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Gesellschaft – 19. Mai 2012
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«Wir sind eben coole Mädchen»
Fussball
Mädchen gehören nicht nur ins Ballett: Training im SFV Ausbildungszentrum in Huttwil.

 
Die WM ist nächstens vorbei. Fussball bleibt in – auch bei den Mädchen. Kein Pausenplatz mehr, auf dem sie nicht kicken.

Von Barbara Bürer

Auf der Wiese, im Abstand von drei Metern, liegen zwei Shirts. Sie markieren das Fussballtor. Dazwischen steht ein Mädchen. Nun holpert der Ball exakt über das eine Kleidungsstück. Drei der sechs Girls reissen die Arme hoch. «Goool!» Das Tormädchen schreit, dass dies nicht stimme, weil der Ball, stände hier ein Pfosten, auf die Wiese zurückgesprungen wäre.

«Also gut», geben die andern klein bei. Es ist ein Sonntag. Abends rennen wieder die weltbesten Männer über deutschen Rasen. Dass die Mädchen Fussball spielen, hat nicht nur mit der WM zu tun. Natürlich tragen sie Ronaldinho-Leibchen oder Rot mit weissem Kreuz. Doch schieben die Mädchen nicht erst seit diesem fussballverrückten Sommer die Bälle per Fuss über Wiesen und Pausenplätze: Der Mädchenfussball boomt seit zwei, drei Jahren.

Mädchen sagen, Fussball sei «geil», Mütter erzählen, dass ihre Töchter mit dem Ball unter dem Arm in die Schule gingen. Sie kicken in jeder freien Minute. Möchten, weil die Freundin dies tut, in einen Fussballverein eintreten. Vorbei scheinen die Zeiten, als Mann, auch Eltern, über das Fussball spielende weibliche Geschlecht die Nasen rümpften. «War das wirklich mal so?», fragt ganz erstaunt die 11-jährige Jasmin.
Mädchen gehören ins Ballett
Sereina Dubs würde ihr wohl entgegnen: Das kann noch heute so sein. Die 20-Jährige hat eine Maturarbeit zum Thema «Frauenfussball in der Schweiz» verfasst. Im Vorwort beschreibt sie, dass sie sich, als sie anfing, Fussball zu spielen, «den Respekt der Knaben» richtig erkämpfen musste. Wenn sie schlecht spielte, wurde sie ausgelacht. «Waren die Jungs von meiner Leistung beeindruckt, wurde dies oft durch doofe Sprüche überdeckt.» Noch in der Mittelschule habe ihr ein Schulkamerad geraten, sie solle doch «eher ins Ballett statt zum Fussball gehen, was mich traurig machte».

Sereina Dubs hat Fakten zusammengetragen, in Umfragen und Interviews nach der Bedeutung und der gesellschaftlichen Akzeptanz des Frauenfussballs gefragt. Noch immer, so die Auswertung, finden 21 Prozent diesen Sport «unweiblich». Würden sich die Medien mehr um den Frauenfussball kümmern, könnten, glaubt Dubs, «falsche Vorurteile aus dem Weg geräumt werden». Alles in allem kommt sie zum Schluss: «Der jahrelange Kampf hat sich gelohnt. Viele kämpferische und initiative Personen waren nötig, und viele Hindernisse mussten überwunden werden, um dem Frauenfussball den heutigen Stellenwert zu geben.»

Die Zahlen, gesammelt im Ressort Mädchen- und Frauenfussball des Schweizerischen Fussballverbands (SFV), sprechen für sich: Gab es 2001 erst 7429 lizenzierte Spielerinnen (von der 7- bis zur 30-Jährigen), waren es 2003 bereits 9740 und Ende des vergangenen Jahres gar 15 239.

Wicky ist süsser als Beckham
Fussball ist heutzutage trendy. Nicht nur fördert er (wenn man ihn selbst betreibt) Fitness und Teamgeist. Er transportiert auch Träume: «Wer möchte nicht das Leben eines erfolgreichen Fussballers führen?», fragen beispielsweise 13-jährige Buben. Für sie heisst Erfolg = reich = tolle Klamotten = schöne Frau. Spitzenfussballer sind Pop-Ikonen.

Und Spitzenfussballerinnen, haben die auch Kultstatus? Sechstklässlerinnen schütteln den Kopf. Die einzige, die sie mit Namen kennen, ist Birgit Prinz. Die ist zwar Weltfussballerin, verdient aber niemals Millionenbeträge. Weibliche Vorbilder sind rar. Würden, wie im Tennis, bei einem WM-Fussballturnier Männer und Frauen auftreten, könnte sich dies ändern, meinen die Mädchen.

Ihre Fussballidole sind deshalb männlich. Sie schwärmen nicht etwa für Beckham, sondern für Raphaël Wicky. «Er ist süss, hat eine coole Frisur und schöne Augen!» Die Mädchen kichern. Kirstin aber sagt: «He, es geht doch um Fussball, darum, wie sie spielen, und nicht um ihr Aussehen!» – «Doch, sie müssen auch herzig sein!» Aber die Schweizer Nati, sagt Kirstin, bestehe doch nicht aus «Topmodels»!

Alle 12 Mädchen der 6. Klasse in Zumikon spielen Fussball. Sie erzählen, wieso sie damit begonnen haben. «In der 4. Klasse haben uns die Buben gefragt, ob wir Lust hätten, mitzuspielen.» Sie hatten Lust. Es sollten alle alles ausprobieren dürfen: «Wir finden es doof, zu behaupten, Fussball ist für Buben, Ballett für Mädchen.» Schon bald zeichneten sich erste Konflikte ab: «Die Buben wollten lieber untereinander spielen», berichten sie. «Wenn wir den Ball hatten, nahmen sie ihn uns gleich wieder weg. Sie wollten die Tore schiessen. Sie sagten uns, wir sollten ab in die Verteidigung. Ja, und dann standen wir halt ohne Ball herum, und am Schluss warfen sie uns vor: ‹Ihr seid einfach faul!›»

Diesen Knatsch besprachen sie im Klassenrat. Und sie merkten bald, dass Buben und Mädchen unterschiedlich denken. Jil sagt: «Die Buben betrachten Fussball als eine ernste Sache. Bei uns Mädchen geht es um Spass.» Kirstin nickt: «Wenn die Buben gegen die Parallelklasse verlieren, kratzt das an ihrer Ehre.» Seither spielen die Mädchen nur noch mit Mädchen.

Der Traum von der grossen Karriere
Frauen, die um Punkte kämpfen, spielen anders Fussball als Männer. Physis, Schnelligkeit und Kraft unterscheiden sich. Männer schlagen Flankenbälle über 40 Meter. Bei Frauen läuft der Ball über viele Stationen. Sie schiessen die meisten Tore innerhalb des Sechzehners. Sie spielen um Meisterschaften und Cuppokal. Sie tragen Länderspiele aus. Ab 11. Juli findet die EM-Endrunde der U-19-Nationalteams in der Schweiz statt, abseits der grossen Stadien. Überhaupt: Wie heissen unsere besten Fussballerinnen?

Lara Dickermann? Für Jeannine Stucki, 16, die Schweizer Mittelfeldspielerin: 20-jährig, vom FC Sursee in die Topliga der USA aufgestiegen – Lara Dickermann verkörpert «den Traum einer jeden von uns», sagt Jeannine Stucki. Mit «uns» meint sie jenen kleinen Kreis viel versprechender Talente. Jene Mädchen, die in Regionalligen aufgefallen sind und es, nach schwierigen Eignungstests, bis nach Huttwil geschafft haben. Dort gibt es das Ausbildungszentrum für Mädchen. Dort erhalten sie fussballerischen Schliff.

Die Sonne brennt. Man hört den Atem der Mädchen, sie traben über den Rasen, schwitzen in blauen Shirts, ihre langen Haare straff an den Kopf gebändigt. «Chömed, Fraue!», ruft Trainer Claudio Taddei. Sie rennen noch schneller, ohne Ball zuerst, dann mit Ball: A schlägt einen Pass zu B, B muss C austricksen und den Ball D zuspielen, D macht ein Dribbling, spielt mit B einen Doppelpass und rennt schliesslich aufs Tor zu, auf das sie nach einem so genannten Überläufer schiessen soll.

Jonglieren, Liegestützen, endlich auslaufen, Noppenschuhe reinigen, unter die Dusche. Dann zum gemeinsamen Mittagessen. Sie kommen in kurzem Jupe oder Hose, das Haar wallt jetzt über eng anliegende Leibchen, ganz normale Girlies. Auf einem Trägershirt steht: «I love football».

Sechsmal pro Woche ist Training, je zwei Stunden, in professionellem Umfeld. 2004 wurde das Ausbildungszentrum eröffnet. Béatrice von Siebenthal, Nati-Trainerin, hat sich dafür stark gemacht. Ihr und dem Fussballverband war wichtig, dass nicht bloss Buben gefördert werden.

Die zweijährige Ausbildung verbindet Spitzensport und Schule: Wer ins bernische Huttwil kommt(pro Jahr sind es rund 10 Mädchen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren), wird in die Sekundarschule im Dorf integriert und in Gastfamilien untergebracht. Der Wochenplan ist genau strukturiert: Training, Schule, Hausaufgaben und Stützunterricht für verpasste Lektionen. Ein Schwerpunkt der Ausbildung ist die Karriereplanung Beruf und Fussball. Heutzutage gibt es verschiedene Bildungswege, in denen der Spitzensport Platz hat. Die jungen Talente stehen in engem Kontakt mit einer Berufs- und Laufbahnberaterin.

Total fussballhungrig
Larissa Ziegler wird bald eine «Sportler-KV-Lehre» beginnen. Dies ermöglicht ihr, zweimal pro Woche morgens zu trainieren. Das ist ihr wichtig. Sie wollte schon immer «‹tschutte› und noch einmal ‹tschutte›». Als sich dieser Wunsch erfüllte und sie mit 14 Jahren hierher kam, gab es zuerst «schwierige Momente»: das Elternhaus hinter sich zu lassen, Mutter und Vater nur noch an Wochenenden «um mich zu haben».

Rückblickend hat sich einiges verändert. Das Heimweh ist weg. Und sie wechselte von der Sekundar- in die Realschule. Die Doppelbelastung, das ständige Nachbüffeln, habe sie fast erdrückt. Der Wechsel, sagt sie, «hat mich entlastet. Jetzt läuft es auch wieder gut im Fussball.»

In ein paar Tagen sind die zwei Jahre Fussballausbildung vorbei. Auch Jeannine Stucki wird Huttwil verlassen. Sie zieht folgendes Fazit: «Ich habe extrem profitiert, nicht nur fussballerisch», (sie ist auf dem Sprung ins U-19-Kader), sondern «ganz persönlich. Ich bin selbstständiger und selbstbewusster geworden.»

Désirée Stäbler bleibt noch ein Jahr. Sie ist die Jüngste im Ausbildungszentrum, 14-jährig. Und fussballhungrig. «Ich bin total angefressen», sagt sie. Fussball sei cool, und die, die Fussball spielten, «sind eben coole Mädchen».

Tranquillo Barnetta ist ihr «Riesenvorbild». Er sei laufstark, gut am Ball, und er habe einen grossen Willen. «Diesen Willen schaue ich ihm ab», sagt Désirée Stäbler. Der Wille, dass ihm die Schule wichtig gewesen sei und auch die Lehre. «Er hat sie nicht abgebrochen und ist trotzdem ein grossartiger Ballkünstler geworden.» So will sie es auch machen. Sie ist ehrgeizig, geht in Huttwil in die «Spezial-Sek», in der sie auf die Gymi-Prüfung vorbereitet wird. Sie will einmal aufs Sport-Gymnasium.

Und sie träumt von einer Karriere als Fussballerin. Hetzt darum bei jedem Training über den Rasen. Streichelt den Ball, wuchtet ihn nach vorn. Manchmal ist sie gar etwas ungestüm. So, dass Trainer Taddei sie mahnt: «Tessi, mach die Augen besser auf!» Sie spielt Fussball eben nicht nur zum Plausch. In Huttwil stehen auch richtige Tore. [TA | 06.07.2006]




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