Elektronische Post aufs Handy
20. Februar 2006, 23:53Die meistgenutzte Anwendung im Internet ist ein mobiler Spätzünder. In den kommenden Jahren sollen E-Mails doch noch die Handywelt erobern.
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Was ist uns nicht schon alles aufs Handy gepackt worden: Fotos, Filme, Spiele, Musik, sogar TV steht in den Startlöchern. Erstaunlich eigentlich, dass die am meisten genutzte Anwendung im Internet, E-Mail, immer noch eine Ausnahmeerscheinung auf dem Handy ist.
Langsam, aber unaufhaltsam geht die Sonne auch über dem mobilen E-Mail auf. Spätestens seit dem Erfolg des Blackberry. Über 4 Millionen Leute empfangen und senden mit diesem Gerät unterwegs ihre E-Mails. Dabei gelangen die Nachrichten auf den Blackberry wie SMS aufs Handy, man muss sie nicht aktiv abfragen, sie werden automatisch zugeschickt.
Bis Ende des laufenden Jahrzehnts soll die Zahl der mobilen E-Mailer auf über 200 Millionen weltweit anwachsen. Dies schätzen zumindest die Analysten bei Datamonitor, zudem prophezeien sie den Netzbetreibern eine Verdreifachung des heutigen Umsatzes in diesem Bereich.
Eine Brombeere als Leithammel
Dieses lukrative Feld will die Konkurrenz nicht länger einfach RIM, dem Hersteller des Blackberry, überlassen. Auf der Branchenmesse 3GSM, die letzte Woche in Barcelona stattfand, boten fast alle grossen Handyhersteller neue, auf E-Mail zugeschnittene Mobiltelefone feil, die demnächst erhältlich sein werden. Sie zeichnen sich in der Regel durch gut lesbare, relativ grosse Bildschirme, eine Mini-PC-Tastatur sowie spezielle E-Mail-Software aus.
RIM sieht die Konkurrenz relativ gelassen, immerhin ist sie auf einigen Geräten anderer Hersteller mit der eigenen Software vertreten. Gleichzeitig streicht der Blackberry-Macher am neusten eigenen Gerät (8700er-Serie) hervor, dass man nun noch besser damit telefonieren kann. Denn obwohl man schon immer mit dem Blackberry telefonieren konnte, haben bisher fast alle Anwender daneben ein gewöhnliches Handy als Zweitgerät.
Mobile Bandbreite hilft
Dass das am PC seit Jahren so beliebte E-Mails erst relativ spät mobil wird, hat verschiedene Gründe. Einer davon ist sicher, dass die Netzbetreiber mit anderen Nachrichtenformen mehr verdienen können, allen voran SMS. Für viele Firmenkunden aber war E-Mail lange Zeit auch zu unsicher, um es im mobilen Geschäftsverkehr zu verwenden. Diese Hürden sind nun weit gehend genommen. Selbst mit Spam haben die Leute gelernt umzugehen.
Die modernen Handynetze können zudem grössere Datenmengen übertragen, und Dienste wie GPRS und UMTS sind mittlerweile in sinnvoller Abdeckung verfügbar. Noch im Laufe des Jahres werden die ersten HSDPA-Netze auch in der Schweiz verfügbar sein, die nochmals ein Vielfaches schneller als UMTS sind. Auf diesen Handynetzen machen Anwendungen wie E-Mail erst recht Sinn, denn nun wird es unterwegs genauso flink gehen, seine E-Mails abzurufen, wie im Büro oder zu Hause.
Ausschlaggebend wird demnach vor allem der Preis sein, den die Anbieter für die mobilen Datendienste heischen. Immerhin gibt es heute erste Flatrate-Angebote, die Preise müssen langfristig weiter sinken, damit E-Mail oder Web auf dem Handy auch für Private attraktiver wird.
Wie viele Gadgets dürfens denn sein?
Obschon die Auswahl an E-Mail-Handys wächst, werden auf absehbare Zeit viele Anwender weiterhin mehr als ein Gerät auf sich tragen. Nicht etwa, weil die aktuellen nicht gut genug sind, der Grund dafür ist vielmehr ein ganz und gar menschlicher. «Am Wochenende lasse ich gerne mein E-Mail-Gerät ausgeschaltet», sagt etwa Carolyn Nguyen. Sie beschäftigt sich bei Avaya, dem weltweit grössten Anbieter von IP-Telefonie für Grossfirmen, damit, wie sich Geschäftsleute schnell und einfach erreichen. In diesem Zusammenhang sieht auch sie eine positive Zukunft für mobiles E-Mail. Dass man dafür ein separates Gadget auf sich trägt, sieht sie keineswegs als Nachteil. «Es geht nicht darum, alles in ein Gerät zu packen», so Nguyen, «sondern dafür zu sorgen, dass diese gut miteinander zusammenspielen.»
Dass die E-Mail-Handys zunehmend auf ein breiteres Publikum abzielen, kann man auch daran ablesen, dass sich die Design-Teams der grossen Hersteller damit beschäftigen, wie man den Blackberry optisch übertrumpft (was nebenbei keine so grosse Herausforderung ist).
Auch der in England lebende Spanier Ignacio Germade beschäftigt sich damit. «Die meisten dieser E-Mail-Handys sind doch eher klobig», sagt Germade, der bei Motorola Handys entwirft. Er und sein Team haben gezeigt, dass es auch anders geht: Das Q , ein an das sehr erfolgreiche, schlanke Razr angelehntes Modell mit einer Mini-PC-Tastatur, ist nebst dem M600 von Sony Ericsson tatsächlich eines der schönsten E-Mail-Handys. «Auch wenn die Funktion im Vordergrund steht, es geht auch bei diesen Geräten um Eleganz», so Germade. Er selber hat noch keinen Bedarf für E-Mail-Empfang unterwegs, denn «ich möchte nicht dauernd unterbrochen werden».
Einfachere Erreichbarkeit
Gemäss einer internationalen Studie vom vergangenen Jahr sitzt nur noch jeder fünfte Arbeitnehmer die ganze Zeit über an seinem Büroplatz und ist dementsprechend einfach zu erreichen, sei es perE-Mail oder Telefon. Alle anderen sind mindestens periodisch unterwegs oder arbeiten zu Hause und sind folglich nicht zu jeder Zeit auf die gleiche Art und Weise erreichbar. Dadurch wird das Leben, insbesondere das Geschäftsleben, komplexer – dabei soll Technologie doch das Gegenteil bewirken.
Denn jeder neue Kanal, auf dem man zeitweilig erreichbar ist, will auch verwaltet werden. Als Empfänger muss man stets verschiedene Telefone, Mailboxen und was sonst noch dazukommt im Auge und im Ohr behalten. Und für alle, die man erreichen will, müssen wir eine wachsende Anzahl von Nummern, Adressen und Namen kennen und managen sowie im richtigen Moment den passenden Kanal aussuchen, um jemanden umgehend zu erwischen. Wüsste man, jemand ist immer unter einer bestimmten Nummer oder einem bestimmten E-Mail erreichbar, wäre allen geholfen.
Eine einheitliche Telefonnummer für Festnetz und Handy ist technisch bereits machbar, zumindest für grosse Firmen gibt es entsprechende Lösungen. Fernziel wäre es, dass wir alle auch unter einem einzigen Nickname erreichbar wären, doch das dauert noch länger, was auch Carolyn Nguyen bestätigt.
So wird man noch eine Weile lang weiterhin Leute anrufen, um ihnen auf der Combox mitzuteilen, dass man ihnen gerade ein E-Mail geschickt habe, dass sie doch bitte lesen möchten. Oder umgekehrt. Das tun immerhin rund 15 Prozent der Befragten in der bereits erwähnten Studie, die in sechs Ländern durchgeführt wurde, mindestens einmal täglich.
Dass die Kanäle dereinst wieder weniger werden, ist übrigens ein Wunschtraum. Carolyn Nguyen sieht nicht einmal SMS bedroht durch das mobile E-Mail. «Die Abdeckung von SMS wird noch lange Zeit viel besser bleiben als die für mobiles E-Mail, etwa in Schwellenländern. Und es ist sehr einfach und günstig», sagt sie.
Daten und Sprache rücken zusammen
Wie sehen also die Handys in der mittelfernen Zukunft aus, was werden sie können? Gemäss Carolyn Nguyen müssen sie auf jeden Fall «Sprache und Daten gleichzeitig übertragen» können. Die Handys werden zu Internetzugängen für unterwegs, das mobile Pendant zum Hispeed- oder ADSL-Anschluss zu Hause.
Ignacio Germade will nicht verraten, wie die Handys dereinst aussehen werden, doch denkt auch er, dass es immer wichtiger sein wird, dass die diversen Geräte, die wir nutzen werden, besser zusammenspielen. Und dass unsere persönlichen Inhalte wie Musik, Bilder und Filme uns dahin folgen können, wo wir gerade sind – natürlich per Internet.%perl>
Diese Handys geben den E-Mails Schub
Pocket LOOX T. UMTS-Handy von Fujitsu-Siemens mit E-Mail, WLAN, 2 Kameras und integriertem GPS samt Routenplaner. Ab Juli, rund 1150 Franken, www.fujitsu-siemens.ch.
E61. Auch Marktführer Nokia lanciert ein auf E-Mail zugeschnittenes Modell, im März soll es verfügbar sein. Es empfängt Daten via UMTS und WLAN, keine Kamera. 698 Franken, www.nokia.ch.
Q. Im Frühsommer bringt Motorola ihr E Mail-Handy mit UMTS und Kamera. Das Q setzt Motorolas Reihe besonders flacher Gehäuse fort. Preis noch offen, www.motorola.com.
M600. Von Sony Ericsson gibt es ab dem Frühsommer dieses kameralose UMTS-Handy mit E-Mail und Touchscreen für rund 800 Franken, www.sonyericsson.ch.
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