News auf Papier und im Internet folgen anderen Regeln

30. Januar 2007, 12:04

Nachrichtenjournalismus findet mehr und mehr online statt. Die Frage nach dem «Wie» überfordert bewährte Verleger und Journalisten gleichermassen.

Das «Cover» von «Daylife.com» setzt auf Bilder und Schlagzeilen.
Das «Cover» von «Daylife.com» setzt auf Bilder und Schlagzeilen.
Von Peter Sennhauser, San Francisco

Eine Reihe Fotos mit Schlagzeilen. Das ist die Frontseite der Website «Daylife.com», einem amerikanischen Newsportal, auf das die Medienwelt seit Monaten gespannt wartete – denn hinter dem Projekt stehen neben der «New York Times» die bekanntesten Internetjournalisten der USA. Umso mehr verblüfft die Oberflächlichkeit der «Cover»-Seite. Aber nach einem Mausklick gehts sogleich ab in die Tiefe des Themas – mit dem Tempo einer Achterbahn: zuoberst die neusten Agenturmeldungen, darunter die Schlagzeilen der wichtigsten Zeitungen; rechts eine interaktive Grafik mit allen Nennungen während der letzten dreissig Tage; eine Fotogalerie, und vor allem: links und rechts der ganzen Inhalte weitere fotografische Verknüpfungen zu Personen, Orten oder Firmen, zu denen eine inhaltliche Querverbindung besteht. Ein Klick darauf katapultiert den Leser in den nächsten Themen-Looping des Nachrichtenstroms, mit neuen Quellen und weiteren Querverbindungen.

Sammeln und Ordnen

Überwältigend wie das Lexikon des aktuellen Zeitgeschehens, und genau darin sieht Journalistikprofessor und «Daylife»-Gründer Jeff Jarvis die Innovation: «Der Dienst sammelt, analysiert und organisiert die Nachrichten. Das erlaubt uns einen Blick von oben – wer berichtet worüber –, aber, noch wichtiger, er zeigt uns die Verbindungen zwischen verschiedenen Ereignissen und den daran Beteiligten. Diese Zusammenhänge herzustellen, das ist der ureigene Zweck des Nachrichtenjournalismus.» Ist «Daylife» folglich das Nachrichtenmedium der Zukunft? «Es ist ein Experiment», relativiert Jarvis selber.

Eines von wenigen im Online-Nachrichtenjournalismus: Während die Zukunft der andern Mediensparten sich abzuzeichnen beginnt, vom Musik- und Film-Download über Fernsehen on demand bis zu den Radio-Podcasts, wird das Nachrichtenwesen breiter und schneller, aber in keiner Art besser oder bequemer für die Konsumenten. Klar ist bloss: Die News gehen online.

Mit welchem Tempo, das zeigt eine aktuelle Untersuchung des renommierten PEW-Instituts in den USA: Noch 23 Prozent der unter 30-jährigen Amerikaner lesen täglich eine Zeitung, gegenüber 60 Prozent der älteren. Bei den Teens und Twens ist das Internet längst das Leitmedium – noch vor dem TV. Die «Washington Post» hat in den letzten zehn Jahren 17, die «Los Angeles Times» 25 Prozent der Auflage eingebüsst. Und die Verlage haben viel zu verlieren: Sie erzielen mit Zeitungen noch immer Traumrenditen von über 20 Prozent. Aber bereits stammen 10 Prozent des Umsatzes aus dem Online-Geschäft, und der Wettbewerb um die Surfer ist voll entbrannt.

«Primeur»-Jagd ist online sinnlos

Während Europas Verleger noch immer unschlüssig sind, ob sie ihre Inhalte im Netz freigeben sollen, übertrumpfen sich amerikanische Zeitungen im Web längst mit kostenlosen Zusatzdienstleistungen, Multimedia-Ergänzungen und freiem Archivzugriff. «In Europa streben die Online-Redaktionen noch immer danach, die Ersten mit einer Veröffentlichung zu sein», sagt Online-Experte und Medienberater Martin Hitz, ehemaliger Chef von «NZZ Online» und Projektleiter der Newswebsite des Schweizer Fernsehens. Dabei geht es inzwischen um Minuten, denn alle Redaktionen behalten die Konkurrenz ständig im Auge. «Ich bezweifle, dass das Publikum diese Unterschiede überhaupt wahrnimmt – die wenigsten Leute sitzen vor dem PC und klicken ständig auf den ‹Neu Laden›-Knopf.» Der klassische «Primeur» oder «Scoop», der Tageszeitungen früher noch 24 Stunden lang Aufsehen beschert hat, ist gemeinsam mit dem Redaktionsschluss der Online-Echtzeit zum Opfer gefallen.

«Bei uns», sagt Hitz, «wird die Technik als Werkzeug zugekauft.» Die Amerikaner hingegen hätten erkannt, dass sie nicht vom Journalismus benutzt, sondern durch den Journalismus weiterentwickelt werden muss: Die «New York Times» etwa hat ein Research Lab eingerichtet, in dem Journalisten mit Ingenieuren neue Anwendungen entwickeln, die «Chicago Tribune» hat eigens einen Abteilungschef für Online-Innovation angeheuert.

Die Leser wollen mitreden

Die Neuerungen scheinen minim: Die «New York Times» weist auf ihrer Frontseite aus, welche Geschichten am meisten gelesen und weitergemailt werden; der britische «Guardian» betreibt eine Kommentarseite, auf der Leser mit Kolumnisten diskutieren. Aber gerade in der stärkeren Beteiligung der Leserschaft, sind sich Vor-denker wie Jeff Jarvis, Martin Hitz oder Autor Dan Gillmor («We, the media») einig, besteht der einzige klare Trend im Online-Nachrichtenwesen. Die Redaktoren müssten sich klar werden, wiederholt Gillmor unentwegt, dass der Journalismus sich von «etwas Vorlesungsartigem zum offenen Seminar» entwickle.

Weit führende Experimente finden sich auch im deutschsprachigen Raum: Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» erlaubt ihren registrierten Online-Lesern, Kommentare an jeden Artikel anzufügen; die deutsche «Netzeitung» hat mit der «readers-edition.de» ein vollständig von (unbezahlten) Bürger-Journalisten geschriebenes Zeitungsprojekt gestartet. Während dabei die Beiträge noch von Journalisten kontrolliert und redigiert werden, sieht sich die BCC mit ihren täglich gegen 12 000 Leserkommentaren ausser Stande, Unflätiges oder Ehrverletzendes selber zu entfernen – und lässt die Leserschaft solche Beiträge markieren.

Einschaltquoten sind nicht alles

«Crowdsourcing» nennt das Kultmagazin «Wired» dieses Vorgehen. Aber selbst wenn die Leserschaft nicht direkt beteiligt wird, hat sie meist einen Einfluss auf die Inhalte der Online-Nachrichten – durch die Zugriffszahlen, die etwa in der Redaktion von «20 Minuten online» auf einem Grossbildschirm für jeden Artikel in Echtzeit angezeigt werden. Zur Tempobolzerei gesellt sich also im Online-Journalismus die Quotenbolzerei – ein Bärendienst am Publikum, findet «Medienspiegel.ch»-Blogger Martin Hitz: «Ich möchte eine Webseite, die mich abends nicht nur mit dem allerneusten oder dem populärsten Stoff, sondern mit den relevanten Nachrichten des Tages bedient.»

Eine Rückbesinnung auf Relevanz hält auch Jeff Jarvis für angebracht: «In einer offenen Welt gibt es mehr, nicht weniger Bedarf an redaktioneller Bearbeitung – will heissen: nicht Filterung, aber Auswahl, Vertiefung, Überprüfung und Perspektivwechsel.» Diesem Anspruch wird indessen Jarvis’ «Daylife.com» nicht gerecht: Die Seite wird vollständig automatisch aus unzähligen Quellen generiert.

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