Wirtschaft
Stellensuche mit über 50 ist keinesfalls zwecklos
04. Juni 2004, 13:41Dass über 50-Jährige keine Stelle finden, ist ein Vorurteil. Es kommt vor allem auf professionelles Vorgehen an.
Von Michael Meier
Wer über 50 ist und den Job verliert, hat schlechte Karten, sollte man meinen. Auch Rolf Fischer* plagten nach seiner Kündigung Ängste: «Weiss ich noch, wie man sich bewirbt? Finde ich mit 51 noch eine Stelle?» 14 Jahre lang war Fischer bei einer Grossbank Abteilungsleiter im Range eines Stellvertretenden Direktors – mit Topsalär und lukrativen Boni. Nach einem Führungswechsel kam es zur Kündigung «im gegenseitigen Einvernehmen».
Über eine Bekannte kam er zur Outplacement-Firma DBM. Hier wurde er beraten, übte Vorstellungsgespräche. Das Coaching gab ihm Zuversicht: «Es war nur schon wichtig, dass ich mir helfen liess, ein übersichtliches Curriculum Vitae zu verfassen», sagt Fischer, «das hatte ich seit 20 Jahren nicht mehr getan.» Nur drei Monate suchte er, bis er eine Kaderstelle in einer kleineren Firma mit 230 Leuten fand. Zwar musste er eine Lohneinbusse in Kauf nehmen, «aber dafür kann ich hier unmittelbar wirken und meine eigenen Werte einbringen».
Doch der Manager ist überzeugt: Ganz auf sich allein gestellt, wäre er nie so zielstrebig vorgegangen. Im neuen Job kann er von seiner Erfahrung und dem Beziehungsnetz profitieren. Auch der Arbeitgeber sieht dies so – sein Alter ist nie ein Thema gewesen. «Bei der Bewerbung ist es entscheidend, dass man die Grundregeln des Selbstverkaufs nicht verletzt», so der 51-Jährige: Präsentiert man sich nervös und mit gelben Fingern vom Kettenrauchen, hat man als 40-Jähriger genau so wenig Chancen wie als 55-Jähriger.
10 bis 15 Prozent Lohneinbusse
Laut Toni Nadig, Geschäftsführer von DBM Zürich, dem Marktleader der hiesigen Outplacement-Branche, ist es tatsächlich ein Vorurteil, dass über 50-Jährige kaum mehr eine Stelle finden. Gemäss Statistik des Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) seien nicht ältere, sondern junge und unqualifizierte Leute am schwierigsten zu platzieren. Anhand aktueller Klientenlisten zeigt Nadig, dass die über 50-Jährigen keineswegs die gefährdetste Altersgruppe bilden, sondern nach normalen Suchzeiten eine neue Stelle finden. Sie müssen aber mit einem Salärrückgang von 10 bis 15 Prozent rechnen. Kader- oder Managerstellen mit hohen Einkommen seien wesentlich schwerer zu finden.
Statistiken belegen, dass die Dauer der Stellensuche auf Grund eines Outplacements – also eines gezielten Programms zur beruflichen Neuorientierung – um zirka vier Monate reduziert werden kann. DBM etwa begleitet Klienten von der Kündigung bis zur erfolgreichen Neuorientierung.
Zur Phase 1, in der nicht selten Depressionen auftreten, gehört psychologisches Coaching, eine Standortbestimmung mit psychologischen Tests und die Analyse der beruflichen Biografie. In der Phase 2 geht es darum, ein optimales Bewerbungsdossier zu erstellen und den Stellenmarkt kennen zu lernen. In Phase 3, der eigentlichen Stellensuche, ist das Networking die wichtigste Aktivität.
Flexibilität ist gefragt
Als die Outplacement-Branche, von Amerika kommend, vor 20 Jahren hier zu Lande Fuss fasste, haftete ihr der schlechte Ruf an, Geld mit Entlassenen zu verdienen. Mit dem strukturellen und technologischen Wandel hat sich das jedoch geändert. Heute kann kein Betrieb mehr garantieren, seine Angestellten bis zur Pensionierung zu beschäftigen. Darum betreuen Outplacement-Firmen nicht mehr nur Kaderleute, sondern auch Angestellte. Das Outplacement wird oft zu einem Teil des Sozialplans. In 90 Prozent der Fälle übernimmt der Arbeitgeber die Kosten.
So auch bei der 54-jährigen Irene Schlag*, die während 13 Jahren als kaufmännische Angestellte bei einer grossen Versicherungsgesellschaft tätig war und im Januar 2003 mit 500 anderen entlassen wurde. «Als ich am Tag der Kündigung zum Boss musste, hat mich bereits die Psychologin der DBM empfangen.» Sie wurde in den nächsten Monaten ihre psychologische Beraterin und motivierte sie, zu Vorträgen und Interviewtrainings zu gehen.
Nach über einem Jahr Suche hat die 54-Jährige in einem Baugeschäft eine Stelle als kaufmännische Angestellte gefunden. Hier verdient sie 1400 Franken weniger, arbeitet aber auch nur 80 Prozent. «Eigentlich würde ich gerne 100 Prozent arbeiten», sagt Schlag, die dennoch froh ist, in einem Kleinbetrieb tätig zu sein. Auf Grund ihrer Erfahrung könne sie sagen, dass ihr Alter von 54 Jahren bei der Stellensuche kaum ein Handicap gewesen sei.
Allerdings ist beim Stellenwechsel Flexibilität gefragt. «Nur 13 Prozent machen nach der Entlassung das Gleiche wie vorher», sagt DBM-Geschäftsführer Nadig. Da in den nächsten Jahren 20 bis 30 Prozent der Bankstellen verschwinden werden, wird es zu vielen Branchenwechseln kommen – speziell für Ältere eine Herausforderung. Gleichzeitig ist es für sie aber auch eine Chance: Denn nicht nur Fachwissen sei dann gefragt, so Nadig, sondern vor allem Erfahrung – ein Gut, das ältere Arbeitnehmer den Jungen voraus haben.
* Name von der Redaktion geändert.
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