Wirtschaft
Kaum erwachsen und schon arbeitslos
02. Februar 2004, 15:02Jeder Vierte ohne Erwerb ist ein junger Erwachsener. Im Kanton Zürich droht den 20- bis 29-Jährigen lebenslange Armut.
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- «Junge Erwachsene, die keine Stelle haben, müssen flexibler werden»
Die Zahlen, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, sind Besorgnis erregend und bewegen sich über dem landesweiten Durchschnitt: 9490 Menschen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren hatten Ende Dezember 2003 im Kanton Zürich keine Arbeit. Oder anders ausgedrückt: Jeder vierte Erwerbslose ist ein junger Erwachsener. Das bestätigt das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Eine Besserung ist nicht in Sicht.
Macht sich der Regierungsrat Sorgen um die jungen Arbeitslosen, die mehr und mehr den Anschluss ans Berufsleben verpassen und denen schlimmstenfalls lebenslange Armut droht? Und mit welcher Strategie will er diese dramatische Entwicklung bekämpfen? Volkswirtschaftsdirektorin Rita Fuhrer (SVP) will sich dazu nicht äussern. Ihr Vorgänger Ruedi Jeker (FDP), neu Vorsteher der Direktion Soziales und Sicherheit, lässt lediglich via Pressesprecherin verlauten, dass primär die Gemeinden angesprochen seien, wenn durch die Arbeitslosigkeit künftig die Zahl der jungen Sozialempfängerinnen und Sozialempfänger stark zunehme.
Dass die Rezession jetzt in hohem Masse die jungen Erwachsenen trifft, ist ein «gesellschaftspolitisches Alarmzeichen», sagt Monika Stocker (Grüne), Sozialministerin der Stadt Zürich. «Wenn junge Leute kaum noch Chancen haben, im Berufsleben Fuss zu fassen und sich in einem Betrieb zu festigen, resignieren sie und landen verwahrlost auf der Strasse.» Die gegenwärtige Situation auf dem Arbeitsmarkt stelle gar die herkömmlichen Lebensmuster unserer Kultur in Frage: «Wer in dieser Lebensphase keine Stelle findet, kann keine Familie gründen oder eine feste Partnerschaft aufbauen.» Es gebe heute für die Jungen keine Garantie mehr, zu lernen, was sie wollen, oder in jenem Beruf eingestellt zu werden, den sie erlernt haben. Es sei eine Illusion, zu glauben, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt verbessere. «Sie fallen früher oder später ohnehin in die Sozialhilfe.»
Stocker gibt zu bedenken, die Jungen müssten den Blick auf die Welt öffnen, Erfahrungen sammeln, etwa in einem Drittweltprojekt oder im Zivildienst, und via Weiterbildung oder Neuorientierung zum Ziel kommen: «Dann haben sie eine Perspektive.» Die Behörden bieten Hand dazu. Sie helfen bei der Stellensuche, stehen in regem Kontakt mit Kleineren und Mittleren Unternehmen (KMU), etwa im Gastrobereich. Stadt und Kanton bezahlen auch Stipendien für die berufliche Zweitausbildung. Die Alterslimite liegt bei 40, in besonderen Fällen bei 45 Jahren.
Forderungen an die Wirtschaft
Mit einem Projekt, das sich eigens den jungen Erwachsenen ohne Erwerb widmet, hat das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) auf die hohe Arbeitslosigkeit in dieser Altersklasse reagiert: «Wir wollen damit ein kleines Signal an die Wirtschaft aussenden, weil sie sich der gesellschaftlichen Verantwortung entzieht», sagt SAH-Sprecher Stefan Gisler.
Auch Monika Stocker appelliert an die Wirtschaft. Sie sei, abgesehen von löblichen Ausnahmen, längst kein Partner mehr und funktioniere wie eine autonome Republik. Vom Staat erwarte die Wirtschaft optimale Standortbedingungen, gute Schulen, Kinderbetreuung, ein soziales Netz, öffentliche Sicherheit und, und, und: «Die Wunschliste ist unendlich lang.» Aber auf der anderen Seite biete sie viel zu wenig Ausbildungsplätze an, baue Stellen ab und schimpfe über die hohen Steuern: «Das Markenzeichen von Banken und Versicherungen ist nur noch die Gewinnmaximierung.» Die Wirtschaft denke zu kurzfristig. «Wird die Lohnarbeit knapp, kommt es zu einer Explosion im Sozialstaat. Wir haben doch nicht Arbeitslose, weil wir einen Sozialstaat haben.»
Stocker fordert, jede Firma solle eine Anzahl Stellen schaffen: «Ausbildungsplätze, Integrations- und Erfahrungsjobs mit der Möglichkeit aufzusteigen. Denn wer soll Berufserfahrung vermitteln, wenn nicht das Unternehmen selbst?»%perl>
Das Arbeiterhilfswerk beschäftigt junge Erwachsene
Ein neues Beschäftigungsprogramm des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) richtet sich im Kanton Zürich gezielt an die erwerbslose Altersgruppe der 20- bis 28-Jährigen.Das Projekt heisst «Move on» und ist Anfang Januar in Fehraltorf gestartet. «Move on» umfasst 30 Jahresplätze. Das Programm bietet jungen Frauen und Männern neben praktischer Arbeit eine intensive individuelle Beratung, Weiterbildung und handwerkliche Kurse. Mit dem Angebot will das Hilfswerk das Selbstwertgefühl junger Erwachsener fördern und ihnen neue Lebensperspektiven eröffnen, damit sie drohender Armut entgehen. Es sind junge Menschen mit und ohne Lehrabschluss, die schon im Erwerbsleben standen und gut vermittelbar sind. Sie kommen aus den verschiedensten Branchen, sind Gipser, Taxifahrer, Kassiererin, KV-Abgänger, Magaziner, Autolackierer oder frühere Teamleiter von McDonalds. Etwa die Hälfte sind Schweizer, die anderen sind ausländischer Herkunft, aber in unserem Land aufgewachsen. Alle beherrschen die deutsche Sprache und können gute Zeugnisse vorlegen. Noch vor fünf Jahren, sagt SAH-Projektleiterin Claudia Rettore, hätten sie ohne Schwierigkeiten eine Stelle gefunden.
Wer ein solches Programm besucht, verlässt es entweder zum Stellenantritt oder plant dank gestärkter Eigenverantwortung neue berufliche Ziele über das Kursende hinaus. Die Chance, auf diesem Weg in der Berufswelt Fuss zu fassen oder sich für eine Lehre oder Umschulung zu entscheiden, sind nach Darstellung des SAH gut.
Das zeigen ähnliche Jugendprojekte des Hilfswerks ausserhalb des Kantons Zürich wie jene in Vevey, Sitten oder Schaffhausen. In Schaffhausen sind in den beiden letzten Jahren zwei Kurse mit insgesamt 92 Teilnehmenden durchgeführt worden. Drei Viertel von ihnen haben im Anschluss daran entweder einen Job, eine Lehrstelle oder einen Ausbildungsplatz gefunden. (sit)
www.sah.ch
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