Kriegsreporter Google Earth
14. Januar 2008, 12:31Der virtuelle Globus «Google Earth» ist weit mehr als ein Spielzeug für Geografen und Webdesigner. Ein ETH-Forscher visualisiert damit die weltweiten Kriegsschauplätze.
Liberias Ex-Präsidenten Charles Taylor wird in den Niederlanden der Prozess gemacht. Taylor war zwischen 1997 und 2003 Präsident von Liberia, er kam durch einen Bürgerkrieg an die Macht. Und ihm wird vorgeworfen, im Nachbarland Sierra Leone Aufständische mit Waffen und Geld unterstützt zu haben. Dieser Konflikt wurde durch Kindersoldaten ausgetragen und zählte zu den blutigsten der afrikanischen Geschichte. Der Schlüssel zu diesem Krieg, so die Anklage, seien die reichen Diamantenvorkommen Sierra Leones gewesen. Ohne sie hätte Taylor den Krieg nie finanzieren können.
Die Konflikte in Liberia und Sierra Leone sind nur zwei von unzähligen Kriegen, die Nils Weidmann von der ETH Zürich in Google Earth dokumentierte. Der Informatiker entwickelte die Software WarViews; sie vereint geografische und politikwissenschaftliche Informationen und macht sie über Googles Weltatlas Google Earth allen zugänglich – ein Mausklick genügt. Für Weidmann und seine Kollegen von der internationalen Konfliktforschungsabteilung der ETH Zürich ist klar, dass zwischen Kriegen und vorhandenen Bodenschätzen ein grosser Zusammenhang besteht. Deshalb ist es in WarViews auch möglich, Erdölflächen zu Land und Wasser, Pipelines sowie Edelstein- und Diamantenminen zu visualisieren. Auf der Webseite von WarViews wird transparent gemacht, woher Nils Weidmann die verwendeten Daten für die Software bezog.
Ein Land voller roter Punkte
Das Programm enthält vier Module. «Acled» zeigt mit roten Punkten kriegerische Auseinandersetzungen an und zeichnet mittels roter Linien Konfliktzonen («Conflict Areas») nach. Die roten Punkte nennen die Kriegsparteien und wann der Konflikt stattfand – diese Funktion ist jedoch nur für Recherchen über Afrika interessant. «Diadata» verzeichnet Diamanten- und Edelsteinminen anhand grüner oder gelber Punkte, «Petrodata» zeigt Erdölvorkommen und Pipelines an und «Greg» visualisiert verschiedene Ethnien. Die einzelnen Module können in Google Earth Seitenleiste ein- oder ausgeblendet werden. WarView enthält auch eine Zeitachse, in der Konflikte zwischen 1960 und 2004 gespeichert sind. Allerdings variiert der Datenbestand von Region zu Region. Verändert man den Regler der Zeitachse, kann man bildlich nachvollziehen, wie sich ein Konflikt entwickelte – die roten Linien der «Conflict Areas» verschwinden mit der Zeit oder wachsen an.
Das Beispiel Liberia zeigt das Potenzial von WarViews auf. Noch im Dezember 1989 verzeichnet die Software keinen kriegerischen Zwischenfall, Liberias Hauptstadt befindet sich jedoch bereits in einer Konfliktzone. Noch bis im Dezember 1990 sind in Liberia nur drei bewaffnete Auseinandersetzungen markiert. Aber schon im Februar 1991 beginnen die roten Konfliktpunkte zu spriessen, der Krieg hat sich nach Sierra Leone ausgedehnt, die Konfliktzonen erweitern sich. Schiebt man den Zeitregler weiter bis ins Jahr 2003, füllt sich die Landkarte Sierra Leones und Liberias mit roten Punkten – sie gruppieren sich oft um Diamantenminen, die gelb markiert sind.
WarViews ersetzt keine wissenschaftlichen Analysen. Die Software ist auch nicht komplett, denn sie enthält nur Daten innerstaatlicher Auseinandersetzungen (Bürgerkriege) und auch nur solche, wo zwei Konfliktparteien beteiligt waren – Übergriffe auf die Zivilbevölkerung sind nicht abgebildet. Die enthaltenen Möglichkeiten reichen jedoch für einen schnellen Überblick.
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