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Stil & Mode – 17. Mai 2012
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Diesen Sommer gilt: Manche mögens weiss

Total Look à la Tom Wolfe – schwarze Strümpfe zu blütenweissem Kleid.
 
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Eine Javelwasser-Welle hat sich über die Mode ergossen. Aufruf zu einem unbefleckten Sommer.

Von Sonja Hugentobler-Zurflüh

Wie jede Saison haben sich Trendbüros und Stoffproduzenten bemüht, der Industrie neue und verführerische Farbgruppen schmackhaft zu machen. Und was sieht man in Schaufenstern und auf der Strasse? Eine Farbe: Weiss. Offensichtlich wollten die Designer ein positives Zeichen setzen mit der Farbe der Reinheit und des positiven Denkens. Mit einer Farbe, die gar keine Farbe ist, denn Weiss gilt im Farbenspektrum als Nullpunkt, als Nichtfarbe, die sich der Farbigkeit entzieht, indem sie alles Licht reflektiert.

Keine andere Farbe ist mit so viel Symbolik und geflügelten Worten belegt wie Weiss. Anders als Schwarz vereint Weiss ausschliesslich positive Eigenschaften auf sich: die Friedenstaube ist weiss, Tugendhaftigkeit hat eine weisse Weste, wer von euphorischen Jenseitserfahrungen spricht, spricht von weissem Licht, und wer sich je mit Voodoo einlässt, wage es doch lieber mit weisser als mit schwarzer Magie, denn auch bei Tschaikowsky symbolisiert der schwarze Schwan Unheil und der weisse das Glück. Für Kreative ist Weiss mehr als nur eine Farbe – es hat ein unbegrenztes Potenzial, weil es so viele Schattierungen zulässt. Schnee, Nebel, Wolken oder Milch sind für uns weiss, und doch hat jedes dieser Elemente eine andere Farbnuance, untrennbar verbunden mit der Beschaffenheit des Materials.

Kontraste für weisse Outfits

Diese materialspezifische Wandlungsfähigkeit hat die Designer dazu inspiriert, vor allem in der Damenmode mehrere weisse Materialien nebeneinander zu verarbeiten. Es wurde mit Überlagerungen gearbeitet, mit Plissees und Drapierungen, wo die Dichte der Materialien den Ton intensiviert und verändert. Die Styles reichen von City oder Safari in Baumwoll- und Leinenpopelines über luftige Kreationen mit ländlichem oder romantischem Charme aus Chiffon, Organdi und Lochstickerei bis zu opulent prachtvollen Teilen, ganz besonders schön in Szene gesetzt mit Jacquard und Barockdetails von Nicolas Ghesquières für Balenciaga. Balenciagas und Riccis bombierte und tulpenförmige Kleidersilhouetten weisen schon auf die künftigen neuen Proportionen und Formen hin, die im kommenden Winter tonangebend sein werden.

Die Farbe der Unschuld trägt auch dazu bei, Sexyness neu zu definieren. Eleganz und kokette Prüderie verweisen ostentativen Sexappeal in die modische Vergangenheit. Die neue Mode spielt mit Anziehen, nicht mit Ausziehen. Unter Hüfthosen hervorblitzende Tanga-Strings und ins Zentrum gerückte bunte BHs werden allenfalls noch 12-Jährigen verziehen, die der Welt ihre sexuelle Unverkrampftheit entgegenstrecken wollen. Erwachsene Frauen hingegen tragen zu weissen Kleidern hautfarbene Dessous.

Auch die Dualität zwischen Weiss und Schwarz wird ausgelotet, jedoch nicht in der gewohnt grafischen Weiss-Schwarz-Sachlichkeit, sondern mit unerwarteten Einzelteilen, die weisse Outfits auch stilistisch kontrastieren: zum Beispiel derbe, schwarze Strümpfe zu romantischen Sommerröcken, schwere Plateauschuhe zu filigranen Chiffonkleidern oder breite, schwarze Elastikträger zu feinen, weissen Seidenhängerchen.

In der Männermode ist Schwarz als Bestandteil des «Broken Suit» ein Thema, bei dem entweder weisser Blazer zu schwarzer Hose oder weisse Hose zu schwarzem Veston kombiniert werden. Der topmodische Mann jedoch bekennt sich zum Total Look und stylt sich als Dandy à la Tom Wolfe, ganz in Weiss und in Leinenoptik. Das ultimative modische Schuhwerk dazu sind die weissen, vom Modell «Zizi» inspirierten Männerschuhe der Marke Repetto. Der fussfreundliche Repetto mit weicher Sohle hat Geschichte geschrieben: Rose Repetto, die Mutter des grossen Choreografen Roland Petit, hat ihn 1958 für die Revuetänzerin Zizi Jeanmaire erfunden. Seither sind Repettos Standard in der Tanzszene. An Serge Gainsbourgs Füssen und auf der Promenade der Côte d’Azur wurden «Zizis» 1968 zum Symbol nonchalanter Eleganz schlechthin. Diese neuen Schuhe im Repetto-Stil gibt es jetzt u.a. bei Dior, Issey Miyake und Yohji Yamamoto, natürlich in Weiss. Wer es entspannt mag im sportlichen «Miami Vice»-Look, trägt die Repettos frei nach Don Johnson ohne Socken. Weisse T-Shirts dazu und weisse Jacketts, deren Ärmel Mann aufkrempeln kann, sind überall im Angebot.

Der Sommer ist kurz, und im Wissen darum, sollten wir zuversichtlich die weisse Pracht geniessen. Zuversicht und den Glauben an den Sieg der Sonne über den Regen braucht es allerdings, um sich in unserer Klimazone zu weisser Bekleidung zu bekennen. Damit ist der einzige «Tolggen» im Reinheft der beinahe makellosen Farbe aufgedeckt. Da Frauen eher bereit sind als Männer, Widrigkeiten im Namen der Ästhetik auf sich zu nehmen, werden wohl Tom-Wolfe-Erscheinungen im sommerlichen Stadtbild seltener anzutreffen sein als Frauen in blütenweissen Chiffonkleidern, vom Winde verweht. [TA | 06.05.2006]




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