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Gesellschaft – 12. Februar 2012
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Der grosse Wunsch, sich zu engagieren
Fair
Hartnäckig: Severin Meier und Sandra Ujpétery sammeln Unterschriften für fair gehandelte Produkte.

 
Viele Jugendliche wollen sich engagieren. Nur: Wo dürfen sie das? Ihr Einsatz wird oft mehr gefürchtet als gefördert.

Von Ann Schwarz

Rund 200 000 Jugendliche leisteten im vergangenen September mit der «Aktion 72 Stunden» in der Schweiz eine geballte Ladung Freiwilligenarbeit. Und doch heisst es immer wieder, die heutigen Jugendlichen seien apolitisch, unengagiert und selbstbezogen. Das sind Vorurteile, die sich beharrlich halten, aber selten zutreffen.

«Der Wunsch, etwas zu machen, ist da. Aber meistens wird man abgewimmelt», sagt die Studentin Adina Rom, die wie viele ihrer Kolleginnen für ihr Zwischenjahr nach der Matur einen sinnvollen Einsatz im In- oder Ausland suchte. Wegen ihrer fehlenden Ausbildung stiess die heute 20-Jährige immer wieder auf Absagen. In der Schweiz sei alles professionalisiert, den Jungen gebe man kaum die Gelegenheit, sich konkret einzusetzen. Schliesslich reiste die junge Frau auf eigene Faust nach Indien und konnte dort in einem Heim behinderte Kinder betreuen. Diese Erfahrung hat sie stark bewegt.

Schon früher hatte sie als Leiterin einer Jugendgruppe hartnäckig nach gemeinnützigen Projekten gesucht. Als sie dem Team eines Alkoholikertreffs vorschlug, einen Anlass zu organisieren, und wieder einmal eine Absage erhielt, schrieb sie einen Brief, worin sie betonte, wie schade es doch sei, dass interessierte Jugendliche keine Chance erhielten. Das nützte: Die Jugendlichen durften eine Weihnachtsfeier und einen Brunch mit Lottospiel gemeinsam mit den Besuchern des Treffs veranstalten. «Bei diesem Einsatz haben wir extrem viel gelernt. Wir hatten einen guten Kontakt und Austausch mit den Besuchern des Treffs.»

Dass es für Jugendliche nicht einfach ist, ihre Projekte zu realisieren oder einen gemeinnützigen Einsatz zu finden, weiss auch Jürg Arnold, Verantwortlicher für den Young Caritas Award, einen 2003 von der Schweizer Organisation ins Leben gerufenen Preis für gemeinnützige Jugendprojekte. Er erlebt, dass viele Jugendliche interessiert sind an Entwicklungspolitik und der sozialen Situation in der Schweiz. Das Bild der inaktiven, passiven, konsumorientierten Jugend stimme so nicht – auch wenn Caritas es sicherlich mit einem speziell motivierten Teil der Jugend zu tun habe.

Junge wollen rasch ans Ziel kommen

«Die Jungen wollen etwas auf die Beine stellen, ans Ziel kommen. Aber häufig rennen sie an und geraten in die Mühlen der Bürokratie», sagt Jürg Arnold. «Sie werden zu oft als unangenehme Störenfriede empfunden und mit ihren guten Ideen im Regen stehen gelassen.»

In der Pubertät fliesst viel Energie in die Persönlichkeitsfindung. Dazu gehört auch, dass der junge Mensch vieles ausprobieren muss, um schliesslich das zu finden, was ihm zusagt. Deshalb sind die Einsätze oft nicht von langer Dauer. Das ist für die Verantwortlichen der Fachstelle Aids-Hilfe Zug verständlich. Die Stelle arbeitet in der Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit mit jungen Freiwilligen. Diese verteilen einige Male pro Jahr an Partys, Konzerten, Openairs und anderen Veranstaltungen Broschüren, Kleber, Präservative, hängen Poster auf und informieren auf Wunsch über «safer sex».

«Wenn wir Leute suchen, melden sich immer wieder Junge, vor allem Frauen, die sich engagieren wollen», sagt Bettina Stamm, seit über 15 Jahren bei der Aids-Hilfe Zug tätig. Nur einzelne setzten sich aber über Jahre ein, die Mehrzahl interessiere sich nur während relativ kurzer Zeit für ein solches Engagement. Das entspreche auch dem Alter. «Was gerade aktuell ist, verändert sich bei jungen Leuten schnell.»

Wer einen Pflasterstein wirft, fällt auf

Dass Jugendliche in der Schweiz wenig Ermunterung erhalten, wenn sie sich aktiv betätigen wollen, ist auch die Ansicht von Markus Gander, Jugendarbeiter und Präsident von infoklick.ch, der Plattform für Kinder- und Jugendförderung Schweiz. «In unserer Gesellschaft nimmt man die Jugendlichen nur ernst, wenn sie ein Problem haben», sagt Markus Gander. «Wir finanzieren in unserem Land unzählige Fachstellen für Jugendliche mit Schwierigkeiten, aber Förderstellen für Jugendliche, das gibt es nicht.» Ein Jugendlicher könne 100 positive Sachen machen, ohne dass dies zur Kenntnis genommen werde. «Aber wenn er einen Pflasterstein wirft, dann kriegt er Aufmerksamkeit.» Die grosse Masse der Jugendlichen sei aus seiner Sicht enorm gesellschaftsfähig; das werde auch von einschlägigen Studien bestätigt.

Wie gross der Bedarf für positive Unterstützung ist, zeigen die rund 12 000 Anfragen, welche die Plattform im letzten Jahr per Mail, Post und Telefon erhalten hat – alles Anfragen von Jugendlichen oder Erwachsenen, die in irgend einer Form ein Projekt verwirklichen wollen. Da geht es von der Erweiterung einer Skaterbahn in einer Agglomerationsgemeinde bis zum Sozialeinsatz im Ausland.

Jugendliche lassen sich begeistern

Dem Alter entsprechend, handeln Jugendliche recht selten als Einzelkämpfer, sondern in der Gruppe. Hier können sie sich gegenseitig unterstützen und Mut machen zu selbstständigem Handeln. Aber es gibt auch Ausnahmen: die 16-jährigen Gymnasiasten Sandra Ujpétery und Severin Meier, die mit ihrem Projekt Nescafair für fairen Handel den 2. Preis im Young Caritas Award gewonnen haben. Die Schülerin hatte als 11-Jährige ein Bild von hungernden Kindern im Sudan gesehen. Sie begann sich mit dem Thema Hunger auseinander zu setzen und wollte auch im Alltag etwas dagegen unternehmen. Sie konnte auch ihren Mitschüler Severin Meier überzeugen. «Meine Schulkollegin Sandra überflutete mich schon in der 5. Klasse mit Broschüren über gerechten Handel, von Max Havelaar, Caritas und Greenpeace», sagt der Gymnasiast. «Damals interessierte ich mich noch gar nicht für Politik.» In der Folge sammelten die beiden Unterschriften für fair gehandelten Kakao, welche sie in einer ersten Aktion der Migros, später auch Lindt & Sprüngli unterbreiteten. Und im letzten Jahr wollten sie mit einer Unterschriftskampagne über ihre Website nescafair.ch.vu die Firma Nestlé dafür motivieren, in der Produktion nur noch fair gehandelten Kaffee zu verwenden. Immerhin kamen so rund 4000 Unterschriften zusammen.

Wenig bis kein Interesse für Politik

«In meinem Schulhaus interessiert sich nur jeder Dritte für Politik, und in der Sekundarschule überhaupt niemand - die sind so stark gefordert von der Lehrstellensuche», sagt Severin Meier. Seiner Ansicht nach sind die Jugendlichen schlecht informiert, sie wären aber sehr begeisterungsfähig. Die 16-jährige Sandra Ujpétery hingegen hat schon sehr viel gelesen über Handelsströme, die Verteilung der Produktionsmittel und die Theorien des Wirtschaftswachstums. «Ich bin eine Aussenseiterin – manchmal gehört und oft auch belächelt», sagt sie. Grundsätzlich werde ihr Engagement aber positiv wahrgenommen. Die kritische Jugendliche nennt sich selber eine Überzeugungstäterin. «Für uns ist es das Wichtigste, die Leute zu informieren und zum Denken zu bringen.»

Nicht alle Jugendlichen sind so selbstsicher und unbeirrt wie die beiden Mittelschüler. Aber auch die anderen haben grosses Potenzial – wenn sie nur Mittel und Wege finden, dieses zu nutzen. Plattformen wie infoklick.ch und der Young Caritas Award bieten ihnen den nötigen Schub und Kick. Mehr noch wäre möglich, wenn die Erwachsenen, Politiker und Private, den Jugendlichen und ihren Ideen öfters unkompliziert Chancen gäben. [TA | 16.02.2006]

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