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Gourmet – 26. Mai 2012
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Kulinarisches aus der Krimiküche
Bischof
 
Moderne Krimiautoren geben sich nicht mehr mit kniffligen Mordfällen zufrieden. Ihre Bücher sind eine Inspirationsquelle für jeden Hobbykoch.

Eva Rossmann: Spaghettini mit Feigen
Krimis schreiben lernen

Von Stephanie Riedi

Martina Hofer fühlt sich über den Tisch gezogen. Der Richter hat ihr beim Scheidungsprozess die alleinige Schuld zugesprochen. Als ihr Ex-Mann wenig später tödlich verunfallt, gerät Martina ins Visier der Polizei. Ein Fall für die Chefreporterin Mira Valensky. Die Hobbyschnüfflerin mit dem Durchsetzungsdrang eines Fleischwolfs holt sich ihren Kick am Herd. Zwischen Spaghettini mit Feigen und Makrelenfilets an Zwetschgen-Ingwer-Sauce entwirft Valensky einen Schlachtplan. Nachzulesen, pardon, nachzukochen bei Eva Rossmann. Ihr neuer Krimi «Verschieden» erscheint im September.

Als Feinschmeckerin gehört die Freizeitdetektivin Mira zu einer Generation von Fahndern, wie sie heute im Buche steht: Die Helden der zeitgenössischen Kriminalliteratur sind keine Kostverächter mehr, die stehend an schmuddeligen Frittenbuden Würstchen vertilgen. Nein, sie rühren mit rauchenden Köpfen in brodelnden Töpfen und analysieren beim Filettieren ihre Fälle. «Die Spannung zwischen Leben und Tod, Grundlage aller Kriminalromane, wird durch den lustvollen Genuss noch erhöht», sagt die österreichische Autorin Rossmann.

Gefrässigkeit eines Staubsaugers

Gourmetkrimis boomen. Schriftsteller wie Manuel Vazquez Montalban, Andrea Camilleri, Francisco José Viegas, Pierre Magnan und Jean-Claude Izzo in der Marseille-Trilogie haben mit verfressenen Detektiven den Mund ihrer Leser wässerig gemacht. Auch der Newcomer Roberto Mistretta porträtiert in seinem ersten ins Deutsch übersetzten Werk «Das falsche Spiel des Fischers» einen Kommissar mit der Gefrässigkeit eines Staubsaugers. Maresciallo Bonanno futtert selbst auf Diät Nudeln an Thunfischsauce, aromatisiert mit Cognac und frischem Basilikum. Bloss eine Leiche auf der Müllkippe im sizilianischen Villabosco kann den Dicken daran hindern, dass er das Dessert auch noch verputzt: Erdbeeren und Kiwi in einer stark gezuckerten Sauce aus Zitronensaft und Maraschino.

«Wo man schlecht isst, gibt es keine Kultur», konstatiert Commissario Soneri in Valerio Veresis neuem, literarischen Spannungsroman «Die Pension in der Via Saffi». Zwischen Culatello, Kutteln und Pferdetatar muss Soneri im nebelverhangenen Parma tief in die Vergangenheit eintauchen, um den Mord an einer alten Pensionsbesitzerin aufzuklären.

Krimi und Kulinarik gehören vor allem bei den Südländern in den gleichen Topf. Letztlich beruht auch «die so genannte Kunst des Kulinarischen auf einem vorangegangenen Mord unter Einsatz sämtlicher Tücken», wie Manuel Vasquez Montalban in einem Essay geschrieben hat. Montalbans unersättlicher Held, Pepe Carvalho, ermittelte in fast zwei Dutzend Fällen und hat am Herd wohl mehr für den Ruf der spanischen Küche getan als sämtliche «Viva España»-Kampagnen.

Das Erfolgsrezept blieb nicht unentdeckt. Selbst ein paar Amerikaner haben den Braten gerochen. Allen voran die in Venedig residierende Vielschreiberin Donna Leon, deren Commissario Brunetti im neuen Krimi «Blutige Steine» sozusagen als Trost für die zähe Ermittlung um einen ermordeten Schwarzen und für die bitteren Querelen mit Vorgesetzten einen Teller Papardelle con porcini und Schweinebraten an einer Oliven-Tomaten-Sauce aufgetischt bekommt.

Direkt aus den USA stammen die Mordsgeschichten von Patricia Cornwell. Die Serienprotagonistin Kay Scarpetta machte zunächst als forensische Pathologin Furore. Inzwischen liegen von Cornwell alias Scarpetta auch zwei Rezeptfibeln vor: «Zum Sterben gut» und «Kay Scarpetta bittet zu Tisch». Beide Werke haben kaum das Zeug, den Ruf der Amerikaner als Fastfoodjunkies zu retten. Mit Kays «Frühstücksnudeln gegen schlechte Laune» oder «gegrillte Festagspizza» bedient Scarpetta wohl eher Gourmands als Gourmets.

«Man guckt eben bloss noch, was sich vermarkten lässt», sagt Thomas Wörtche, Kolumnist und Herausgeber der UT-Metro-Krimireihe. Krimis und Kochbücher verkauften sich seit den Achtzigerjahren wie warme Semmeln, ergo werde heute beides miteinander verwurstet. Für Wörtche machen Schlemmerorgien nur dort einen Sinn, wo sie eine Funktion haben wie etwa in Ted Kotcheffs schwarzer Filmkomödie «Who Is Killing the Great Chefs of Europe?». Oder aber bei Autoren wie Leonardo Padura. «Hier dienen die geschilderten Fress- und Saufgelage dazu, den Mangel in Kuba zu offenbaren.»

Krimiautorin mit Kochlehrabschluss

Im Gegensatz zu Padura geben sich die Skandinavier geradezu asketisch. «Die bechern halt lieber», so Wörtche. Mit einer Ausnahme: Kommissar Erik Winter wurde vom schwedischen Autor Ake Edwardson mit sämtlichen Attributen eines Bonvivant ausstaffiert: Winter raucht Corps-Zigarillos, trägt handgefertigte Schuhe, trinkt gerne guten Whisky und Wein. Im neuen Krimi «Zimmer Nr. 10» (erscheint Ende August) darf sich der Kommissar nach einem trockenen Martini bei «Steinbutt, in Butter zart gebraten, dazu Meerrettich» sogar über die Unfähigkeit einheimischer Gastronomen auslassen: «In schwedischen Restaurants schmecken gekochte Kartoffeln meistens miserabel.»

So trendy die Schlemmerfahnder daherkommen, eine Erfindung der Neuzeit sind sie nicht. Agatha Christies Hercule Poirot erfreute sich bereits in den 20er-Jahren der gehobenen französisch-belgischen Küche. George Simenons Kommissar Maigret wurde zu Hause mit «Poulet bonne femme» oder «Boeuf rôti» verwöhnt. Anfang der 60er brachte Johannes Mario Simmel den ersten Gourmet-Geheimagenten ins Spiel: Thomas Lieven im Thriller «Es muss nicht immer Kaviar sein». Die tolldreisten Abenteuer des Leckermauls sind mit Rezepten garniert, wohl wissend, dass «die Deutschen zwar ein Wirtschaftswunder machen können, aber keinen Salat».

Grünzeug zubereiten kann sie. Und einiges mehr. «Wer einen Kochkrimi schreiben will, muss wissen, wie es tatsächlich in einer Profiküche zugeht», sagte sich Eva Rossmann. Die Autorin der Mira-Valensky-Krimis holte 2004 den Kochlehrabschluss nach und arbeitet heute von Donnerstag bis Sonntag meistens bei Manfred Buchinger im Gasthaus Zur Alten Schule im österreichischen Riedenthal bei Wolkersdorf. «Eines haben Mira Valensky und ich gemeinsam: Wir kochen und essen gerne. Und wir lieben die Weine aus dem Weinviertel oberhalb Wiens.»

  • Neue Kulinarikkrimis: Eva Rossmann, Verschieden, Folio, 34.30 Fr.
  • Roberto Mistretta, Das falsche Spiel des Fischers, Edition Lübbe, 29.90 Fr.
  • Valerio Varesi, Die Pension in der Via Saffi, Kindler, 34.90 Fr.
  • Donna Leon, Blutige Steine, Diogenes, 34.90 Fr.
  • Ake Edwardson, Zimmer Nr. 10, Claassen, 35.00 Fr.
[TA | 12.08.2006]

Eva Rossmann: Spaghettini mit Feigen
Für 2 Personen:

150 g Spaghettini
6 frische Feigen
2 frische Peperoncini
4 Knoblauchzehen
80 ml Olivenöl
Salz, Petersilie

Viel Salzwasser zum Kochen bringen. Olivenöl in einer Pfanne erhitzen, Peperoncini im Ganzen dazu geben. 4 Feigen in Würfel schneiden und in die Ölmischung geben. Zwei Minuten rösten lassen. Dann vier Knoblauchzehen dazudrücken, salzen, kurz umrühren, die Sauce vom Feuer nehmen, damit der Knoblauch nicht braun und bitter wird. Nudeln al dente kochen und mit der Feigen-Peperoncini-Sauce vermischen.
Zur Garnitur: 2 Feigen, frisch gehackte Petersilie.

Krimis schreiben lernen
Wollen Sie selber einen Krimi schreiben, doch die Idee will nicht so recht aufs Papier? An einem Krimiseminar im Piemont geben zwei Profis ihr Wissen weiter – eine Krimilektorin und ein Kriminalschriftsteller. Der siebentägige Workshop behandelt Themen wie Plot und Szenenaufbau, das Kreieren von Figuren und die Bedeutung von Details.
27. Oktober bis 3. November, 1200 Euro inkl. Übernachtung im DZ, Frühstück, Seminargebühren. Auskunft Tel. 0049 211 938 84 50, www.kultur-wellness.de.



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