1988 darüber diskutierten, das Netz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Was bringt das Netz der Zukunft?

Fragen Sie das die Teenager, nicht einen 62-jährigen Grossvater. Die kommenden Generationen Werktätiger diktieren mit ihren Wünschen, wohin sich das Netz entwickelt. Und was sie nicht kriegen, das entwickeln sie eben selber.

Dabei sind wir heute schon mit der Kommunikationsflut überfordert.

Das mögen Sie so empfinden und ich. Aber fragen Sie auch dazu die jungen Menschen – die beherrschen die Technik, nicht umgekehrt. Solche Generationenprobleme hat jede Innovation mitgebracht – stellen Sie sich den Wechsel vom Pferdegespann zum Auto vor. Solche Herausforderungen sind wichtig. Wir sollten uns zwingen, nicht in einem Denkmodus zu verharren, bloss weil er die letzten zwanzig Jahre funktioniert hat.

Das Internet hat aber auch ein gewaltiges negatives Potenzial.

Natürlich – auch ich ärgere mich über Spam und teilweise abscheuliche Inhalte auf Webseiten. Das Internet ist aber nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn einem nicht gefällt, was man im Spiegel sieht, flickt man nicht den Spiegel.

Nur hat nicht jede Gesellschaft die gleichen Schönheitsideale ...

... aber es gibt weltweite Übereinstimmung darüber, was eindeutig nicht tolerierbar ist – Kinderpornografie etwa. Solche Dinge müssen vielleicht mit Gesetzen, vielleicht mit moralischen Lehren bekämpft werden. Aber damit reden wir über Social Engineering, nicht über Infrastrukturprobleme. Das Internet ist inzwischen so wichtig wie das Strassennetz. Auch das kann missbraucht werden: Betrunkene Menschen am Steuer sind gefährlich. Deswegen sperren wir keine Strassen oder verzichten auf Autos, sondern wir verfolgen die Täter.

Der Unterschied besteht darin, dass im Internet die geografischen Rechtsräume verschwimmen.

Ich halte diese Metapher des rechtsfreien Cyberspace für irreführend: Die Infrastruktur des Netzes ist lokal. Die Menschen, die es benutzen, befinden sich ebenso klar an einem Ort und damit in einem Rechtsraum.

Aber sie können mit dort legalen Aktionen anderswo Gesetze brechen.

Das konnten sie seit Jahrhunderten durch die Post. Auch andere Fortschritte wie die Mobilität relativieren lokale Gesetze. Hier in den USA etwa ist das Mindestalter für den Kauf von Alkohol von Staat zu Staat verschieden, also kann mit einer Fahrt über die Grenze das eigentlich geltende Recht umgangen werden.

Nur werden die Differenzen in den USA und anderswo von der Föderationsregierung adressiert. Im Internet wäre das wohl Icann, deren Mitglied Sie sind ...

Die Icann hat eine wichtige, aber limitierte Aufgabe: Sie muss verhindern, dass mehrere Leute die gleiche Internetadresse haben. Schon dies birgt politische Sprengkraft, weil wir auch die Adressräume ganzer Länder zu vergeben haben. Aber mit anderen Problemen soll und kann sich die Icann nicht befassen. Sie hat keinerlei juristische Gewalt.

Also müsste man eine andere Organisation gründen, welche diese Gewalt hat?

Ich bin für die Schaffung von Rahmenorganisationen, die bei Streitfällen vermitteln. In gewissen Feldern gibt es sie schon: Die WTO ist für Business-Streitfälle zuständig, die Organisation für geistiges Eigentum für Copyright-Verletzungen. Aber ich rate davon ab, ein einziges Organ einzusetzen, das sich aller Probleme annehmen soll. Es wäre nicht nur überfordert damit, die aktuellen Aspekte des Internets zu verstehen, sondern erst recht mit jenen, die wir noch gar nicht kennen.

In der Realität zieht doch, wer es sich leisten kann, einfach in den USA vor Gericht und macht so US-Recht zu Cyberspace-Recht.

Im Vertragswesen wird deshalb im Voraus ein Rechtssitz festgelegt.

Das ist aber kaum praktikabel. In den USA ist die Redefreiheit ein geheiligtes Gut, in Teilen Europas sind öffentliche Hassreden ein Offizialdelikt.

Ich bestreite nicht, dass durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten die Rechtskraft und die Souveränität von Nationalstaaten zu einem gewissen Grade erodiert. Das ist der Preis, den wir für die globale Kommunikation bezahlen. Aber ich sehe nicht, wie dem mit einem supranationalen Gesetz oder einer Behörde entgegengewirkt werden könnte.

Wir sollten vielleicht einfach einen Schritt Abstand nehmen. Viele Probleme regelt die Gesellschaft selbst – durch neue moralische Grundsätze. Vielleicht bewirkt das Internet Veränderungen sozialer Werte in ganzen Kulturen. Das ist nicht immer schlecht. Sprache zum Beispiel passt sich auch ständig dem Gebrauch an.

Fürchten Sie nicht um um nationale Identitäten und kulturelle Werte?

Das sind zwei verschiedene Dinge. Kulturelle Werte und Sprache verbinden Menschen auf der ganzen Welt viel stärker als nationale Grenzen: Die samisch sprechenden Völker in Nordskandinavien leben in drei verschiedenen Ländern. Das Internet bringt sie einander näher. Möglicherweise lösen sich durch solche virtuellen Gemeinschaften nationale Grenzen auf. Das bedroht allenfalls Machthaber, aber nicht Kulturen.

Grade Europa – leider ohne die Schweiz – befindet sich ja in einem äusserst spannenden und meiner Meinung nach hochambitiösen Experiment, Grenzen abzubauen. Es überrascht keineswegs, dass es dabei gelegentlich Widerstände gibt. Aber hier spielt, wie im Potenzial des Internets, das Gleichgewicht der Interessen: Am Ende wollen alle dabei sein, weil sie mehr gewinnen können, als sie verlieren. Das Gleiche könnte sich längerfristig auf globaler Ebene abspielen.

Aber das Internet ist die erste Technologie, die derart breite Auswirkungen hat.

In seinem Buch «Das viktorianische Internet» beschreibt Thomas Standage die Auswirkungen der Erfindung des Telegrafen von 1845. Plötzlich konnten Botschaften schneller verschickt werden, als ein Zug fuhr; nach einem Banküberfall wusste die nächste Bahnstation noch vor Einfahrt des Zuges, dass die Räuber an Bord waren. Ersetzen Sie das Wort «Telegraf» in den damaligen Medienberichten durch «Internet», und Sie erkennen den gleichen gesellschaftlichen Effekt, den wir grade erleben.

Aber ausser Buchdruck und Rundfunk hat bisher keine Technologie derartig breite Wirkung auf die Gesellschaft gehabt.

Das Internet hat eine grössere Breitenwirkung, weil es allen Teilnehmern die Möglichkeit verleiht, es selber auszubauen. Das ist es, was mich fasziniert. Das Internet unterscheidet sich zudem von anderen Technologien, indem alle einen Teil davon besitzen und niemand die Kontrolle hat. Es funktioniert, weil es aus nicht viel mehr als technischen Standards besteht, an die sich alle halten.

Könnte man solche Standards auch auf soziokultureller Ebene einrichten?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Allerdings basiert die Übereinkunft von Technikern auf harten Fakten. In sozialen und kulturellen Belangen spielen Meinungen eine ungleich grössere Rolle. Das bedingt Kompromisse und Anpassung – Dinge, denen sich Kulturen nicht leicht unterwerfen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich eine homogene Weltkultur herbeiwünsche. Die Idee klingt interessant – aber vielleicht würde das Leben dadurch auch furchtbar langweilig.

Das All vernetzen

Für die Nasa arbeitet Vint Cerf seit rund fünf Jahren am «interstellaren Internet». In diesem Projekt geht es um einen Übermittlungsstandard für all die Forschungssonden und -roboter, die in nächster Zukunft unsere Nachbarplaneten besuchen. Das terrestrische Internetprotokoll funktioniert im All nicht: Es basiert darauf, dass jeder Computer auf dem Weg eines Datenpakets dessen Ankunft an den vorherigen Absender quittiert; fällt die Quittung aus, schickt der Absender das Paket erneut. Bei Funkdistanzen von bis zu einer Stunde zwischen Mars und Erde ist dies nicht praktikabel. Die bisherige Praxis der Nasa, für jede Mission ein aktuelles Kommunikationsmodell zu entwickeln, soll durch einen nachhaltigeren Standard ersetzt werden. (pit)

Zur Person

Vint Cerf gilt als einer der «Väter des Internets», weil er in den 70ern das Transfer Control Protocol/Internet Protocol (TCP/IP) entworfen hat. Der 1943 in Connecticut geborene Cerf lebt an der amerikanischen Ostküste. Nach seinem Mathematik- und Informatikstudium arbeitete er als Professor in Stanford, als Programmierer bei IBM und zuletzt für den Telecom-Riesen MCI. Als Mitglied und zeitweise Präsident der Icann, des internationalen Gremiums, das die Adressierungen im Internet beaufsichtigt, hat sich Cerf als Verteidiger des Internets gegen nationale Kontrollbegehrlichkeiten einen Namen gemacht. Vor kurzem wurde er von Google als «Internet-Evangelist» angeworben. (pit)

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