Wirtschaft

Ausgebrannt – wenn die Arbeit mehr zählt als das Leben

27. August 2007, 08:00

Das Phänomen Burnout nimmt so rasant zu wie Arbeitstempo und Arbeitslast. Ein bewusster Umgang mit den eigenen Ressourcen kann den Zusammenbruch verhindern.


Von Ann Schwarz

Plötzlich ist der Mitarbeiter weg, krankgeschrieben für unbestimmte Zeit. Er kann nicht mehr. Sein Vorgesetzter hat vom Burnout-Prozess nichts bemerkt, im Gegenteil. Gerade dieser Mitarbeiter ist ihm durch sein grosses Pflichtbewusstsein und die Bereitschaft zu immer mehr Überstunden angenehm aufgefallen.

Das Burnout-Syndrom hat in den letzten Jahren extrem zugenommen. Das Phänomen wird hauptsächlich auf die Beschleunigung in der Arbeitswelt zurückgeführt. Lean Production, die Arbeitsverdichtung – wenn immer weniger Personen immer mehr Arbeit immer besser erledigen sollen –, hat für die Gesundheit der Arbeitnehmenden gravierende Folgen. Laut Seco betrugen die volkswirtschaftlichen Kosten stressbedingter Gesundheitsschäden bereits im Jahr 2000 über vier Milliarden Franken.

«‹Burnout› ist kein Krankheitsbegriff», sagt Dieter Kissling, Arbeitsmediziner und Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin in Baden. «Man bezeichnet damit einen Prozess, der durch eine ganze Palette von Symptomen, körperlichen, psychischen, sozialen, kognitiven und affektiven Störungen begleitet wird. Ein organisches Leiden ist meist nicht diagnostizierbar.» Dieser Prozess laufe schleichend ab, werde von den Betroffenen meist nicht rechtzeitig erkannt und ende oft in einer Depression.

Der Prozess lässt sich steuern

Klar ist, dass übermässiger Stress die Problematik auslöst. Was kann ein Einzelner, der in den Arbeitsprozess, in das System einer Firma oder in den Überlebenskampf als Selbstständiger eingespannt ist, überhaupt dagegen unternehmen? Der Arbeitsmediziner nennt drei wichtige Möglichkeiten, die vor dem Ausbrennen schützen: Sich bewegen, lernen, sich zu entspannen und die Arbeit anders zu organisieren, etwa den Prozess optimieren und lernen, Nein zu sagen. Schliesslich habe der Arbeitnehmer auch ein Kündigungsrecht, das gehe oft vergessen.

«Ich staune, wie wenig sich die Patienten, die von derartigen Problemen betroffen sind, mit Veränderung befassen», sagt Dieter Kissling. «In Zeiten der Hochkonjunktur, wie wir sie jetzt haben, ist eine Kündigung möglich. Schliesslich steht die Gesundheit auf dem Spiel.» Doch Existenzangst ist auch in der Schweiz sehr verbreitet, denn Arbeitsplatzunsicherheit ist heute Tatsache - wenn Mitarbeiter nach 20 oder auch 35 Jahren Firmentreue wegen Restrukturierungen entlassen werden.

Wohin sich wenden, wenn man spürt, dass etwas nicht mehr stimmt, dass Überlastung droht? Längst nicht alle Firmen bieten Personalabteilungen an, die für derartige Probleme Verständnis zeigen. Und viele Hausärzte tendieren dazu, bei diffusen Problemen Antidepressiva und Schlafmittel zu verschreiben, anstatt nach der Ursache der Störungen zu suchen – was Betroffene immer tiefer in den Burnout-Prozess hineinrutschen lässt. Kompetente Hausärzte oder Psychotherapeuten und Psychiater sind aber immer noch erste Anlaufstelle, wenn sich unerklärliche körperliche oder psychische Symptome bemerkbar machen.

Der Arbeitsmediziner ist überzeugt, dass viele Unternehmen mittlerweile realisiert haben, dass sie ihre Mitarbeitenden als zentrale Ressource wieder hegen und pflegen müssen – nachdem lange Zeit Shareholder Value die wichtigste Grösse war. Er prophezeit, dass Firmen sich auf dem Stellenmarkt demnächst mit besonders gesundheitsförderlichen Arbeitsplätzen profilieren werden.

Obwohl die Allgemeinheit den grössten Teil der sozialen Kosten von Burnout über die Sozialversicherungen bezahlt, haben auch die Unternehmen durch den Ausfall und notwendigen Ersatz von Mitarbeitenden massive Unkosten – für Löhne, Krankentaggeldversicherungen, Know-how-verlust, Personalsuche und -einarbeitung.

«Für die Unternehmen ist jeder Burnout-Fall ein hoher Kostenfaktor», sagt Dieter Kissling. Jedes Unternehmen müsse sich deshalb fragen, ob ihm der Mensch als Arbeitnehmer wichtig ist, ob ein gesundheitsförderlicher Führungsstil gepflegt wird und ob ganz allgemein genügend auf die Gesundheit der Mitarbeitenden geachtet wird. Zurzeit befinde man sich immer noch in der Phase der Sensibilisierung auf das Problem, die gewonnenen Erkenntnisse hätten aber noch wenig praktische Auswirkungen gezeigt.

Beim Schutz von Einzelpersonen hingegen geht es um folgende Fragen: «Wo setze ich meine Leistungslatte?», «Verlange ich zu viel von mir, überfordere ich mich?», «Habe ich Symptome aus dem psychosomatischen Bereich, beobachte ich mich selber genügend?».

Wenn das Leben nicht nur aus Arbeit und Gelderwerb besteht, sondern auch Privatleben und Gesundheit einen wichtigen Platz haben, ist die Gefahr, in ein Burnout zu geraten, gebannt. Soziale Kontakte, Natur, Sport, Kultur, Kreativität und Spirituelles bringen den Ausgleich.

Nehmen Sie Warnsignale ernst – bevor es zu spät ist

Niemand brennt über Nacht aus. Wer die Anzeichen beobachtet, kann vorbeugen.

Burnout ist die Folge von chronischem Stress – häufig am Arbeitsplatz, aber auch in Familie und Haushalt. Wenn körperliche und seelische Erschöpfung und ein Mangel an Erholungsfähigkeit zusammentreffen, kann das den Zusammenbruch auslösen. Das ist wichtig:

  • Ein gutes Arbeitsklima, in welchem Mitarbeitende Respekt und Wertschätzung erfahren, stärkt Selbstwertgefühl und Gesundheit.
  • Machen Sie bewusst Pausen. Nutzen Sie die Möglichkeit zu Kontakten am Arbeitsplatz: Sozialer Austausch stärkt die psychische Gesundheit.
  • Stress am Arbeitsplatz zeigt sich in fehlender Motivation, gesteigerter Fehlerhäufigkeit, Ineffizienz und sinkender Produktivität, die mit immer längeren Arbeitszeiten kompensiert wird.
  • Regelmässige Bewegung reduziert den Stress nachweisbar. Ebenso wichtig ist Entspannung. Suchen Sie sich eine Methode zur Stressbewältigung. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Joggen, Wandern, Yoga, tanzen, autogenes Training, Malen; Hauptsache ist aktives Tun.
  • Besonders gefährdet sind Personen, die hohe Anforderungen an sich und ihre Leistungen stellen. Seien Sie nicht allzu perfektionistisch, und sagen Sie nie «Ja», wenn Sie «Nein» meinen.
  • Setzen Sie Prioritäten, und erledigen Sie die unangenehmen Arbeiten zuerst.
  • Versuchen Sie, sich selber und Ihre Befindlichkeit besser wahrzunehmen. Nehmen Sie sich genügend Zeit für sich und Ihre Familie und Freunde und schaffen Sie genügend Ausgleich zum Beruf.
  • Achten Sie auf Alarmsignale wie Vergesslichkeit, Angst- und Panikattacken, Konzentrations- und Schlafstörungen oder Rückenbeschwerden. Wenn Sie immer mehr arbeiten, sich kaum noch Freizeit gönnen und sich nicht mehr erholen, sind Sie gefährdet. Holen Sie ärztlichen oder psychologischen Rat. (az)
Tipps und Infos

Beratung:
Bei Anzeichen von Burnout sind Hausärztin oder Hausarzt und/oder Psychotherapeuten erste Anlaufstelle.

Bücher:
«Stress am Arbeitsplatz», Handbuch von M. Allensbach und A. Brechbühler;
«Das Anti-Burnout-Erfolgsprogramm» von H. Kolitzus;
«Stress, Mobbing und Burnout am Arbeitsplatz» von S. Litzcke und H. Schuh;
«Schluss mit der Anstrengung», ein Reiseführer in die Mühelosigkeit von B. Berckhan;
«In den Krallen des Raubvogels», persönlicher Erfahrungsbericht von Th. Knapp;
«Burn-out», Mutmacher für Chefs und Angestellte von Th. Knapp, D. Kissling, R. Schmid und anderen;
«Innere Kündigung» von R. Brinkmann und K. Stapf.

Links:
www.stressnostress.ch ; www.crazyworkers.ch ; www.seco.admin.ch

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