Kampf ums Geld und die Zukunft des Webs
29. Mai 2006, 19:15Telecomfirmen suchen nach neuen Geldquellen. Ins Visier nehmen sie Webseiten. Die leisten erbitterten Widerstand.
Von Christian BütikoferWenn Microsoft und Google sich gegenseitig unterstützen und die fundamentalistische Christian Coalition Group sowie ein Stanford-Professor gleicher Meinung sind, dann gehts um «Net Neutrality».
Diese Bewegung – manche sprechen von unheiliger Allianz – besteht aus einem Grund: Sie kämpft gegen die grossen Telcos der USA wie AT&T, die in Zukunft für schnelle Downloads und Onlinespiele per Gesetz zu den bereits bestehenden noch zusätzliche Gebühren einkassieren wollen. Diese Gebühren sollen nicht etwa von den Abonnenten kommen, sondern von den Inhaltsanbietern (Content Providers), also von Suchmaschinen oder Musik- und Filmwebseiten. Nicht nur in den USA liebäugeln die Telecomfirmen mit einer Benutzungsgebühr für Content Provider. Jüngst verkündete der Chef der Deutschen Telekom, Kai-Uwe Ricke, gegenüber der «Wirtschaftswoche»: «Die Googles, Yahoos und Amazons brauchen die Infrastruktur für ihr Geschäft. Es gibt deshalb in der Branche die Diskussion, wie diese Unternehmen künftig Nutzungsentgelte entrichten. [...] Wenn Google & Co. nicht bereit sind zu zahlen, dann kann es keine Datenautobahnen geben.»
Angst vor Zensurversuchen
Was auf den ersten Blick eigentlich nur eine Minderheit von grossen Firmen betrifft, lässt kleinere Interessengruppen von links bis rechts aufschrecken. Sie sehen in Gefahr, was seit Beginn im Internet weit gehend möglich war: zensurfreies, kostengünstiges Verbreiten ihrer Meinung. Im Extremfall, so die Befürchtung, werden in Zukunft alle Inhaltsanbieter von diesen Gebühren betroffen sein. So schreibt Rocksänger Michael Stipe von R.E.M. auf seiner Homepage: «Sollte der Wunsch der Telecomfirmen in Erfüllung gehen, wird die Wahlfreiheit der Konsumenten eingeschränkt, die Informationsfreiheit beschnitten, und das freie und offene Internet wird zu einer Autobahn mit Zöllen.» Er hat sich darum auf www.savetheinternet.com als Mitglied eingeschrieben einem virtuellen Zentrum der Net-Neutrality-Bewegung.Auch Stanford-Professor Lawrence Lessig, der sich in diversen Büchern mit dem Internet beschäftigt, ist auf jener Webseite vertreten. Doch seine Argumente sind nicht moralischer Natur. Lessig sieht die Innovationskraft des Internets in Gefahr. Die neuen Gebühren, meint er, würden das Prinzip, wie im Web bisher geschäftet wurde, auf den Kopf stellen.
Innovationskraft des Webs in Gefahr
Lawrence Lessig begründet seine Meinung mit einem Blick in die Vergangenheit. Erfindungen im Internet, sagt er, seien vor allem von den «Enden» des Netzes gekommen. Nicht die Netzbetreiber mit ihren Glasfaserleitungen sorgen also für die Innovation im Web, sondern die Leute hinter den Computern eben jene an den «Enden» der Leitungen. Das ist nur möglich, weil die Netzwerkbetreiber nicht kontrollieren können, wer was fürs Internet programmiert. Für Lessig ist es kein Zufall, dass wichtige frühe Erfindungen von Leuten gemacht wurden, die mit den Netzwerkbetreibern in keiner wirtschaftlichen Verbindung standen: «Das WWW wurde in Genf erfunden. Die erste Chatsoftware ICQ erfand ein junger Israeli, und den ersten Web-basierten E-Mail-Dienst Hotmail erstellte ein indischer Immigrant.»So hat auch Google nur mit dem besten Suchdienst alle Konkurrenten verdrängt. Der Firma sind keine Kosten für die Nutzung des Webs entstanden. Gerade im Videobereich sieht sich Google als nunmehr Grosser der Konkurrenz von vielen kleinen Firmen ausgesetzt. Müssten die nun zusätzlich Gebühren für ihre Dienste entrichten, hätten sie gegen die Geldmaschine Google keine Chance.
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