Von Roland Grüter
Obwohl Shanghai lange auf der Landkarte des Glamours verschwunden war, der Mythos der einstigen Stilmetropole lebt weiter. Will man der Legende glauben, tanzten dort in den Dreissigerjahren nonstop Japaner, Russen und der westliche Intellekt durch die Nächte – und begründeten in Champagnerlaune den Ruf des «Paris des Ostens». In dieser Dekade lockte in keiner anderen Stadt Eleganz und Extravertiertheit derart hemmungslos, was bis heute nachwirkt. Immer wieder wird dieses ausgelassene Lebensgefühl verfilmt, verdichtet oder besungen – oft genug sind die Rückschauen überzeichnet.
Lifestyle aus dem Osten
Auch das einzige chinesische Luxuslabel, das für teures Geld Mode und(Wohn-)Accessoires anbietet, bezieht sich auf die verblasste Extravaganz der Drachenkopf-Metropole: Shanghai Tang. Die Marke wurde 1994 in Hongkong vom Geschäftsmann David Tang Wing-Cheung gegründet. Mittlerweile ist die Schweizer Richemont-Gruppe Hauptaktionärin der aufstrebenden Marke, zu deren Portfeuille gehören unter anderem die Labels Cartier, Montblanc, Chloé oder Lancel.
Das Geschäft der chinesischen Luxusmarke floriert, im vergangenen Jahr verzeichnete das Unternehmen einen Umsatzzuwachs von 45 Prozent: Im Heimmarkt und in asiatischen Märkten hat es sich längst neben europäischen Toplabels etabliert – jenseits der Billigmode, für die China sonst bekannt und berüchtigt ist. Durch den 4000 Quadratmeter grossen Flagstore in Hongkong etwa schlendern jährlich eine Million Modemenschen: auf der Suche nach Luxus, der anders ist als jener aus dem Westen. «Unser Style nimmt Bezug auf die alte chinesische Tradition», sagt CEO Raphaël le Masne de Chermont, der sich als Vermittler einer modern-chinesischen Stilsprache sieht: «Damit sind wir einzigartig.»
Erfolgreich verwebt das Unternehmen Stilelemente aus dem Osten und Westen, überträgt Schnurstickereien auf taillierte Jeansjacken, fasst die Eleganz der aktuellen Damenmode mit teurer chinesischer Seide. Es staffiert den Herrensmoking nach dem Vorbild der Mao-Uniform mit Stehkragen und Knopfverschluss aus oder lässt die Farben des Ostens – gedämpftes Orange, Purpur oder leuchtendes Fuchsia – als Futteral aufleuchten.
Der Franzose Le Masne de Chermont, seine geschliffene Umgangsformen und das lockige Haar erinnern an die Bonvivants des alten Shanghai, hat das Label zur internationalen Modemarke auf- und ausgebaut. Unter seiner Hand werden im Osten jährlich fünf Boutiquen eröffnet, nun will er Shanghai Tang auch im Westen auf Erfolgskurs bringen. Der China-Chic ist bereits in New York, London und Paris zu kaufen. Vor wenigen Wochen hat das Management aus Hongkong seinen Schritt nun nach Zürich gelenkt – und im Parterre des neu renovierten Globus den ersten Schweizer Verkaufspunkt eingerichtet.
Die Kreationen hängen noch etwas verwaist in den Schaufenstern. Für die Herbst- und Winterkollektion musste die verbotene Stadt in Peking als Inspirationsquelle herhalten: über die Seidentaschen gestickte, bunte Schmetterlinge und Blumenranken. Um den Ärmel der Jeansjacke windet sich ein schuppiger Drachen, das Inbild von Klugheit und ein Glück verheissendes Omen. Schwarzer Samt, dunkle Seide und andere Edelmaterialien wurden aus der Palast-Stadt des Regenten übernommen.
Natürlich wird das Kulturgut nach westlicher Fasson verarbeitet. Denn der Luxus aus dem Osten soll schliesslich dem Zeitgeist folgen. 15 freischaffende Designer zeichnen für die verschiedenen Shanghai-Tang-Kollektionen verantwortlich. Aus Kooperationen mit Unternehmen – von Swarovski, Puma bis Van Cleef & Arpels – werden zusätzliche Ideen generiert. Offenbar erfolgreich: Immerhin wird das Label regelmässig von namhaften Designern aus dem Westen kopiert. «Wir machen keine Souvenier-Mode, sondern High-Fashion», betont Rapaël le Masne de Chermont.
Europäer kopieren das Mischmasch
Will man Analysten glauben, wird China für die Produzenten von Luxusgütern dereinst zum Paradies. Branchenkenner glauben an Wachstumsraten von jährlich bis zu 70 Prozent, das lässt Gucci und andere Verfechter des schönen Scheins geschlossen gen Osten wandern. Shanghai Tang schreitet in die Gegenrichtung. «Noch sind wir das einzige chinesische Top-Mode-Label», sagt der Chef, «das dürfte sich schnell ändern: China lernt schnell.»
An die üppigen, mitunter überdekorierten Kreationen müssen sich westliche Modernistinnen erst gewöhnen, das ist Shanghai Tang bewusst. Im Zürcher Shop hat das Management Home- und den anderen Accessoires denn auch reichlich Platz bemessen: An Essstäbchen, lotus-förmigen Kerzen und seidenumschlungenen Tagebücher haben sich unsere Augen schliesslich längst gewöhnt. Dennoch: Shanghai Tang wird hier zu Lande bestimmt Liebhaber finden. Schliesslich ist das Mischen unterschiedlicher Stilwelten gerade sehr gefragt. Ein Stück China unter dem Arm, etwa als Abendhandtasche, hat damit durchaus Trend-Appeal. So oder so.