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Gesellschaft – 13. Februar 2012
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Kirchenkreise stören sich an Zeugnissen der menschlichen Evolution
Fundamentalistische Kirchen in Kenya möchten, dass das Nationalmuseum seine weltberühmte Fossiliensammlung in eine dunkle Ecke verbannt.

Von Christine D’Anna-Huber, Kapstadt

Der Erste, ein haariges Bündel, kauert zufrieden noch am Boden. Der Zweite hat sich, ein bisschen unsicher zwar, bereits auf die Hinterbeine gestellt. Noch etwas gerader steht der flachgesichtige Dritte, der seine Hand vertrauensvoll dem Vierten reicht. Der, aufrecht und gerade, sind wir Menschen. Zusammen symbolisieren die vier Gesellen die jahrmillionenlange Entwicklung vom Affen zum Menschen.

Vor dem Nationalmuseum in Nairobi stehen sie in Bronze gegossen, auf der Website des Museums treten sie als dessen Wahrzeichen auf. Kein anderes Museum auf der Welt besitzt wohl eine eindrücklichere Sammlung von Knochenfunden unserer Vorfahren als das National Museum of Kenya (NMK).

Wie zum Beispiel die 4 Millionen Jahre alten Überreste des Australopithecus anamensis, des ersten aufrecht gehenden Hominiden. Oder das am Ufer des Turkanasees im Norden Kenyas gefundene 1,5 Millionen Jahre alte Skelett des ersten Homo erectus. Viele dieser Fossilien hat die bekannte Forscher-Dynastie Leaky in Ostafrika ausgegraben: Louis und Mary Leaky, ihr Sohn Richard und dessen Ehefrau Meaves.

Doch im kommenden Juni, wenn das 75 jährige Museum in Nairobi nach – grösstenteils durch die EU finanzierten – Renovationsarbeiten wieder eröffnet wird, soll die Sammlung entweder verbannt oder zumindest weniger prominent ausgestellt werden. Das wenigstens verlangen fundamentalistische Christen, welchen die fossile Knochensammlung der ehrwürdigen Institution ein Dorn im Auge ist: Sie scheint Darwins Evolutionslehre allzu handfest (oder sollte man sagen: knochentrocken) zu belegen.

«Viele Christen fühlen sich in ihrem Glauben angegriffen, wenn Museen die Abstammung des Menschen vom Affen als Tatsache hinstellen», erklärte der kenyanische Bischof Bonifes Adoyo, Wortführer der Anti-Knochen-Fraktion. Er ängstigt sich auch, die Sammlung könnte die Jugend vom rechten Weg abbringen. «Wenn Kinder solche Museen besuchen, glauben sie am Ende, diese Affen seien unsere Vorfahren. Und das stimmt einfach nicht», erklärt der Bischof.

Keine wissenschaftliche Tatsache

Für Bonifes Adoyo, Oberhaupt der «Christ is the Answer Ministries», der grössten Pfingstkirche Kenyas, und Vorsitzender der evangelikalen Allianz, der nach eigenen Angaben in Kenya rund 9 Millionen Gläubige angehören, ist Darwins Lehre nur eine von verschiedenen Theorien. Keine wissenschaftlich belegte Tatsache.

Das NMK versucht nun, die Geister zu beschwichtigen: «Diese Fossilien haben Kenyas Anspruch darauf bestätigt, als Wiege der Menschheit zu gelten, und sind ein Besuchermagnet», schreibt es in einer Erklärung. Und gegenüber Agence France Presse erklärte Museumsleiter Farah Iddle, seine Institution versuche zwar, es allen recht zu machen und verschiedene Überzeugungen nebeneinander existieren zu lassen. Gleichzeitig habe das Museum aber auch die Pflicht, wissenschaftliche Funde ihrer Bedeutung entsprechend zu bewahren.

«Die Kirche macht sich lächerlich»

Vehementer äussert sich Richard Leaky, einer der führenden Paläoanthropologen unserer Zeit und Autor eines Standardwerkes zur menschlichen Evolution («Die ersten Spuren. Über den Ursprung des Menschen», 1999). Die Fossiliensammlung des NMK sei einer der wenigen unbestrittenen Ansprüche Kenyas auf Weltruhm, und es gelte, die führende Rolle des Landes in diesem Zweig der Wissenschaft mit Nachdruck zu verteidigen. «Die Kirche macht sich lächerlich», erklärte Leaky, bis Ende der 80er-Jahre Direktor des Nationalmuseums, danach Chef der Wildschutzbehörde und schliesslich engagierter Oppositionspolitiker, gegenüber der Presse, «sie sollte sich auf ihren Glauben konzentrieren und die Wissenschaft den Wissenschaftlern überlassen.» [TA | 13.09.2006]




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