Der Schrecken der Zeitungsverleger
06. Februar 2006, 22:14Die Presse liebt erfolgreiche Internetpioniere. Doch Craig Newmarks nennt sie «Zeitungs-Totengräber». Seine kostenlosen Kleinanzeigen im Netz sind den Zeitungen ein Dorn im Aug.
Craig Newmarks E-Mails sind so kurz wie der Mann selber. «Donnerstag, 11 Uhr, im Rèverie?» lautet seine Antwort auf meine Interviewanfrage. Keine Anrede, keine Grussfloskel – Craig ist Programmierer, für ihn zählt Effizienz.
Das sieht man auch seiner Website Craigslist.org an: ein umfangreicher Kleinanzeigenmarkt ohne jegliche Schnörkel, frei von Werbebannern. Eine Anzeige aufzugeben, ist kostenlos, einzig für Stelleninserate ist eine kleine Gebühr fällig. Lokalisiert für 200 Städte in der ganzen Welt, darunter Genf und Zürich, wird die Website monatlich rund vier Milliarden Mal abgerufen und von den Benutzern mit rund vier Millionen neuen Anzeigen gefüttert. Sie gehört zu den Top-Ten-Websites im Internet.
«Craigslist ist eine öffentliche Dienstleistung», erfüllt Newmark die Bitte um eine Definition seiner Firma beim vereinbarten Treffen im Quartiercafé Rèverie. Er ist klein und untersetzt, spricht ruhig und bedacht und kennt alle Kleinkinder, Mütter und Hunde in San Franciscos Cole Valley.
Vor kurzem hat ihm die Gratiszeitung «SF Weekly» eine Titelstory gewidmet. Tenor: Der kauzige Craig beraubt die lokalen Zeitungen ihrer wichtigsten Einnahmenquelle und leistet der Gesellschaft einen Bärendienst. Dabei fülle sich der angeblich soziale Gründer die Taschen mit den Einnahmen aus den kostenpflichtigen Jobinseraten für die Städte San Francisco, Los Angeles und New York.
Die Anschuldigungen bringen Craig kaum aus der Ruhe. «Ich hätte bei der Geschichte mehr helfen sollen. Mehr Fakten liefern», sagt er sanft. Das «New York Magazine» hat ihn als «zeitungskillenden Gnom» porträtiert. Sein einziger Kommentar: «Man lernt in diesem Geschäft, diplomatisch zu bleiben.»
In welchem Geschäft? Gehört Craigslist zum Mediengeschäft? «Wir denken nicht in diesen grossen Begriffen. Wir sind ein Flohmarkt.»
Laut einer Studie kostet dieser Flohmarkt allein in der Region von San Francisco die Zeitungen jährlich rund 60 Millionen Dollar in Form ausbleibender Inserate. «Das ist nicht mehr als eine Schätzung. Unser Einfluss ist äusserst gering.»
Auswirkungen bis in die Schweiz
Ein bisschen sehr bescheiden, angesichts von Übernahmeangeboten in dreistelliger Millionenhöhe – die für Craig «keine Option» darstellen – und der Macht, welche die Plattform inzwischen hat: Als Craigslist vor Jahresfrist zwei lokale Seiten für die Schweiz aufgeschaltet hat, reagierte die Tamedia, zu der auch der «Tages-Anzeiger» gehört, mit der Gründung der kostenlosen Schweizer Konkurrenz Piazza.ch . «Eine smarte Entscheidung», findet Craig, und eine erfreuliche noch dazu. Er sieht alles positiv, was der Gemeinschaft dient, unabhängig davon, was der Auslöser war.
Macht hingegen interessiert ihn nicht. «Macht ist etwas, was andere attraktiv finden mögen. Wir gehören nicht dazu.» Attraktiv oder nicht – Macht bedeutet doch auch Verantwortung? «Oh, die nehmen wir wahr. Als Beispiel: Wir denken daran, für Immobilienanzeigen eine kleine Gebühr einzuführen – das würde uns die Möglichkeit geben, dem Missbrauch durch Kleinbetrüger und Trickser einen Riegel vorzuschieben. Erst dann könnten wir ihre Inserate ablehnen. Zugleich mache ich mir aber Sorgen, ob wir nicht den kleinen Agenturen und Privaten schaden.»
An die denkt Newmark immer zuerst. Er zelebriert das lokale Gesellschaftsleben, kennt die Menschen in seinem Quartier und benutzt in der Stadt grundsätzlich den öffentlichen Verkehr – ein Verhalten, das in Porträts amerikanischer Medien regelmässig als kurioses Charakteristikum hervorgehoben wird. Er widmet in seinem prominent platzierten Weblog immer mal wieder einen Beitrag der zweijährigen Tochter seiner Nachbarn oder publiziert ein Foto vom Hund eines Freundes. Grösse, Wachstum, Marktpotenzial, das alles interessiert ihn kaum.
Im Team von Craigslist.org ist Craig für den Kundendienst zuständig; die Geschäftsführung hat er einem Profi abgetreten, der die 18 Mitarbeiter führt, mehrheitlich Programmierer und Techniker. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass Craig bei den strategischen Entscheidungen mitredet. «Wir wollen nicht zu schnell wachsen. Das führt zur Hierarchie: Angestellte beginnen, ihren Chefs das zu erzählen, was die hören wollen, und die erzählen ihren Bossen, was die hören wollen. Bald funktioniert gar nichts mehr.» Craig Newmark aber mag Effizienz. Und die bedingt über-schaubare Dimensionen.
Glaubwürdigkeit zählt
«Wettbewerb interessiert uns nicht. Craigslist wird von den Nutzern gesteuert, nicht von uns.» Sein Dienst verdankt den Erfolg dem Vertrauen der Kundschaft. «Vertrauen lässt sich nicht kaufen», hat er mir in einem früheren Interview im gleichen Café gesagt. «Aber viele Manager wollen das nicht begreifen.» Und nicht nur die, deutet Craig in seiner koketten Bescheidenheit an, ohne es allzu deutlich zu sagen: «Die Zeitungen müssen sich darauf konzentrieren, die Wahrheit zu sagen.»
Die Massenmedien seien keineswegs überflüssig. «Wir brauchen professionelle Redaktoren, Journalisten, Moderatoren und Rechercheure. Wir brauchen mehr investigativen Journalismus.» Dass diese teuerste Form des Journalismus durch die sinkenden Einnahmen aus dem Inserategeschäft unter Druck gerät, lässt Newmark nicht gelten. Aber auch diesen Einwand formuliert er als Frage: «Vielleicht lässt sich guter Journalismus einfach nicht von profitorientierten Unternehmen betreiben.» Diese gänzlich unamerikanische Ansicht will der König der kostenlosen Rubrikinserate keinesfalls als professionelle Meinung verstanden wissen. «Ich bin ein Amateur. Ich verstehe nichts vom Mediengeschäft», untertreibt er einmal mehr, «ich stütze mich in solchen Diskussionen auf die Meinungen echter Fachleute wie die Journalisten Jeff Jarvis oder Dan Gillmore.»
Dass die Zeitungen unter Druck und mitten in einem Wandel stehen, sieht auch Newmark. Aber die Technik bringe nicht nur neue Konkurrenz, sondern auch Möglichkeiten. «Papier, Druck und Verteilung sind doch einfach viel zu teuer.» Elektronische Distribution – «etwa auf den falt- oder rollbaren Folienbildschirmen, an denen HP und Philips arbeiten» – würde gigantische Mittel für den Journalismus freisetzen. «Ich weiss nicht genug über diese Dinge, fragen Sie die Fachleute», fügt er sogleich an.
«Die Leute nehmen mich zu ernst»
Fachsimpeln mag er lieber über mein digitales Aufnahmegerät. Er habe ein hässlicheres Gerät dem schmucken iPod vorgezogen, «weil es billig war und ein Radio eingebaut hat, mit dem ich unterwegs NPR hören kann». Die Stationen von National Public Radio (NPR) sind bekannt für ihre hochwertigen Informationssendungen, Craig unter anderem dafür, ein Anhänger der werbefreien, durch Spenden und Sponsoring finanzierten Senderkette zu sein.
Nochmals auf seine Rolle als Medienprofi angesprochen, der eine gewisse Marktmacht nicht abstreiten könne, erwidert Craig: «Ich will diese Macht gar nicht. Ich bin ein Nerd.» Laut Wikipedia ist ein Nerd ein Fachidiot, ein Streber, meist in Verbindung mit hoher Intelligenz für Spezialisten der Informatikindustrie gebraucht. «Wie alle Nerds will ich die Welt verändern, aber mein Dilemma ist, dass ich auch faul bin. Deswegen besteht mein Plan darin, andere dazu zu bringen, die Welt zu verändern. Craigslist ist eine Möglichkeit dazu.» Dann gähnt er. «Die Leute tendieren dazu, mich viel zu ernst zu nehmen. Sie entschuldigen mich. Ich muss zurück ins Büro.»%perl>
Flohmarkt im Internet
Craigslist ist ursprünglich aus einem E-Mail-Newsletter entstanden, mit dem der heute 53-jährige Programmierer Craig Newmark seine Freunde auf Events in San Francisco aufmerksam machen wollte. Das Unterfangen wuchs ab 1995 explosionsartig und wurde zum schwarzen Brett im Internet für alles, was man im Leben benötigt: gebrauchte Möbel, einen Arbeitsplatz, eine Wohnung, eine Affäre, drei Dutzend fabrikneue Kartonrollen oder einfach nur ein paar Ratschläge fürs Leben.
Heute ist die Website der grösste Rubrikinseratenmarkt der Welt und laut Nielsen Netratings eine der meistbesuchten Internetadressen überhaupt. Sie ist lokal verfügbar für über zweihundert Städte in mehr als zwei Dutzend Ländern; Millionen von Internetnutzern rufen die Website jeden Monat rund vier Milliarden Mal auf und platzieren mehrere Millionen Gratisinserate, Kontaktanzeigen oder Kommentare in den Diskussionsforen.
Bis auf Stellenanzeigen für die Städte New York, San Francisco und Los Angeles ist Craigslist vollkommen kostenlos. Die Jobinserate generieren schätzungsweise 15 Millionen Dollar jährlich, mit denen sich das als Nonprofit-Organisation geführte Unternehmen finanziert. 2004 hat Ebay einem Ko-Gründer der Site für einen nicht veröffentlichten Betrag (angeblich rund 30 Millionen US-Dollar) ein Viertel der Firma abgekauft, zum Ärger von Craig, der bisher alle Übernahmeangebote in den Wind geschlagen hat und versichert, der Service werde nie kommerzialisiert.
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