Wirtschaft
Die verzerrte Idee des Strebens nach Profit
11. Februar 2005, 23:04Die globalen Investoren stecken zu viel Geld in die Finanzmärkte und schaden damit dem realen Wirtschaftswachstum.
Von Markus Zydra
An den Finanzmärkten wird es eng. Es sind nicht mehr nur Banken, Fonds und Vermögensverwalter, die auf Renditejagd gehen, auch klassische Industrieunternehmen haben sich dort breit gemacht. «Mittlerweile fallen fast 50 Prozent aller Unternehmensgewinne in den USA im Finanzsektor an. In den Fünfzigerjahren betrug die Quote noch 20 Prozent», schrieb unlängst das amerikanische Anlegermagazin «Barrons».
Konkret: Unternehmen verdienen ihr Geld immer weniger mit Waschmaschinen oder Kühlschränken, sondern immer häufiger mit Wertpapieren wie Aktien, Anleihen und Derivaten. «Früher steckten Investoren überschüssiges Geld in physische, real fassbare Assets wie Rohstoffe oder Land, jetzt fliesst es in Wertpapiere», sagt Anthony Deden, Finanzberater der Fondsgesellschaft Sage Capital in Zürich.
Höhere Risiken
Die Wucht der Geldschwemme trifft die Finanzmärkte ins Mark. Seit Jahren schon wächst die Geldmenge in den westlichen Industriestaaten und Japan deutlich schneller als die nominale Wirtschaft. Doch wie ein Bungeeseil könnte der aufgeblähte Markt zurückschnellen, schliesslich werfen selbst Unternehmensanleihen mit schlechter Bonität kaum noch Rendite ab – so hoch sind die Kurse gestiegen. Hedge Funds gehen immer häufiger in wenig liquide Märkte und erhöhen ihre Risiken. Und wie die Bank of England im jüngsten «Financial Stability Review» schreibt, drohe eine Destabilisierung des Finanzsystems. Viele Risiken auf den Märkten seien unterpreist, die Wertpapiere inflationiert, ihnen stünde kein realer Gegenwert mehr gegenüber. Schlimmer noch: Kaum jemand durchschaue die komplexen derivativen Finanzkonstruktionen. Das Gespenst einer Spekulationsblase grassiert wieder. Real- und Finanzwirtschaft haben sich möglicherweise entkoppelt. Für Privatanleger ist die Situation unerfreulich. Sie können nichtso schnell reagieren wie die Profis und sollten sich deshalb – wenn sie diesem Szenario Glauben schenken – grundsätzliche Gedanken machen. Zu viel Geld im Markt bedeutet Inflation. Schaut man zurück in die Geschichte, so wird deutlich: Die Hyperinflation ab 1923 in Deutschland etwa haben nur substanzstarke Unternehmen wie Siemens überlebt.
Irrational
Auch Edelmetalle dienten damals der Wertabsicherung und könnten es auch heute tun. «Viele vermögende Privatanleger trauen dem Papiergeld nicht mehr und gehen verstärkt in Gold», so die aktuelle Erfahrung von Philipp Vorndran, Chefstratege der Credit Suisse Asset Management. Wann die Blase platzt und wie, ob in Etappen oder mit einem Mal, weiss niemand. Allerdings sollten Privatanleger sich vorbereiten. «Man muss in Unternehmen investieren, die reale Vermögenswerte haben, knappe Güter herstellen und stetig Profit erwirtschaften. Geduld ist wichtig. Solche Gelegenheiten kommen vielleicht nur einige Male im Jahr», sagt Finanzberater Deden, der die Stimmung an den Finanzmärkten in grossen Teilen als «irrational» bezeichnet. Schliesslich finden die zweistelligen Renditeversprechen vieler Konzerne in einer einstellig wachsenden Realwirtschaft schon lange keine Entsprechung mehr. «Die Liberalisierung der Finanzmärkte führte dazu, dass sich das Gewinnstreben der Investoren von der Realwirtschaft zur Finanzwirtschaft verlagerte. Die Finanzmärkte, so die Erfahrung der Neunzigerjahre, warfen einfach mehr Rendite ab als eine Realinvestition. Doch langfristig kommen Wohlstand und Wachstum nur über die Realwirtschaft», sagt Stephan Schulmeister, Finanzexperte am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Trendwende zeigt sich bei traditionellen Industrieunternehmen wie General Electric oder Ford, das mittlerweile als «Bank mit Garage» bezeichnet wird.
Überkapazitäten
«In den letzten 20 Jahren ist das Kreditvolumen weit über die nationalen Sparraten gestiegen. Es ist zu viel Geld im Markt. Das Wachstum kommt über immer neue Kredite. Dadurch wurde das Marktgleichgewicht zerstört und die Sicht auf effiziente Investitionen verstellt. Wir haben Überkapazitäten bei Automobilen oder Glasfaserleitungen, aber jahrelang nichts bei Kupfer, Öl oder Nahrungsmitteln unternommen», sagt Deden. Die Idee vom Profitstreben sei verzerrt worden. Eine Aktie reflektiere nicht mehr den Unternehmenswert, sondern sei ein Wert an sich geworden.
Das war nicht immer so, wie ein Blick auf die Fünfziger- und Sechzigerwirtschaftswunderjahre beweist. «Der reale Wert der Unternehmen stieg damals auf Grund der hohen Investitionen viel stärker als die Aktienkurse», meint Schulmeister. Ausserdem hätten sich die Unternehmen durch Aktienemissionen damals stetig zusätzliches Kapital für die realwirtschaftliche Expansion beschafft. Aktienrückkäufe, wie sie in Mode sind, waren bedeutungslos. «Manche Konzerne leihen sich heute gar das Geld, um ihre Aktien zurückzukaufen. Das soll den Gewinn je Aktie und damit den Kurs erhöhen. Man spekuliert auf höhere Aktienpreise statt den Fokus auf die Produkte zu richten», sagt Deden.
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