Die unglaubliche Geschichte der Lee
04. September 2006, 22:39Jahrelang zeigte die Grafikerin Ahree Lee ihren Kurzfilm «Ich» einem kleinen Publikum auf Filmfestivals. Dann stellte sie das Werk ins Internet und wurde über Nacht berühmt.
Zwischen Anonymität und der aktuellsten Form von weltumspannendem Ruhm lag ein Zahnarztbesuch. Als Ahree Lee am 8. August ihr Haus in San Francisco verliess, war sie, obwohl ihr Experimentalfilm «Me» in den vergangenen Jahren an zahlreichen Kurzfilmfestivals gezeigt und gelobt worden war, eine wenig bekannte Grafikkünstlerin. Als sie abends heimkehrte, kannten Hunderttausende von Menschen rund um den Erdball ihr Gesicht: «Me» war binnen weniger Stunden auf der Video-Site Youtube.com zum Publikumsliebling geworden.
Der Film besteht aus über tausend Porträtfotos, die Ahree im Zeitraum von 2001 bis 2003 täglich von sich aufgenommen hat. Jede Sekunde des mit sphärischen Synthesizerklängen untermalten Werks entspricht einer Woche im Leben der Künstlerin.
Durchbruch dank einer Raubkopie
Leider handelte es sich bei der auf Youtube veröffentlichten Version des Films um eine Raubkopie ohne Vor- und Abspann, keiner hatte um ihre Erlaubnis gefragt. Und so wusste zunächst niemand, wer das asiatische «Mädchen» ist, «das sich drei Jahre lang fotografiert hat». Zwar hatte die 35-jährige Lee ihren Film an besagtem Tag selber im Netz veröffentlicht – aber nicht auf Youtube, sondern auf der redaktionell betreuten Kurzfilm-Website Atomfilms.com . «Jemand muss ihn dort gesehen, meine persönliche Website besucht und die alte Version kopiert haben, die ich zu löschen vergessen hatte.»
Als sie von der Copyrightverletzung auf Youtube hörte, sei ihr zunächst das Herz in die Hose gerutscht. «Ich war geschockt, enttäuscht und verärgert.» Es ging um mehr als einen ideellen Wert: Für Atomfilms hatte sich Ahree nach sorgfältiger Evaluation entschieden, weil ihre Arbeit dort geschützt ist, mit allen Daten und Angaben versehen wird, und nicht zuletzt, weil Atomfilms den Autoren für jeden einzelnen Aufruf des Werks einen Anteil aus den Werbeeinnahmen zukommen lässt. Auf Youtube hingegen erhalten die Teilnehmer keinen Cent. «Aber auf Anraten von Freunden wartete ich noch einen Tag ab, bevor ich Youtube kontaktierte und den gestohlenen Film mit einer gekürzten offiziellen Version ersetzen liess, die alle Credits enthielt und auf Atomfilms verwies.»
Zurückblickend, meint Ahree, sei dies wohl eine gute Entscheidung gewesen. Längst hatten nämlich unzählige Websurfer auch über die äusserst populäre Bookmarks-Site Digg.com auf das Youtube-Posting verwiesen, und Ahree erkannte, dass sich die blitzschnell entstehenden Trampelpfade im Web nicht ohne weiteres umleiten lassen. «Ich habe eine beeindruckende Lektion über die Macht des Internets gelernt.» Immerhin wusste jetzt jeder Besucher, wo er mehr von und über Ahree erfahren konnte - und wie sie zu erreichen war.
In den folgenden Tagen wurde sie von E-Mails überflutet. «Die meisten Leute kommentierten den Film, schrieben mir, was er bei ihnen ausgelöst hat, und wünschten mir Erfolg.» Der Film ist bis heute die Nummer eins in der Kategorie «Drama» auf Atomfilms; er belegt den siebten Rang für den gesamten Monat August auf Youtube, wo er über zwei Millionen Mal abgerufen worden ist.
Kunst soll in die Welt hinaus
Mehrere TV-Stationen in den USA haben das Werk inzwischen gezeigt, Ahree hat Lizenzanfragen eines arabischen Musiksenders und einer holländischen TV-Produktion erhalten. «Das alles kam völlig unerwartet», sagt sie, die eine Woche lang mit den Anfragen der diversen Reaktionen beschäftigt war. «Ich hatte ursprünglich einfach nach einer Plattform gesucht, auf der ich dem Film nach den Vorführungen auf diversen Festivals ein zweites Leben geben konnte. Schliesslich wird Kunst nicht dazu geschaffen, in einer Schachtel zu verstauben oder auf einer Harddisk herumzuliegen.»
Und obwohl sie niemand anderen kennt, dem Ähnliches widerfahren ist, glaubt die Grafikerin mit Abschluss der renommierten Yale-Universität, dass das Internet die bisherigen «medialen Gatekeeper» (Torwächter) ausschaltet und zugleich Schwellenängste überwinden hilft. «Ich hatte zwar an den Kurzfilmfestivals durchaus Erfolg, aber diese Veranstaltungen werden von einem zahlenmässig stark beschränkten Publikum besucht. Im Internet interessieren sich aber plötzlich viele Menschen für einen Experimentalfilm, die sich niemals an ein solches Festival bemüht hätten.» Die Anerkennung der Kollegen aus Künstlerkreisen sei eine Sache – aber Hunderte von E-Mails mit begeisterten Kommentaren und ganz persönlichen Stellungnahmen zu ihrem Film sei etwas ganz anderes, freut sich Ahree offen.
Gleichzeitig erstaunt es, dass der Film, der bereits seit längerem auf Ahree Lees persönlicher Website zu finden war – eingebettet in ein ansehnliches Portfolio grösstenteils grafischer Arbeiten –, bisher nicht «gediggt» oder sonst wie entdeckt worden ist. Ahree erklärt sich dies teilweise mit der speziellen Anziehungskraft des Mediums Film. «Es scheint nun mal, dass bewegte Bilder die Leute stärker berühren als andere Ausdrucksformen. Sei es, weil sie Videos vom TV-Konsum her gewohnt sind, oder einfach deswegen, weil Film eine narrative Komponente hat – ebenso wie Musik.» Diese Feststellung passt zum Interesse, das die Webgemeinde an der musikalischen Untermalung des Films zeigte.
Von Jobangeboten überhäuft
Auf Ahree Lees Arbeitsleben als freischaffende Künstlerin hat die enorme Verbreitung ihres Films bisher noch wenig Auswirkungen. Sie lebt seit zwei Jahren mit ihrem Mann in der Künstlerstadt San Francisco. «Ich hatte zwar in den Zuschriften auch einige Jobangebote, die ich aber allesamt aus Zeitgründen verwerfen musste.» Bewegte Grafik habe sie zwar seit je fasziniert, aber das Feld – etwa Titelvorspanne grosser Filmproduktionen – biete zu wenig künstlerische Freiheiten und zwinge zu Arbeit unter extremem Zeitdruck.
Ahree dagegen nimmt sich gerne Zeit: «Me» ist zwischen November 2001 und 2004 entstanden. Aber der Film ist keineswegs abgeschlossen – noch immer stellt sich Ahree jeden Tag vor die Kamera und nimmt eine weitere Siebtelsekunde des Gesamtwerks auf. Und auf Youtube kommentierte ein Besucher: «Na ja, drei Jahre sind etwas langweilig, vor allem, weil diese Dame überhaupt nicht altert. Dreissig Jahre wären schon was anderes ...»
www.atomfilms.com/af/content/me ; www.ahreelee.com %perl>
Der Soundtrack von «Me»
Die stärkste Nebenrolle in Lees Film besetzt die Musik. Sie stammt von ihrem Mann.
«Dutzende von Leuten aus aller Welt wollten wissen, von wem der Song stammt»: Der eingängige Elektroniksound, mit dem Ahree Lees Film untermalt ist, hat durch die Veröffentlichung auf Youtube eine eigene Fangemeinde angezogen. «Ich wurde immer wieder gefragt, wo der Song gekauft werden kann», sagt Ahree Lee. Gute Nachrichten für den Komponisten Nathan Melsted Lees Gatten. Von dem Erfolg völlig überrascht, arbeitet er jetzt neben seinem Fulltime-Job für eine Softwarefirma im Silicon Valley fieberhaft an weiteren Stücken und an einer Distributionslösung, über die der Song im Internet verkauft werden kann. «Tatsächlich haben wir immer daran geglaubt, dass seine Musik irgendwann den Durchbruch schaffen könnte», lächelt Ahree, «aber dabei stellten wir uns vor, dass ich mit einem Video seine Musik unterstützen würde und wir damit im Internet Aufmerksamkeit erregen könnten. Irgendwie hat sich das jetzt andersherum von selbst ergeben.»
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