Wirtschaft
Auf die ersten 100 Tage kommt es an
22. April 2004, 17:12Viele Jobeinsteiger scheitern während der Probezeit. Nicht wegen mangelnder Leistung, sondern wegen zwischenmenschlicher Probleme.
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- In der Probezeit sind Angestellte schlecht geschützt
Endlich. Nach fast einem Jahr ist die quälende Ungewissheit, sind die schlaflosen Nächte und die Existenzängste für Frederico P. (Name geändert) vorbei. Am 1. Mai tritt der Marketingfachmann eine neue Stelle an. Die Vorfreude ist riesig, die Angst allerdings auch. «An der letzten Stelle wurden die Spannungen im Team immer grösser», erzählt Frederico P. Nach monatelangen Auseinandersetzungen warf er schliesslich entnervt das Handtuch und kündigte.
«Nie hätte ich damit gerechnet, dass ich so lange keine Stelle mehr finden würde.» Wie alle Arbeitnehmenden muss sich Frederico P. am neuen Arbeitsplatz erst einmal bewähren. Drei Monate beträgt die Probezeit. Während dieser Zeit lastet ein enormer Druck auf einem Jobeinsteiger. In den ersten drei Monaten muss er neben seiner fachlichen Kompetenz und seiner Leistungsfähigkeit auch beweisen, dass er gut ins neue Team passt. Arbeitspsychologen betonen, wie wichtig die ersten Monate im neuen Betrieb sind. Während dieser Zeit werden nämlich die Weichen für die spätere Karriere gestellt. Ernüchternd: «Ein Neuer» kann sich rasch unbeliebt machen, wenn er einige wichtige Regeln nicht beachtet.
Der erste Tag: Perfektes Chaos
Frederico P. sollte sich gut vorbereiten, denn die ersten Tage am neuen Arbeitsplatz sind enorm anstrengend. Er muss sich die Namen der neuen Kollegen merken, das neues Computersystem ausprobieren, die Arbeitsabläufe kennen lernen und ist bei jedem Schritt auf die Mithilfe anderer angewiesen. Wer sich den Einstieg erleichtern will, sollte sich einen Tag vor Stellenantritt die Unterlagen oder die Homepage des neuen Arbeitgebers nochmals gut anschauen und sich beispielsweise das Organigramm mit den wichtigsten Namen einprägen. Wer ein schlechtes Namensgedächtnis hat, sollte sich unbedingt Notizen machen und diese am Abend zu Hause noch einmal anschauen. Viele Unternehmen haben ein eigenes Abkürzungssystem, welches Aussenstehende erst einmal verstehen und lernen müssen. Auch hier hilft neben Notizen und Eselsbrücken vor allem eines: fragen, fragen und nochmals fragen. In vielen Unternehmen gehört die passende Kleidung zur Unternehmenskultur. Neue Mitarbeitende empfinden Kleidungsvorschriften oftmals als lästiges Anpassungsritual. Doch genau darum geht es in der Probezeit. Und zwar ganz wesentlich.
Manchmal bereiten die Kollegen einem neuen Mitarbeiter einen eher kühlen Empfang. Der Jobeinstieg ist schwierig, wenn zum Beispiel das Büro noch nicht geräumt ist oder Arbeitsinstrumente fehlen. Hinter solchen Pannen steckt meist kein böser Wille. Sie entstehen oft aus purer Gedankenlosigkeit oder aus dem Alltagschaos. Neue Mitarbeitende sollten gelassen reagieren und den Vorgesetzten deutlich und bestimmt auf die Missstände hinweisen. Wer sich aber zu viel bieten lässt, ohne sich zu wehren, riskiert, auch in anderen Fragen übergangen und nicht ernst genommen zu werden.
Der erste Monat: Wer gegen wen?
Reviere gibt es nicht nur in der Forstwirtschaft, sondern auch in den meisten Betrieben. Jede Unternehmung hat eine Vielzahl von ungeschriebenen Regeln, die ein neuer Mitarbeiter nicht kennen kann. Deshalb ist es besonders wichtig, sich so rasch wie möglich in den Kollegenkreis zu integrieren. Ein gemeinsames Mittagessen oder ein kurzes Gespräch am Kopierer sind deshalb alles andere als verlorene Zeit. Nur so finden neue Mitarbeiter heraus, ob es im Betrieb beispielsweise üblich ist, einen Einstandsapéro zu organisieren, wie es sich mit dem Duzen verhält und vieles mehr. Wer sich abkapselt und sich nur auf die Arbeit konzentriert, wird rasch als zugeknöpft und arrogant wahrgenommen und erfährt wichtige Informationen erst viel später.
Jeder ist am Arbeitsplatz auf gute Beziehungen angewiesen. Doch gerade hier lauern Gefahren. Neueinsteiger tun gut daran, ihre Kompetenzen und Fähigkeiten massvoll zur Schau zu stellen und sich stattdessen in der neuen Gruppe hilfsbereit und engagiert zu zeigen. Eine gewisse Distanz zu den Kollegen ist angebracht und empfehlenswert. Vor allem am Anfang gilt: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Einsteiger sollten Unterhaltungen auf unverbindliche Themen lenken und sich in der Kunst des Smalltalks üben. Bei dieser Gelegenheit können sie das interne Beziehungsgeflecht des Unternehmens studieren. Häufig gibt es in Betrieben Gruppen, die miteinander um Macht und Einfluss konkurrieren. Es ist meist eine Frage der Zeit, bis eine dieser Gruppen einen neuen Mitarbeiter für sich gewinnen und damit auch instrumentalisieren will. Wer vorschnell seine Meinung über andere bildet und diese auch kundtut, schlägt sich vielleicht auch vorschnell auf die falsche Seite und wird in einen Konflikt hineingerissen.
Das erste Jahr: Konflikte meistern
Konflikte gehören zur Arbeitswelt. Es hat keinen Sinn, ihnen aus dem Weg zu gehen. Auseinandersetzungen und Spannungen lassen sich durch kluges Verhalten positiv beeinflussen oder sogar beilegen. Betroffene sollten einen Konflikt so früh wie möglich ansprechen, das Gespräch sorgfältig vorbereiten und nicht von der sachlichen Ebene abweichen. Wer zulassen kann, dass sein eigener Standpunkt in Frage gestellt wird, läuft weniger schnell Gefahr, das effektive Anliegen aus den Augen zu verlieren.
Ein Stellenwechsel kostet viel Energie. Wer seine Gesundheit schonen will, sollte seine Freizeitaktivitäten während der Probezeit den Anforderungen am Arbeitsplatz anpassen und genügend Zeit für Entspannung einplanen. Die einen Menschen finden Erholung und Ablenkung in der Familie, andere tanken beim Sport oder im Freundeskreis neue Kräfte. Es lohnt sich, Erlebnisse und Erfahrungen am neuen Arbeitsort der Partnerin oder einem Freund zu erzählen. Gespräche helfen, das Erlebte zu verarbeiten und fremdes wie das eigene Verhalten zu hinterfragen.%perl>
Tipps und Infos
Bücher zum Thema Arbeitsrecht:
«OR für den Alltag» von Philippe Ruedin und Urs Christen ist ein praktisches Nachschlagewerk. Die Gesetzestexte werden leicht verständlich erklärt und mit Beispielen aus der Praxis verdeutlicht. Erhältlich im Beobachter-Verlag, 1016 Seiten, 59 Franken.
«Arbeit und Recht» von Hans Ueli Schürer. Erklärt häufige Rechtsfragen aus dem beruflichen Alltag und zeigt Lösungen auf. Erhältlich im Verlag Schweizerischer Kaufmännischer Verband (SKV), 293 Seiten, 42 Franken.
Bücher über Konflikte am Arbeitsplatz:
«Probezeit», Wie Sie überzeugen wie Sie Fehler vermeiden», von Petra Begemann. Tipps, wie man sich einarbeiten und integrieren kann. Erschienen im Eichborn-Verlag, 116 Seiten, 14 Franken.
«Ich bin neu hier», Tipps und Strategien für die erfolgreiche Probezeit, von Ulrich Horst. Krick Fachmedien, 29.50 Franken.
«Mut zu klaren Worten», Wie Frauen sich in Konfliktgesprächen behaupten, Nele Hasen, Kösel-Verlag, 27.30 Franken. (geb)
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