Von Walter Jäggi
Die Küche stand einst im Zentrum des Familienlebens. Dann veränderte sich ihre Bedeutung. Jetzt ist sie wieder die Zentrale – aber ist es überhaupt noch eine Küche?
Was man alles in der Küche so macht, hat einmal der deutsche Soziologe Alphons Silbermann zusammengefasst: 97 Prozent der Befragten bereiten Mahlzeiten zu, 83 Prozent reden, 79 Prozent essen, 75 Prozent hören Radio, 67 Prozent lesen, 59 Prozent reparieren, 52 Prozent erledigen Schreibarbeiten, 51 Prozent flicken und bügeln. Ausserdem werden Hobbys gepflegt, Schuhe geputzt, Schulaufgaben gemacht, wird gespielt, telefoniert – und wahrscheinlich haben die Soziologen noch ein paar Dinge übersehen.
Die Küche ist der multifunktionalste Raum der ganzen Wohnung. Architekten und Küchenbauer fördern dies heute, indem beispielsweise die Raumeinteilung und die Möblierung einen nahtlosen Übergang erlauben von den Arbeitsbereichen am Herd oder am Spülbecken zur Sitzgruppe mit Stereoanlage, Laptop und Zeitungstisch.
Die Küche als Büro
Je mehr nomadisch, also auch einmal daheim, gearbeitet werde, desto mehr werde die Küche künftig wohl auch noch zum Büro. Was die Küche von morgen dann von der belebten Küche im Arbeiterhäuschen des 19. Jahrhunderts unterscheide, sei, dass statt des Holzherdes der Mikrowellenofen im Zentrum stehe, meint Gert Kähler.
Der Architekt und Publizist ist einer der Ko-Autoren des Buches «Die Küche», das vom ETH Wohnforum herausgegeben worden ist, einer interdisziplinären Forschungsgruppe am Departement Architektur. Klaus Spechtenhauser, Kunsthistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Wohnforums, begründet damit die Edition Wohnen, die künftig das Phänomen beleuchten soll. Mit ansprechenden Publikationen, die weder wissenschaftlich trocken, noch lifestylemässig süffig sind. Der erste Band erfüllt diese Ansprüche, er hat Fachleuten und Laien etwas zu sagen und ist spannend illustriert.
Der Umweg über das Labor
Die Küche hat in den letzten Jahrzehnten viele Wandlungen durchgemacht. Sie wurde zeitweise bis aufs Minimum von 4 m2 verkleinert oder gar zu einer Laborkapsel – mit der Idee, dass die Hausfrau alles vom gleichen Standort aus erreichen müsste. Die Küche wurde aber auch vergrössert, weil sie neue Geräte aufnehmen sollte. Und den Tisch, der zuvor im Esszimmer stand, das aus dem Bauprogramm gestrichen wurde.
Laufend mit der Mode gegangen ist das Design: Landhausstil, Profi-Chromstahl-Look, bunte Fronten, weisse Fronten – die Breite des Angebots ist ständig gewachsen. Die Einbauküche war und ist natürlich in der Schweiz ein grosses Thema. Grossraumküchen, in denen auch ein amerikanischer Doppeltürkühlschrank und ein frei stehender Herd mit schwebenden Dunstabzug Platz haben, sind ja nicht der Normalfall.
Die Vielfalt der Küchen hat ihren Grund darin, dass nicht jede Familie ihr die gleiche Rolle zuspricht. Da gibt es die gemütliche, nie aufgeräumte Küche mit Katzentreppe, die stilistisch durchdacht gestaltete Repräsentationsküche in Glas/Chrom oder Exotenholz (wo auch höherer Besuch empfangen werden kann), die Küche des Gourmets, die sein Hobbyraum ist, die Küche des Technikfreaks, die aussieht wie ein Schaufenster bei Dipl. Ing. Fust. Schmackhaftes Essen lässt sich überall kochen – so man die Küche dafür überhaupt benützen will.
Klaus Spechtenhauser (Hrsg.): Die Küche. Birkhäuser, Basel, 2006. 160 S., 44 Fr.