Die Grenzen des digitalen Rotstifts
17. Juli 2006, 21:14Korrekturprogramme sind eine hilfreiche Sache, doch leider weit davon entfernt, fehlerfreie Texte zu garantieren.
Von Felix Raymann
Auch in Zeiten, da mit Computern immer häufiger Musik, Fotos oder Videos bearbeitet werden, bleibt die häufigste Anwendung überhaupt das Schreiben von Texten. Die elektronische Textverarbeitung hat gegenüber der klassischen Schreibmaschine diverse Vorteile, unter anderem die Erkennung von Fehlern.
Bereits in den 60er-Jahren gab es erste Designstudien und auch kleine Programme für die automatische Fehlersuche in Texten, allerdings nur in englischer Sprache. Später wurden verbesserte Korrekturanwendungen auch in die Textverarbeitungsprogramme integriert. Heute kann man zwischen diversen Korrekturhilfen auswählen. Gratisprogramme wie etwa Spellcheck sind zwar praktisch, weil sie in diversen Programmen verwendet werden können, doch haben solche digitalen Korrektoren meist null Ahnung von Morphologie, Grammatik und Syntax.
Auch im Internet trifft man die technische Fehlersuche verschiedentlich an: Auf Vertippdich.de können versteckte Schnäppchen auf Ebay aufgestöbert werden, die wegen Schreibfehlern normalerweise nicht gefunden werden; praktisch sind auch die Rechtschreibhilfen bei Google und in der Google Toolbar.
Jeder PC-Anwender weiss jedoch auch um die Grenzen all dieser digitalen Gehilfen. So viel Word oder ein anderes Programm auch über Orthografie und Grammatik weiss, immer wieder ärgert man sich als Benutzer über die Beschränktheit der Korrekturfunktion, weil sie Fehler nicht findet, korrekt geschriebene Wörter oder Satzteile beanstandet, Namen nicht kennt, oder sich trotz Lernfunktion nicht verbessert.
Neuste Rechtschreibreform
Ab 1. August 2006 gilt in der Schweiz die Neufassung der Rechtschreibreform – die Reform der Reform sozusagen. Wer kann da noch zwischen alter, neuer und ganz neuer Rechtschreibung unterscheiden? Das Korrekturprogramm Duden Korrektor Plus, Version 3.51, kennt diese feinen Unterschiede.
Es sind aber nicht die Rechtschreibreformen, die den softwarebasierten Korrekturhilfen unlösbare Probleme bereiten, sondern manche für uns Menschen scheinbar einfache Grammatikregeln. Die Komplexität der Sprache verunmöglicht es bisher, perfekt arbeitende Rechtschreibprogramme herzustellen.
Von «Part», «Nerv» und «Ermittlung»
Korrekturprogramme prüfen einen Text üblicherweise auf zwei Ebenen: auf der lexikalischen und auf der grammatischen. Bei der lexikalischen Prüfung werden alle Wörter mit den Einträgen des gespeicherten Lexikons verglichen, um falsch geschriebene Begriffe oder Vertipper erkennen zu können.
Da eine solche Wortdatenbank nie vollständig sein kann, muss das Programm Begriffe selbst herleiten können. Dazu zählen konjugierte Verben, deklinierte Substantive und zusammengesetzte Wörter. Ein morphologisch geschultes Programm ist in der Lage, Wörter aus Elementen wie Wortstamm und Endungen zu analysieren. Besonders in der deutschen Sprache, in der man fast nach Belieben Wörter zusammensetzen darf, ist es wichtig, dass diese richtig erkannt werden. Das Wort «Paketflasche» steht zwar in keinem Lexikon, wurde aber vom Duden Korrektor Plus als richtiges Kompositum erkannt.
Dabei scheint es für das Resultat unwichtig, ob etwa der Begriff «Partnervermittlung» aus «Partner» und «Vermittlung» besteht oder aus «Part», «Nerv» und «Ermittlung». Das Wort «Schlittenhundrennenveranstaltungskomitee» ist für den digitalen Korrektor scheinbar zu lang und wird wohl deshalb als Fehler markiert.
Die lexikalische Prüfung verursacht bei ihrer Herstellung keine grossen Probleme, jedoch einen enormen Aufwand. «In manchen Sprachen kann das Anlegen eines Lexikons Jahrzehnte in Anspruch nehmen», erklärt Andy Abbar von Microsoft. Auch für die eben erschienene rätoromanische Version von Word benötigte man mehrere Jahre für die lexikalische Prüffunktion, bestätigt Anna-Alice Dazzi Gross von Lia Rumantscha.
Die lexikalische Prüfung alleine macht einen Text noch lange nicht fehlerfrei. So wird etwa beim Satz «Ich liest ein buch» nur beanstandet, dass das Wort «buch» klein geschrieben ist, und «Dem Hunden sein Knochen sind gross» gilt hingegen als korrekt. Ein korrekt geschriebenes Wort kann je nach Kontext also auch falsch sein. Um beispielsweise zu erkennen, dass in einem Satz «das» durch «dass» ersetzt werden soll, muss die Software mit komplexen Algorithmen und einem so genannten Parser arbeiten, die den Satz analysieren und die syntaktischen Zusammenhänge bestimmen können. Die Rechtschreibkorrektur im rätoromanischen Word besitzt keine solche Grammatikprüfung, da diese Funktion ausschliesslich für die «grossen» Sprachen hergestellt wird (Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch u.a.).
Um die grammatische Kongruenz einzuhalten, müssen die einzelnen Wörter erkannt und einer Wortart zugeordnet werden können. Dabei helfen die Resultate der lexikalischen Prüfung, etwa um die unterschiedlichen Satzfunktionen von «Schreibtisch» oder «dogmatisch» zu eruieren.
Dass etwa das Wort «Kiefer» sowohl einen maskulinen als auch einen femininen Genus aufweisen kann, ist der Software leicht beizubringen, und auch, dass die weibliche Version andere Flexionsformen mit sich zieht. Schwieriger wird die Angelegenheit, wenn nicht etwa ein Schädelknochen oder ein Nadelbaum gemeint ist, sondern ein Schauspieler: Kiefer Sutherland. Der steht nicht im Lexikon und muss deshalb falsche Deklinationen und Kasusfehler in Kauf nehmen.
Ein Dreijähriger kann schon mehr
Was einem Programm nur mit hochkomplexen Algorithmen beizubringen ist, lernt der Mensch mit links: Gemäss der Theorie der generativen Grammatik des Linguisten Noam Chomsky besitzen alle Menschen eine angeborene Universalgrammatik, die es den Heranwachsenden überhaupt ermöglicht, eine Sprache zu erlernen. So gesehen besitzt bereits ein dreijähriges Kind bessere Grammatikfähigkeiten als die jahrelang von Programmierern verfeinerten Korrekturprogramme.
Dabei hätte die Computerlinguistik weitaus mehr als die gebräuchlichen Algorithmen zur Fehlersuche im Köcher, doch reicht gemäss Bernd Kreissig von Brockhaus Duden die Rechenleistung eines normalen PCs nicht aus, alle heute bekannten Prüfverfahren durchzuführen.
Ein menschlicher Korrektor ist also noch lange nicht durch ein Programm zu ersetzen. Eine Kombination von technischer und menschlicher Korrekturarbeit scheint immer noch die effizienteste Fehlersuche.%perl>
Vom Duden korrigieren lassen
Die Rechtschreibsoftware Duden Korrektor 3.51 korrigiert auf Wunsch konservativ (alte Rechtschreibung), progressiv (neue Rechtschreibung), tolerant (beide Versionen sind richtig) oder im Modus Dudenempfehlung (es wird nur die vom Duden empfohlene Schreibweise akzeptiert).
In der neuen Version macht das Programm auch eine Stilprüfung. Sie weist auf zu lange Sätze, umgangssprachliche Ausdrücke, Dialekt oder veraltete Begriffe hin. Die komplexen Grammatik-Algorithmen erkennen in vielen Fällen auch Fall- und Kommafehler sowie Verwechslungen von Singular und Plural. Praktisch sind die Trennungsoptionen, bei denen Wörter nach ästhetischen, gesprochenen und anderen Kriterien getrennt werden können. Artefakte wie «Urin-stinkt» oder «Baby-lon» können so vermieden werden.
Vorteilhaft von Duden Korrektor ist die Tatsache, dass das Programm nicht nur Word-Dateien auf Fehler überprüft, sondern auch im Mailprogramm Outlook oder anderen Office-Programmen eingesetzt werden kann. Für das Gratis-Textverarbeitungsprogramm von Open Office erscheint demnächst ebenfalls eine neue Version von Duden Korrektor. (ray)
Duden Korrektor 3.5 für Windows, 50 Euro, im Fachhandel oder www.downloadshop.bifab.de.
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