Ein günstiger Blick in den Körper

07. März 2005, 23:17

Digitale Bilder spielen in der Medizin eine wachsende Rolle. Um sie effizient auszuwerten, schreibt ein Genfer Radiologe eigene Software, die bereits weltweit eingesetzt wird.

Antoine Rosset ist Radiologe am Universitätsspital Genf. Sein Programm erzeugt u.a. 3-D-Modelle von Organen, die sich auf dem iPod betrachten lassen.
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Von Roger Zedi

Mit Antoine Rosset Schritt zu halten, fällt dem angereisten Journalisten nicht ganz leicht. Durch die vom Tageslicht nur knapp erreichten, weitläufigen Gänge des ersten Untergeschosses des Universitätsspitals Genf führt der Radiologe den Besucher flink an den Ort des Geschehens: die Radiologie-Abteilung, wo in gleich mehreren Computertomografen (CT) Patienten in unbequem wirkenden Positionen liegen, Medizinerteams gebannt auf ihre Bildschirme blicken und die resultierenden Aufnahmen diskutieren. «Hier entstehen täglich rund 6000 Bilder, im Jahr sind es mehrere Millionen», erzählt Rosset, der sich in seiner Welt sichtlich wohl fühlt. Den Besucher beschleicht hingegen ein leises Gefühl, in die Intimsphäre anderer Leute eingedrungen zu sein, und nimmt gerne Rossets Einladung ein, das Gespräch in einem ruhigen Büro fortzusetzen.

Computertomografen und andere bilderzeugende Systeme sind aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Rosset schätzt, dass jedes Jahr rund 20 bis 30 Prozent mehr Bilder produziert werden. «Wir setzen heute CT für viel mehr Dinge ein als noch vor zehn Jahren, vieles davon wäre damals noch undenkbar gewesen», sagt Rosset. Sogar in der Genfer Notaufnahme steht mittlerweile ein CT bereit, jederzeit ins Innere der Patienten zu blicken. «Für eine gute Diagnose ist es essenziell, dass die Bilder rasch und präzise ausgewertet werden können», erzählt er. Und genau zu diesem Zweck hat er ein Computerprogramm geschrieben: Osirix.

Osirix ist gratis und kann mehr

Wie kommt ein Radiologe dazu, selber Software zu schreiben, liefern die CT-Hersteller so was nicht mit? Schon, aber zu einem sehr hohen Preis. Alleine die Software für eine einzelne Workstation, auf der man CT-Bilder ansehen kann, kostet zwischen 30 000 und 200 000 Dollar zusätzlich zu den bereits millionenteuren Geräten. Die Bilder werden zudem in einem Format ausgegeben (Dicom), das gängige Bildbearbeitungsprogramme, etwa Photoshop, nicht lesen können. Es braucht also einen teuren, so genannten Dicom-Viewer. Und die mitgelieferten Anwendungen beinhalten oft nur die absoluten Grundfunktionen, will man etwa aus den Querschnitt-Bildern eines CT ein 3-D-Modell eines inneren Organs erstellen, kostet das extra. «Früher hatten wir hier genau einen Computer, der das konnte», sagt Rosset, «dank Osirix können wir das nun auf jedem unserer Macs machen.»

Seine Software hat es in sich, wie Antoine Rosset bei aller Professionalität mit sichtlichem Spass demonstriert. Auf einen Mausklick lädt er schwarzweisse CT-Querschnitte und generiert daraus innert Sekunden farbige 3-D-Modelle etwa eines menschlichen Herzens, kann das Knochengewebe ausblenden oder ganz nah an bestimmte Kranzgefässe zoomen. Selbst Animationen sind für Osirix kein Problem, auf Wunsch schlägt das 3-D-Herz auch. Zudem lassen sich Bilder verschiedener Systeme einfach kombinieren, die man früher nur auf verschiedenen, dafür speziell ausgestatteten Computern anschauen konnte. Und all diese Möglichkeiten gibt es zu einem unschlagbaren Preis: umsonst. Das Sparpotenzial von Osirix ist enorm.

Open Source von zentraler Bedeutung

Ins Leben gerufen wurde Osirix 2003 während eines Forschungsaufenthaltes an der University of California in Los Angeles unter der Leitung des Radiologen Osman Ratib. «Es war für uns von Anfang an klar, dass unser Dicom-Viewer allen gratis zu Verfügung gestellt werden soll», sagt Rosset, der bereits Erfahrung im Programmieren mitbrachte.

Wenn schon Open Source, warum dann Mac OS X und nicht gerade Linux? Linux findet Rosset eine gute Sache, aber die Benutzeroberfläche von OS X ist einiges ausgefeilter, dazu kommen die enormen grafischen Möglichkeiten der Plattform. Und in vielen Kliniken stehen eher Macs als Linux-PCs. Osirix darf auch als Befreiungsschlag aus der Diktatur der kommerziellen CT-Hersteller verstanden werden. Zu denen gehören Philips, Siemens, General Electric, LG, Toshiba und andere mehr.

Rosset entschied sich aber auch noch aus anderen Gründen für das Open-Source-Modell, bei dem alle den Bauplan eines Programms (genannt Source-Code) einsehen und ändern dürfen. «Mit einem gesponserten oder gar kommerziellen, proprietären Programm wäre es uns nie gelungen, seitens der Forschung und von den Radiologen in den Kliniken so viel Feedback und Input zu erhalten», ist er überzeugt. Zudem zieht ein solches Projekt keine Leute an, die nur des Geldes wegen mitmachen. «Wenn von Anfang an klar ist, dass niemand damit etwas verdient oder für seine Arbeit entlöhnt wird, dann machen nur Leute mit, die sich wirklich für die Sache interessieren.»

Erdumspannende Zusammenarbeit

Und die hat Rosset gefunden. Heute arbeiten zwei weitere Radiologen an der Weiterentwicklung, einer lebt in Colorado (USA), der andere in Neuseeland. So ist fast rund um die Uhr jemand damit beschäftigt, neue Funktionen einzubauen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Leuten so gut zusammenarbeiten kann, die ich weder kenne noch je getroffen habe», sagt Rosset. Der 32-jährige Vater eines 2-Jährigen versucht, nicht mehr als zehn Stunden seiner Freizeit pro Woche Osirix zu widmen. Am meisten hat ihn jedoch das riesige Echo überrascht, das er von den Anwendern bekommt. Rund 5000 davon hat Osirix heute, Tendenz steigend. Die allermeisten sind Radiologen an Kliniken aus aller Welt (unter anderem am Universitätsspital Zürich), Ärzte, Forscher und Studenten.

Selbst Patienten nutzen Osirix

Über den Kreis der Radiologen hinaus bekannt wurde Osirix, als Rosset und seine Kollegen begannen, ihre iPods als mobile Speicher für die Bilder zu benutzen. Das machte rasch im Internet die Runde. «Es geht weniger darum, die Bilder auf dem iPod photo anzuschauen. Wir brauchten einen einfachen Weg, die Bilder von einem Mac zum anderen zu bringen», sagt Rosset, den die ganze Aufregung um Osirix und den iPod sichtlich amüsiert. Eine CT-Aufnahmeserie ist rasch einmal mehrere GB gross.

Selbst Patienten nutzen mittlerweile Osirix. Seine eigenen CT-Bilder erhält man auf CDs mit nach Hause, wenn man dies wünscht. «Es kann für jemanden ein wichtiger Teil der Auseinandersetzung mit seiner Krankheit sein, das erkrankte Organ oder einen Tumor am Bildschirm zu betrachten», sagt Rosset. Gewisse Patienten gehen dann gleich mit ihrem Laptop zum Hausarzt und zeigen ihm die 3-D-Bilder. «Einige der Ärzte sind baff, was die Patienten ihnen da zeigen, da ihre eigenen Computer dieselben Daten nicht so darstellen können.»

Und wie lustig finden eigentlich die CT-Hersteller Osirix? Es gibt viel Neugier, wie Rosset und seine Kollegen das so rasch und günstig hingekriegt haben. «Bis jetzt hat niemand versucht, uns zu stoppen.»

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