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Gesellschaft – 22. März 2010
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Von wegen lockeres Studentenleben

Fränzi Helbling studiert heute Sportwissenschaften ... und Tobias Hauser Psychologie.
 
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Vor drei Jahren fragte der TA die Maturanden Fränzi Helbling und Tobias Hauser nach ihren Zukunftsplänen. Heute studieren beide. Was ist aus ihren Plänen geworden?

Der Weg von der Matura zum Beruf

Von Helene Arnet

Treffpunkt «bqm», sprich «bequem». Mehr Bar als Studentenkneipe, unter der Polyterrasse gelegen und offensichtlich angesagt. Laut, viel Volk. Darunter die 22-jährige Säuliämtlerin Fränzi Helbling. Sie studiert im vierten Semester Sportwissenschaften an der ETH, hat soeben eine Reihe von Prüfungen bestanden und sieht zu Semesterbeginn nicht gerade erholt und voller Tatendrang aus.

Als der «Tages-Anzeiger» im Frühling 2003 sie und ihren Klassenkameraden Tobias Hauser das erste Mal traf, standen die beiden kurz vor der Matur. Sie freuten sich auf ein Zwischenjahr ohne Stundenplan und darauf, dass sie sich danach im Studium ausschliesslich mit den Themen befassen können, die sie interessieren. Nun stöhnt Fränzi Helbling: «Mein aktueller Stundenplan strotzt vor Biologie – auch Pflanzenbiologie. Es soll mir jemand erklären, wozu ich das später als Sportwissenschafterin brauche.» Wenigstens sind da noch die Wahlfächer: bei ihr Sportpsychologie und Menschenorientierte Führung.

Weder braun gebrannt noch erholt

Tobias Hauser ist inzwischen im bqm eingetroffen. Auch er weder braun gebrannt noch sichtlich erholt. Er studiert Psychologie und hat in den Ferien ein sechswöchiges Praktikum im Rehabilitationszentrum des Kinderspitals in Affoltern am Albis absolviert. Gefallen hat ihm die Arbeit mit den Kleinen sehr – «ich habe gemerkt, dass ich es gut mit Kindern kann» –, doch Ferien waren das nicht.

Fränzi Helbling hat 32 Wochenstunden, arbeitet etwa einen Tag pro Woche in einem Restaurant und wohnt noch zu Hause. «Geld verdienen, um davon leben zu können, und gleichzeitig studieren – das geht nicht, wenn du mehr vom Leben willst als nur arbeiten und studieren.»

Auf der Homepage des Schweize-rischen Berufsinformationszentrums (www.berufsberatung.ch) ist zu lesen: «Bei Studienrichtungen mit stark strukturiertem Stundenplan und einer hohen Semesterstundenzahl kann sich ein Nebenerwerb ungünstig auf das Studium auswirken oder sich gar als unmöglich erweisen.» Trotzdem nehmen die Werkstudenten zu: Das Bundesamt für Statistik zeigt, dass im Jahr 2005 fast 80 Prozent der Studierenden parallel zu ihrem Studium erwerbstätig waren. Und zwar nicht – wie früher üblich – vorwiegend in den Semesterferien. Die Studierenden beziehen laut einer etwas älteren Erhebung 33 Prozent ihres Einkommens aus eigener Erwerbstätigkeit. 1973 wurden nur 18 Prozent selbst erwirtschaftet.

Zwischen Putzmann und Sanskrit

Tobias Hauser, der seit kurzem eine Freundin hat, würde schon gerne von zu Hause ausziehen. «Aber eben, das Geld.» Vor einem Jahr noch nahm er es im Studium recht locker – 13 Pflichtstunden. Unterdessen hat er sich für die Nebenfächer Psychopathologie für Kinder und Jugendliche und Indologie entschieden – er lernt dafür die Gelehrtensprache Sanskrit. Insgesamt 24 Pflichtstunden. Gelegentlich arbeitet er als Putzmann, und einmal in der Woche besucht er an der Hochschule einen Englischkurs.

«Gibt das Credits?», fragt Fränzi Helbling. Credits (Kreditpunkte) brauchen die Studierenden jener Fachrichtungen, die bereits nach dem Bologna-System organisiert sind, um im Studium weiterzukommen. Bei den vielen Wochenstunden und den Anforderungen, die gestellt werden, sei es schwierig, Freifächer zu belegen, die keine Credits geben, fügt Fränzi Helbling an.

Die Studienreform wird ab kommendem Semester auch an der Philosophischen Fakultät eingeführt, also auch Tobias betreffen. Das Studium ist stärker strukturiert, macht aber mit dem Punkte-system den Arbeitsaufwand kalkulierbar. Auch können die Prüfungen besser auf das Jahr verteilt werden als früher.

Fränzi Helbling und Tobias Hauser sind mittlerweile endgültig an der Uni angekommen. Und wirken etwas ernüchtert. Das Studentenleben, das der romantische Dichter Eichendorff im «Leben eines Taugenichts» als «grosse Vakanz ... zwischen der engen, düsteren Schule und der ernsten Amtsarbeit» beschrieben hatte, ist vom Ernst des Lebens eingeholt worden: Träumte Tobias Hauser als Maturand noch davon, in die Entwicklungshilfe zu gehen, ist er diesem Ziel nicht näher gekommen. Auch zum Gitarrenspielen komme er viel zu wenig, das Literaturmagazin «Les:Bar», das er mit Kollegen aufgezogen hat, liege «im Koma». Und die Politik? Einst kandidierte er für die Juso Säuliamt für den Kantonsrat. «Da läuft im Moment nichts mehr, doch ich interessiere mich noch für Politik, lese am Morgen Zeitung und habe auch bei den Kommunalwahlen gewählt.» Fränzi Helbling hingegen sagt: «Bei mir reicht es höchstens zu ‹20 Minuten›.»

Bei ihren Schulkollegen von früher, mit denen die beiden über ein Internetforum noch regen Kontakt pflegen, sehe es ähnlich aus. «Es fehlt uns einfach die Zeit, um neben dem Studium noch viel anderes zu unternehmen», sagt Tobias. «Und auch an Geld für den grossen Ausgang», ergänzt Fränzi.

Mythos «lockeres Studentenleben»

Für Christa Dürscheid, Prodekanin Lehre an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, ist das lockere Studentenleben schon seit längerer Zeit ein Mythos. «Dass es trotzdem von vielen aussen Stehenden als locker wahrgenommen wird, hängt wohl mit der grösseren Freiheit in der Tagesgestaltung zusammen» – mal morgens später aufstehen, dafür bis in alle Nacht über den Büchern sitzen. Auch biete das Studium nach wie vor Freiräume, gebe viele Denkanstösse – «allerdings ändert das nichts daran, dass eine studentische Arbeitswoche sehr streng sein kann». [TA | 20.04.2006]

Der Weg von der Matura zum Beruf

Als der TA vor drei Jahren Fränzi Helbling und Tobias Hauser zum ersten Mal traf, bereiteten sie sich an der Kantonsschule Limmattal gerade auf ihre Matura vor. Seither trifft der TA die beiden im Jahresrhythmus, um zu berichten, wie es ihnen auf dem Weg zwischen Schule und Beruf ergeht.
Bisher erschienen: «Matura – und was kommt dann?» (6. März 2003); «Erst Pause machen, statt sofort studieren» (26. Februar 2004); Nach einem Zwischenjahr reif fürs Studium (April 2005).




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