Gut gemischt ist halb gewonnen
03. April 2006, 22:09Man nehme frische Daten bestehender Websites, vermenge sie geschickt und richte alles auf der eigenen Website hübsch an fertig ist der Mashup.
Von Roger Zedi
Wer demnächst nach Chicago reist und sich vorab darüber vergewissern möchte, wie es um die aktuelle Verbrechensrate der einstigen Gangstermetropole steht, dem hilft ein Besuch auf chicagocrime.org weiter. Auf dieser Internetseite findet man täglich aktualisiert und auf einer Stadtkarte dargestellt sämtliche der Polizei gemeldeten Verbrechen. Man kann nach Art der Vorfälle suchen, nach Stadtkreisen, nach Tageszeiten, nach Adressen, ganz wie einen beliebt.
Chicagocrime.org verwendet Daten, welche die dortige Polizei täglich im Internet publiziert, selber aber nicht so benutzerfreundlich aufbereitet. «Das ist o.k. so, sie sind Cops, keine Webentwickler, wie ich einer bin», sagt Adrian Holovaty, der Mann hinter der besagten Website. Er hat ein Programm geschrieben, das die Verbrechensdaten automatisch von der Website der Polizei abholt und mittels des Kartendienstes von Google darstellt. Die Seite wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und von der «New York Times» als eine der besten Webideen des vergangenen Jahres bezeichnet.
Das Vorgehen von Holovaty, sich eine Website wie beschrieben zusammenzubauen, hat auch schon einen Namen: «Mashup». Der Begriff ist der Musik entlehnt, wo er aus verschiedenen Songs neu zusammengemixte Musikstücke beschreibt (kleiner Tipp am Rande zum Reinhören: www.bootiesf.org).
Keimzellen oder Eintagsfliegen?
Andere beliebte Beispiele von Mashups sind etwa Preisvergleiche für Produkte über verschiedene Onlineshops hinweg. Oder neue Darstellungsformen von Shops, basierend auf der Methode «wer A gekauft hat, dem gefällt in der Regel auch B». Am beliebtesten sind jedoch Karten aller Art, die Palette reicht von Handfestem wie Verbrechen, Immobilien, Jobs- und Partnersuche über Spezialinteressen wie ornithologische Karten bis hin zu eher ausgefallenen Anwendungen wie einem Verzeichnis der öffentlichen Toiletten in den USA oder einer Karte, die einem anzeigt, wo man theoretisch rauskäme, wenn man an einem bestimmten Punkt ein Loch quer durch den Erdball graben würde.
Ernsthaft erwähnenswert ist ausserdem die Seite podbop.org, auf der die Tourneedaten diverser Independant-Bands mit deren MP3s (legal und mit viel Handarbeit) verknüpft werden. So kann man für seine Stadt abrufen, welche Musiker demnächst spielen werden, und gleich deren Musik vorkosten. Für Zürich oder andere Schweizer Orte funktioniert das leider noch nicht. Ein ähnlicher Dienst ist in der Schweiz noch nicht gesichtet worden.
Da Mashups ein noch relativ junges Gebiet sind, weiss auch noch keiner so genau, wie man sie einschätzen soll. Wie so oft halten es die einen für «the next big thing», während andere nur gähnend abwinken. Um diese und andere Fragen rund um das Phänomen zu beantworten, fand jüngst eine erste Konferenz über Mashups statt, im kalifornischen Mountain View. Zwar blieb vieles unbeantwortet, doch was auffällt, ist, dass die grossen Webdienstleister wie Google, Yahoo, MSN, Ebay oder Amazon den Mashups viel Aufmerksamkeit schenken und dementsprechend alle vertreten waren. Schliesslich sind es ihre Dienste (Suche, Karten und Shops), welche die Macher solcher Websites anzapfen. Und für den Fall, dass sich damit Geld verdienen lässt (etwa durch Werbung), will keiner zu spät am Start gewesen sein.
Solange die Mashups so etwas wie verbesserte Verpackungen anderer Websites sind, dabei brav auf diese verweisen (etwa auf Onlineshops) und selber dafür kein Geld verlangen, scheint allen gedient. Doch die wirklichen Knacknüsse wie Fragen nach dem Urheberrecht oder der Verteilung von durch Mashups erzielter Einnahmen bleiben vorerst offen. Noch fehlt ein entsprechender Präzedenzfall. Generell stellt sich zudem die Frage, ob es Sinn macht, einen eigenen Dienst zu betreiben, der derart abhängig von externen Quellen ist.
Amerikanisches Phänomen
Bisher listet programmableweb.com 547 Mashups und 189 APIs auf (jene Websites, die sich anzapfen lassen, quasi das Rohmaterial der Mashups). Eine verschwindende Minderheit stammt von ausserhalb der USA, aus der Schweiz findet sich kein einziges Beispiel.
Das liegt allerdings kaum daran, dass die hiesigen Webprogrammierer weniger schlau wären, sondern wohl eher daran, dass die USA mit Daten generell anders umgehen. Die Stadtpolizei Zürich etwa veröffentlicht einmal im Jahr ihre Kriminalitätsstatistik, aufgeteilt nach Stadtkreisen, in Papierform. Daraus lässt sich schlecht ein Dienst wie chicagocrime.org machen. Man könne zwar, falls gewünscht, raussuchen, was in einem beistimmten Quartier in einem bestimmten Zeitraum alles passiert ist, doch sei das mit viel Aufwand verbunden und dementsprechend teuer, teilt die Stadtpolizei mit. Solche Anfragen sind zudem extrem selten.
Schweizer Kartendaten sind ausserdem, anders als in den USA, wo sie öffentlich und gratis sind, da mit Steuergeldern erstellt, bei uns nicht frei verfügbar, obwohl sie auch hier die öffentliche Hand produziert. Und kommerzielle Kartendienste, etwa jener von Search.ch, lassen sich nicht von anderen Websites anzapfen (es gibt kein entsprechendes API, und Search.ch plant auch keines).
Mit Immo.search.ch betreibt man andererseits so etwas Ähnliches wie ein Mashup: Die Immobilieninserate verschiedener Portale werden zusammengefasst und auf Karten dargestellt. Die Links auf die Inserate verweisen direkt auf die Portale zurück. So wäscht eine Hand die andere, es fliesst kein Geld hin und her. Werbeeinnahmen für die Meta-Suchseite allerdings bleiben bei Search.ch.
Einen guten Überblick bieten folgende Websites:
www.programmableweb.com
www.mashupfeed.com
Digital
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