Wirtschaft
«Junge Erwachsene, die keine Stelle haben, müssen flexibler werden»
03. Februar 2004, 13:30Dass die Rezession jetzt vor allem die jungen Erwachsenen trifft, stelle Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ein schlechtes Zeugnis aus, sagt der Direktor des Arbeitgeberverbandes.
Mit Peter Hasler sprach Silvio Temperli
Herr Hasler, jeder vierte Erwerbslose im Kanton Zürich ist ein junger Erwachsener (TA von gestern Montag). Auch landesweit ist die Arbeitslosenquote in dieser Altersklasse überdurchschnittlich hoch und steigt weiter an.
Das tut weh. Und stellt Wirtschaft und Politik ein schlechtes Zeugnis aus. Wenn ich jetzt aber sage, gebt die Arbeitsplätze den Jungen, dann beginnt ein Schwarzpeterspiel. Das ginge auf Kosten der 30- bis 55-Jährigen. Betroffen wären Familienväter. Auch die Zeit der Frühpensionierungen ist vorbei, weil die Pensionskassen in der Krise sind. Sie sehen: Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist ziemlich ausweglos.
Grosse Unternehmen wie Banken und Versicherungen haben massenweise Leute entlassen, die früher oder später auf dem Sozialamt auftauchen. Müsste die Wirtschaft nicht mehr in die Pflicht genommen werden?Die Wirtschaft hat vielleicht teilweise ihre Verantwortung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht immer optimal wahrgenommen. Und ihr Augenmerk zu fest auf Umstrukturierungen gelenkt, statt an die Menschen und ihre soziale Sicherheit zu denken.
Damit junge Erwachsene in der Berufswelt Fuss fassen können, fordert die Stadtzürcher Sozialministerin Monika Stocker mehr Ausbildungsplätze für Lehrabgänger.Man darf die Erwartungen an die Wirtschaft nicht überstrapazieren. Die Wirtschaft ist keine Beschäftigungswerkstatt. Ihr Dogma heisst Rentabilität. Macht ein Unternehmen keinen Gewinn, ist alles verloren. Dann gibts weder Stellen noch Ausbildungsplätze. Steht die Beschäftigung an oberster Stelle, wäre das ein Rückfall in die Planwirtschaft.
Wenn die Sozialkosten auf Grund der alarmierenden Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt explodieren, ist das dann der Wirtschaft einerlei?Was da abläuft, ist ein Teufelskreis, der für alle drei Kräfte, für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, unglücklich ist. Letztlich überfordert heute die Gesellschaft das Sozialsystem. Die vielen Scheidungen etwa , die Sozialfälle nach sich ziehen. Die Überbehandlungen bei Ärzten und in Spitälern, welche die Krankenkassenprämien steigen lassen. Die Leute haben ganz einfach die Ansprüche heraufgeschraubt, sie strapazieren das System.
Die Wirtschaft hat Fehler gemacht, die Gesellschaft auch - und was läuft in der Politik falsch?Die Politik hat in den Neunzigerjahren die Wachstumsschwierigkeiten zu sehr verharmlost. Bundesrat und Gewerkschaften haben stets betont, der Schweiz gehe es gut, sie sei immer noch das reichste Land der Welt. Sie haben dabei den gefährlichen Abwärtsstrudel, in den wir seit Jahren hineingeraten sind, immer nur heruntergespielt, statt davor zu warnen. Und die Politik hat den internen Wettbewerb im Land nicht gewollt.
Woran denken Sie?Zur Wettbewerbsfähigkeit gehören bessere politische Rahmenbedingungen. Etwa tiefere Staats- und Steuerquoten für Firmen und weniger Sozialversicherungsabgaben. Und vor allem: ein liberalisierter Markt. Wir haben immer noch die höchsten Strompreise weit herum in Europa. Und vierzig Prozent höhere Preise als in der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Schweiz als Standort ist immer noch zu wenig attraktiv. Natürlich ist es auch die schlechte internationale Konjunktur, welche die Zahl der Arbeitslosen hat ansteigen lassen.
Kommen bald wieder wirtschaftlich bessere Zeiten?Wir rechnen mit dem Aufschwung und sind optimistischer als noch vor wenigen Monaten. Wie stark sich die Konjunktur erholt, das wissen wir indes nicht.
Werden auch die jungen Erwachsenen vom erhofften Aufschwung profitieren?Davon bin ich überzeugt. Spätestens 2006, wenn die Ausbildungsjahrgänge wieder schwächer werden. Die jungen Erwachsenen, die keine Stelle haben, müssen aber flexibler werden und die Chance dann packen, wenn sie sich ihnen bietet, und dabei auch einen längeren Arbeitsweg oder gar einen Ortswechsel in Kauf nehmen.
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