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Gesellschaft – 13. Februar 2012
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«Ich gebe gerne von meinem Glück an andere weiter»
Samenspende ist ein Tabu – und seit dem neuen Gesetz ein noch heikleres Thema. Wie Eltern und ein Spender damit umgehen.

Von Katrin Hafner

Seit Samenspender in der Schweiz nicht mehr anonym bleiben dürfen, stellen sich für die Betroffenen neue Fragen. Wie die Kinder, die seit dem im Januar 2001 in Kraft getretenen Gesetz gezeugt worden sind, damit umgehen, erfahren wir erst in etwa 15 Jahren. Dann werden die ersten entscheiden können, ob sie Kontakt mit ihrem genetischen Vater aufnehmen wollen.

Spender und Eltern, die schon heute Stellung beziehen könnten, outen sich ungern. Samenspende ist nach wie vor ein Tabu; öffentlich wird sie kaum thematisiert. Die meisten reden nicht mal mit engen Bezugspersonen darüber. Ein Spender und ein Liebespaar, das dank Spende zwei Kinder hat, brechen das Schweigen. Sie gehen das Thema pragmatisch an.

Der Spender: «Das wär was für mich»

Er hat Samen gespendet und steht dazu. Luca, 33-jährig, früher Banker und heute Flughafenpolizist, ledig und hilfsbereit. Der Vorzeigespender schlechthin – humorvoll, offen, unkompliziert. Vielleicht ein bisschen naiv? Als er vor Jahren eine Reportage über Samenspende sah, dachte er: «Das wär was für mich» Und als seine Schwester erzählte, der Gynäkologe Peter Fehr suche Samenspender, meldete sich Luca sofort. Dass er einer von zehn Männern ist, deren Spermaqualität genügend gut ist, macht ihn stolz. «Ich gehöre zu den wenigen, die mit Samen anderen Menschen helfen können. Das ist schön; ich habe gerne gespendet.» Ein altruistisch motivierter Spender, der von sich selbst sagt: «Ich lebe ein glückliches Leben, von meinem Glück gebe ich gerne weiter.» Allerdings kann Spender Luca nicht verstehen, warum ein Mann seiner Frau erlaubt, den Samen eines Fremden aufzunehmen. «Ich selbst könnte niemals akzeptieren, dass meine Frau ein Kind von einem anderen austrägt!» Lieber würde er auf Nachwuchs verzichten. «Das Kind soll doch auch mir gehören.»

Ob der 43-jährige Lebensmittelfachmann und seine zehn Jahre jüngere Frau ihr Glück von Spender Luca erhalten haben, weiss nur der Arzt, der aus dem Ehepaar eine Familie gemacht hat. Vor drei Jahren kam ihr Sohn auf die Welt, vor sechs Monaten die Tochter, beides Samenbank-Kinder. «Wir leben einen ganz normalen Alltag», sagt die Mutter. Von der Samenspende weiss ausser ihrer besten Freundin kein Mensch: «Meine Eltern wären aus den Socken gekippt, hätten sie erfahren, dass es nicht Sprösslinge meines Mannes sind.» Ihr Mann hatte in seiner Jugend eine Chemotherapie machen müssen und ist infolgedessen unfruchtbar. «Ich habe keine Lust, das allen als Erklärung für unseren Entscheid zu erzählen», sagt er. Und: Die beiden möchten nicht, dass ihre Kinder in irgendeiner Form diskriminiert werden wegen ihrer Zeugungsgeschichte.

Mit dem grossen Geheimnis allein zu sein, ist manchmal schwierig. Etwa wenn Freunde oder Angehörige wieder mal sagen: «Der Bub ist ganz der Papa!» Sie schlucke dann leer, sagt die Mutter und gesteht, sich auch schon beim Gedanken ertappt zu haben: «Das hat der Kleine von meinem Mann.» Das Umfeld sei halt zentral: «Die Kinder übernehmen unsere Mimik und Gestik.» Und man finde zu jedem Charakterzug irgendwo ein Familienmitglied, von dem er stammen könnte, «selbst wenns genetisch nicht möglich ist».

Doch eines Tages, das ist den glücklichen Eltern klar, werden sie ihren Kindern die Wahrheit erzählen – auch wenn das Gesetz sie nicht dazu zwingt. «Meine Söhne haben das Recht, zu erfahren, wer ihr leiblicher Vater ist», findet die Mutter. Ihr Mann siehts genauso: «Zuerst wollen wir uns aber bewusst werden, wann und wie wir es den Kindern sagen.» Gemäss dem seit fünf Jahren geltenden Fortpflanzungsgesetz haben samengespendete Kinder ab 18 das Recht, Informationen über ihren leiblichen Vater zu erhalten und mit ihm Kontakt zu knüpfen. «Juristisch sind wir informiert worden, für das Psychologische aber fehlen Ratschläge – man wird allein gelassen», sagt die Frau.

Sie wird nun mit ihrem Mann bei einem Kinderpsychologen besprechen, wie und wann sie ihren Nachwuchs aufklären. Als uneheliches Kind, das erst in der Pubertät herausgefunden hat, dass sein Vater genetisch nicht sein Vater ist, weiss der unfruchtbare Mann, «dass man nicht leibliches Kind sein muss, um sich geliebt zu fühlen». Das hilft den beiden, sich der Wahrheit zu stellen. Irgendwann.

Im Tiefsten hofft die Mutter, dass ihre Kinder Kontakt mit ihren leiblichen Vätern aufnehmen werden. Ihr und ihrem Mann ist das gesetzlich verboten. «Mich nimmt doch auch wunder, was das für Menschen sind!» Sie sei froh, dass die Samenspende nicht anonym möglich sei. «Für ein Kind ist es wichtig, zu erfahren, wer seine leiblichen Vorfahren sind!» Ein Bild vom Spender macht sie sich nicht. «Aber interessieren würde mich schon, warum er seinen Samen spendete.» Der unfruchtbare Vater sieht das anders. «Es kommt mir gar nie in den Sinn, dass es genetisch nicht meine Kinder sind.» Er sei dem Spender dankbar, denn ohne ihn hätte er nicht «so herzige Kinderlein». Kennen lernen wolle er ihn nicht unbedingt. «Aber wenn es sein soll, warum nicht?»

Das könnten Lucas Worte sein. Der Spender hat kein Bedürfnis, die aus seinem Samen entstandenen Kinder kennen zu lernen, ist aber bereit dazu, wenn diese es wünschten, «schliesslich sind sie ein Teil von mir». Schon heute wissen seine Kollegen, Eltern und Geschwister, dass er gespendet hat. «Ich habe niemanden umgebracht, warum sollte ich das verheimlichen?» Wer Mühe habe mit dem Thema, solle sich um den eigenen Mist kümmern, findet Luca. «Ich lebe heute und trage Verantwortung für mein Leben. Probleme löse ich, wenn sie vor der Tür stehen.»

Nachwort

Übrigens: «Ich will noch etwas sagen», hängt Samenspender Luca nach ausführlichem Gespräch an: Einen Teil der Spesenentschädigung, die er für die Samenspende bekommen hat, spende er – an Lotti Latrous unter anderem, die in Afrika Kindern hilft. «Ich will nicht, dass ich meinem Kind eines Tages sagen muss: ‹Ich habe mir eine schöne Lederjacke gekauft, weil ich dich habe zeugen lassen.›» [TA | 08.12.2005]




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