Wirtschaft
Wenn der nächste Nachbar Eisbär heisst
16. Juni 2008, 05:01Wenn Familie Helland-Pihl aus dem Fenster blickt, sieht sie tiefverschneite Berge und ab und zu einen Eisbären. Ein Besuch auf Spitzbergen.
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Infografik
- Spitzbergen
«Früher haben wir immer gelacht, wenn uns amerikanische Freunde fragten, ob es bei uns Eisbären auf der Strasse gibt», sagt Anne Pihl. Unterdessen ist der Mutter von drei Kindern das Lachen über diese Frage vergangen: «Letzte Woche stand plötzlich so ein Tier auf der Strasse vor unserem Haus», erzählt sie. Zum Glück tauchte schon wenige Minuten später der Jeep des norwegischen Gouverneurs auf Spitzbergen auf und verscheuchte das junge Tier, welches wahrscheinlich nach einem langen Winter den Hunger verspürte und sich deshalb bis in die grösste Siedlung des arktischen Archipels vorwagte.
Eisbären und Menschen halten sich auf Spitzbergen zahlenmässig ungefähr die Waage. Doch damit ist mit den Gemeinsamkeiten auch schon Schluss: Denn Eisbären können bis zu 800 Kilogramm schwer werden und sich bis zu 70 Stundenkilometer schnell fortbewegen. Während sich die gut 3000 Eisbären eine Fläche von fast 60 000 Quadratkilometer teilen, leben mehr als zwei Drittel der knapp 3000 Einwohner von Spitzbergen im Hauptort Longyearbyen - dazu gehört seit einem Jahr auch die Familie Helland-Pihl: Mutter Anne (42), Vater William (50), Emma (13), Peter (12) und Thomas (8). Wie alle anderen Bewohner mussten auch die Helland-Pihls nach ihrer Ankunft in Longyearbyen zunächst einmal lernen, wie man sich im Notfall gegen Eisbären wehren kann.
Alle Leitungen über dem Boden
So stehen nun auch in der Garderobe der Familie Helland-Pihl zwei Gewehre. «An diese ständige Bewaffnung mussten wir uns erst gewöhnen», sagt Anne Pihl, die als Textilfotokünstlerin soeben ihre erste grosse Ausstellung in der Svalbard Galleri hinter sich hat. Ihr Mann arbeitet als Geologie-Professor an der lokalen Universität in Longyearbyen, in der aus naheliegenden Gründen die Arktis und die Erdatmosphäre im Mittelpunkt des Interesses stehen. Das zweistöckige, rostfarbene Holzhaus der Helland-Pihls liegt am Vei 238 - dem Weg Nummer 238 - im Zentrum Longyearbyens. Wegen des Permafrostes steht das Haus - wie alle anderen hier oben - auf Pfählen. Über dem Boden verlaufen aus dem gleichen Grund auch alle Versorgungs- und Abwasserrohre. Für Wärme und Licht sorgt die unweit des Flughafens gelegene «Energiestation», in der die auf Spitzbergen in grossen Mengen vorhandene Kohle verbrannt wird.
Das Haus der Familie Helland-Pihl gehört dem staatlichen norwegischen Immobilienunternehmen Statsbygg: «Fast niemand hier besitzt ein eigenes Haus», sagt William Helland-Hansen, «denn die meisten bleiben nur eine begrenzte Zeit auf der Insel.» Tatsächlich unterscheidet sich die Bevölkerungsstruktur auf Spitzbergen markant von dem über 1000 Kilometer weiter südlich gelegenen europäischen Festland. Behinderte oder ältere Menschen sieht man keine auf den Strassen: entsprechende Fürsorgeeinrichtungen existieren (noch) nicht. Hingegen ist die Zahl der Geburten in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt: Für Familien mit Kindern hat Longyearbyen nämlich viel zu bieten. «Die Schule hier ist viel besser eingerichtet als in Bergen, wo wir vorher gewohnt haben», sagt der 12-jährige Peter: «Hier haben wir kleine Klassen, viele Lehrer und eine Super-Ausrüstung.» Und für den jungen Kicker besonders wichtig: Seit kurzem gibt es auch ein überdachtes Fussballfeld.
Auch innerhalb der eigenen vier Wände fehlt es der nach Spitzbergen gezogenen Familie an nichts: Viel warmes Holz, bis zu 4 Meter hohe Zimmer mit Dachfenstern und weiss gestrichene Wände erzeugen ein angenehm luftiges Wohngefühl. An den Wänden hat Anne Pihl eigene Kunstwerke aufgehängt, auf welchen die arktischen Weiten der Umgebung von Longyearbyen gezeigt werden. «Mir gefällt es gut hier, auch wenn im Jugendklub immer die gleichen Leute rumhängen», sagt die 13-jährige Emma. Sie verspürt kein Heimweh nach der alten Heimatstadt Bergen, wo es im Durchschnitt mehr regnet als an jedem anderen Ort in Europa. Auf Spitzbergen regnet es hingegen fast nie, zehn Monate pro Jahr liegt Schnee, auch wenn es in den kurzen, aber intensiven Sommermonaten auch schon mal 20 Grad warm wird.
Viel Holz und hohe Räume
Die grosse Dunkelheit, welche zwischen Oktober und Februar herrscht, hat der Familie erstaunlich wenig zu schaffen gemacht. «Wir waren viel zu Hause. Das Leben hier ist familiärer und ruhiger als auf dem Festland», sagt Anne Pihl. Mussten die Bewohner von Longyearbyen einst ein halbes Jahr auf das nächste Schiff warten, so kann Anne Pihl heute «einfach mal nach Oslo fliegen und dort ins Theater gehen». Longyearbyen gehört seit einem Jahr zum Streckennetz eines norwegischen Billigfliegers - ein Flug nach Oslo dauert drei Stunden und ist schon für weniger als 100 Franken zu haben.
Finken für alle
Interessanterweise sind auf Spitzbergen die meisten Güter des täglichen Lebens billiger als auf dem Festland. Mit Ausnahme einer Umweltabgabe gibt es nämlich fast keine direkten oder indirekten Steuern, was dazu führt, dass Gruppen aus dem gut 1500 Kilometer entfernten Tromsö nach Longyearbyen kommen - um mit günstigen Drinks zu feiern. Wer auf der Insel bleiben möchte, braucht weder eine bestimmte Staatsbürgerschaft noch eine Aufenthaltsbewilligung. «Hier leben Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt», sagt William Helland-Hansen, «Forscher wie ich, Tourismusunternehmer, Abenteurer und Grubenarbeiter.» Seit zwei Jahren ist Spitzbergen auch informationstechnologisch mit dem Rest der Welt verbunden: 2006 wurde ein 1200 Kilometer langes Unterwasserglasfaserkabel eingeweiht. Im Hause Helland-Pihl steht deshalb in jedem Zimmer ein Computer, mit Hilfe dessen Anne Pihl nicht nur ihre Fotokunstarbeiten an eine Spezialdruckerei in Bergen senden kann, sondern die drei Kinder auch mit ihren ehemaligen Klassenkameraden Online-Spiele machen und sich Vater William das Lokalradio aus Bergen zum Frühstück anhören kann.
Wie in allen Gebäuden auf Spitzbergen, gibt es auch am Vei 238 einen Vorraum zwischen der Aussentür und dem eigentlichen Eingang, in dem die schwere Aussenkleidung abgelegt - in den Wintermonaten beträgt der Temperaturunterschied bis zu 60 Grad! - und die Schuhe gewechselt werden. Letzteres gehört auf Spitzbergen zu jedem Besuch: auch in Hotels, in Geschäften, Restaurants oder Büros wird erwartet, dass Eintretende ihre Schuhe ausziehen und in die stets bereitgestellten Finken wechseln. «Daran gewöhnen sich Besucher ebenso schnell wie an den Umstand, dass Eltern ihre Kinder mit geschultertem Gewehr auf dem Motorschlitten zum Kindergarten fahren», sagt Anne Pihl. Die guten Verbindungen aufs Festland und der hohe Lebensstandard vor Ort lassen manchmal vergessen, wo man sich eigentlich befindet - nämlich am Rande der Welt, umzingelt von Eisbären, in einer zwar fantastisch schönen, aber letztlich doch eher unwirtlichen Nachbarschaft.
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