«Ebay des Geldes» mischt Banken auf

28. August 2006, 16:53

Die Kreditvergabe von Person zu Person via Internet feiert in den USA und Grossbritannien erste Erfolge. Sie könnte die Spielregeln im Kreditwesen radikal verändern.

Chris Larsen: Die Firma Prosper soll das Kreditwesen verändern. – Richard Duvall (r.): Mit Zopa der Obergläubiger in Europa.
Chris Larsen: Die Firma Prosper soll das Kreditwesen verändern. – Richard Duvall (r.): Mit Zopa der Obergläubiger in Europa.
Von Christian Bütikofer

Würden Sie einer wildfremden Person Geld leihen? Eben – wohl kaum. Doch genau das machen immer mehr Leute im Internet und verdienen auch noch etwas dabei. Dank den zwei Firmen Zopa und Prosper. «Peer-to-Peer-Lending» nennen sie ihr Geschäftsmodell; also die Kreditvergabe von Person zu Person. Der Begriff steht analog zu Peer-to-Peer-Sharing, der sich für Tauschbörsen im Internet eingebürgert hat.

«Wir wollen zum Ebay des Geldes werden», sagen sowohl der Amerikaner Chris Larsen (Prosper) wie auch Richard Duvall (Zopa) aus England. Ihr Markt steckt erst in den Kinderschuhen – und doch sind sie bereits Konkurrenten. Richard Duvall darf für sich in Anspruch nehmen, die Idee vom Mikrokredit im Internet zuerst lanciert zu haben. Er startete letztes Jahr in England die Firma Zopa - schon bald soll in den USA eine neue Zopa-Filiale entstehen. Duvall ist ein Internetpionier: Er war ein Mitgründer der ersten reinen Internetbank Egg.

Auch Chris Larsen ist ein E-Commerce-Vorreiter. Ende der 90er-Jahre gründete er in den USA das Internetunternehmen E-Loan. Dieses nutzte das Web, um die Mittelsmänner (die «Mortgage-Broker») im Hypothekarbusiness auszuschalten, und stellte günstige Hypotheken zur Verfügung. In diesem Jahr gründete er die Firma Prosper Marketplace und macht in den USA genau dasselbe, wie Zopa in England: die direkte Kreditvergabe von Person zu Person via Internet.

Larsen und Duvall haben noch etwas gemeinsam: Sie entwickelten während der Interneteuphorie nicht nur neue Geschäftsmodelle und sahnten dann beim Börsengang kräftig ab – ihre Firmen E-Loan und Egg existieren noch immer, auch wenn sie zwischendurch an der Börse mächtig Federn lassen mussten. Larsen und Duvall können sich also rühmen, nicht zur Gilde jener Dotcom-Millionäre zu gehören, die nach dem Platzen der Internetblase der Allgemeinheit heisse Luft und sich selbst einen prallen Geldbeutel hinterlassen haben.

Entwicklungsländern abgeschaut

Wie funktioniert die Person-zu-Person-Kreditvergabe? Dass Larsen und Duvall den grössten Onlinemarktplatz Ebay ins Spiel bringen, um ihr Geschäft zu illustrieren, hat seinen Grund: Ihre Firmen operieren in gewisser Weise ähnlich, am Beispiel von Prosper wird dies deutlich: Statt Waren anzubieten wie auf Ebay, macht ein potenzieller Kreditor auf Prosper den Geldbetrag öffentlich, den er leihen will. Zusätzlich gibt er an, zu welchem Höchstsatz er den geliehenen Betrag bereit ist zu verzinsen. Darüber hinaus muss er die Kreditgeber mit einer eigenen persönlichen Seite auf Prosper überzeugen, warum sie gerade ihm Geld leihen sollen; bei der Anmeldung wird er eindeutig identifiziert.

Statt für Waren wie auf Ebay, bieten nun die Kreditgeber ihren Teilbetrag an, den sie dem Entleiher zur Verfügung stellen wollen, und veröffentlichen auch den Zinssatz, den sie für ihren Betrag erwarten. Dabei darf der Höchstzins, den der Kreditor zu zahlen bereit ist, nicht überschritten werden. Sobald der Betrag zusammengekommen ist, sammelt Prosper als Intermediär jene Gebote der Kreditgeber ein, die den tiefsten Zins verlangen – damit kommt – je nach Kreditwürdigkeit – oft ein tieferer Zinssatz heraus, als der Kreditor bereit war zu zahlen. Wer zwar auch Kapital angeboten hat, aber zu einem höheren Zins als seine Mitkonkurrenten, fliegt aus dem Bieterrennen raus. Sobald das Geschäft abgeschlossen ist, überweist Prosper das Geld und kümmert sich um die Administration.

Das Prinzip der Kleinkreditvergabe von Person zu Person ist eigentlich alt. Während es im Westen fast gänzlich unbekannt ist, wird es in Indien, Afrika, Latein- und Südamerika täglich angewandt: Man spricht dort von «Mikrokrediten». Alternative Finanzinstitute gewähren jenen Leuten Kleinkredite zu viel besseren Konditionen, als dies für sie über eine konventionelle Bank möglich wäre. Prosper und Zopa übertragen zu einem gewissen Grad dieses Konzept einfach ins Web und machen es damit westlichen Konsumenten zugänglich.

Noch ist dieser Kreditmarkt, wenn auch im Internet verfügbar, nur für Personen aus den USA (Prosper) oder England (Zopa) zugänglich; beide Firmen verdienen ihr Geld, indem sie für ihre Plattform eine Gebühr erheben. Auf Prosper und Zopa können momentan keine Kredite gesprochen werden, die höher sind als 25 000 Dollar. Es ist auch wenig wahrscheinlich, dass völlig überschuldete Personen plötzlich zu neuen Krediten kommen. Jedes zukünftige Prosper-Mitglied wird vor dem Eintritt nach anerkannten Faktoren nach ihrer Kreditwürdigkeit eingestuft – dabei muss der zukünftige Schuldner auch seine finanziellen Verhältnisse offenlegen.

Kein Selbstbedienungsladen

Glaubt man der Webseite Savagenumber.com , so verhalten sich die Kreditgeber besonnen: Gerade mal 8 Prozent aller Kreditgesuche auf Prosper finden genug Kapitalgeber. 30 Prozent jener Leute mit guter bis sehr guter Bonität bekommen durchschnittlich einen Kredit, mit abnehmender Bonität verringert sich diese Quote drastisch: Nur 2 Prozent jener Gesuchsteller mit schlechtester Bonität werden von der Prosper-Community als kreditwürdig angesehen.

Das verwundert nicht. Obwohl Prosper und Zopa nicht im rechtsfreien Raum agieren – sie sind den jeweiligen nationalen Finanzaufsichtsbehörden unterstellt –, ist eingesetztes Geld auf diesen Plattformen ganz klar Risikokapital. Denn weder Prosper noch Zopa garantieren bei Verlust (sollte der Schuldner nicht mehr zahlen) eine teilweise Rückzahlung des Kapitals, wie das bei traditionellen Finanzinstituten zumeist der Fall ist. Trotz des Risikos: Die schlechten Schuldner sind laut Zopa-Management in der krassen Minderzahl. Ursprünglich ging man von 1,3% Nichtzahlern aus, momentan sind es gerade mal 0,05%. Prosper existiert noch zu wenig lange, um in diesem Bereich Zahlen zu präsentieren. Wird ein Schuldner zahlungsrückständig, schalten Prosper und Zopa Inkassobüros ein. Um das Risiko zu vermindern, können Kreditgeber ihr Kapital auf viele verschiedene Kreditnehmer verteilen und sind auch völlig frei in der jeweiligen Summe, die sie den einzelnen Personen zur Verfügung stellen wollen. Trotz Risiko hat Zopa nach einem Jahr im Markt bereits über 75 000 Mitglieder. Warum nur der Zulauf?

Alle profitieren

Offenbar ergibt sich für beide Parteien ein Vorteil: Kreditgeber erhalten deutlich mehr Zins, als wenn sie ihr Geld auf einem Sparkonto belassen würden. Kreditnehmer gelangen an Geld zu einem tieferen Zins als durch normale Kreditinstitute. Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, warum Leute auf diesem neuen Weg mit Geld handeln: Sie sind unzufrieden mit den Banken und wollen weg von den anonymen Institutionen. Nicht nur in den USA, auch in der Schweiz kommen Konsumentenmagazine immer wieder zum Schluss, dass die Finanzinstitute sehr kreativ sind beim Gebührenerfinden und Gebührenerhöhen – zumeist auf Kosten der Kleinsparer –, die Zinsen für Sparkonti aber meist gleich dürftig bleiben. Zudem haben viele Leute durch Prosper das Gefühl, ihr Geld bewirke etwas bei einer Person, zu der man eine «Beziehung» habe, das Geld sei «unmittelbarer» angelegt.

Innerhalb der ersten fünf Monate wurden auf Prosper 1500 Kredite gesprochen, die zusammen 7 Millionen Dollar wert waren. Für traditionelle Kreditinstitute nach wie vor ein Klacks. Sie tun aber gut daran, diese Anfänge nicht zu ignorieren, denn wie bei seiner Vorgängerfirma E-Loan, so ist Larsen von Prosper auch hier daran, sich zwischen die traditionellen Banken und ihre Kunden zu schieben. Damit verlieren die Banken das Wichtigste: die Kundenschnittstelle.

KMUs im Visier

Analyst Jim Bruene, der den «Online Banking Report» herausgibt, schätzt das Potenzial von Peer-to-Peer-Kreditfirmen wie Zopa und Prosper hoch ein – und er geht weg von simplen Konsumkrediten: «Kleinfirmen sind es, die schon immer das grösste Problem gehabt haben, zu Bankkrediten zu kommen.» Er wagt die Voraussage, dass in fünf Jahren allein in den USA das Volumen von Peer-to-Peer-Kreditvergaben die Milliardengrenze knacken wird. Dass KMU immer wieder grosse Probleme haben, an Kapital zu kommen, ist nicht etwa USA-typisch: 2003 war der Markt in der Schweiz für KMU-Kredite praktisch zusammengebrochen. Wie Bruene denkt auch die Investorin Christine Comaford-Lynch. Sie führt in Prosper die Gruppe «Business Loans for Entrepreneurs» an, die KMU Kredite gewährt, und ist überzeugt: «Sobald Prosper die Kreditlimite auf 100 000 Dollar erhöht, wird der Dienst so richtig abheben.»

www.zopa.co.uk
www.prosper.com

Die Schulden-Bloggerin

Die Amerikanerin Tricia aus Michigan hat ein ungewöhnliches Internetprojekt: Auf ihrer Webseite bloggingawaydebt.com berichtet sie, wie sie ihren Schuldenberg von ursprünglich 48 000 Dollar auf 0 Dollar abarbeitet. Angehäuft hat sie ihn vor allem mit Kreditkarten. Im Schnitt bezahlt in den USA nur jeder Dritte die monatliche Kreditkartenrechnung vollständig, die Zinsen liegen durchschnittlich bei 18 Prozent.
Über Prosper hat Tricia einen neuen Kredit erhalten, den sie verwendete, um ihre Kreditkartenschulden schneller zurückzuzahlen. Die neuen Schulden bei Prosper lohnten sich für sie nur darum, weil in den USA jeder Kartenherausgeber die Zinsen grundlos erhöhen darf. Bei Prosper hingegen bleibt der einmal ausgehandelte Zins immer gleich. Auch zahlt man keine Strafgebühren, zahlt man den Kredit früher als vorgesehen zurück. So tauschte Tricia einen unstabilen Kredit mit einem stabileren und billigeren ein. (chb)

Digital

Meistgelesen in der Rubrik Digital

Der Elke-Test

Der iPad

Der Streit der Giganten

Die Top-Themen im

Sicherheit im Web

Kult-Gadget iPhone

Die Kummerbox

Google fordert Chinas Machthaber heraus

Das Google-Handy ist da

Der neue Wetter-Service für Ihre Region

Die untauglichsten Gadgets der Nuller-Jahre




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten