Von Barbara Vonarburg, St. Louis
Die Früchte des Neesia-Baums im indonesischen Urwald enthalten zwar fettreiche Samen, doch sie sind durch scharfe Haare geschützt, die zu sehr schmerzhaften Verletzungen führen, wenn man sie berührt. Kein Problem für den Orang-Utan, den Carel van Schaik auf Sumatra beobachtete. «Mit einem Holzstöckchen im Mund brach der Affe die Samen aus der Frucht», erzählt der Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich.
Weitere Mitglieder der Orang-Utan-Gruppe benutzten ebenfalls ein Stöckchen als Werkzeug, um an die schmackhafte Nahrung zu gelangen. Doch nicht so Orang-Utans, die Forscher an anderen Stellen auf Sumatra oder Borneo beobachteten. Hier liessen die Affen die Früchte einfach an den Bäumen hängen.
Dafür haben die Wissenschaftler nur eine Erklärung: Einer der Affen hat die Technik erfunden, die anderen haben sie von ihm gelernt und an die Nachkommen weitergegeben. Das könne man als Kultur bezeichnen, sagt Van Schaik, nämlich «eine Innovation, die sozial tradiert wird, ohne eine genetische Ursache zu haben». Über die Kultur bei Menschenaffen diskutierten Van Schaik und Kollegen aus Grossbritannien und den USA kürzlich am Jahrestreffen der Amerikanischen Vereinigung für Wissenschaftsförderung (AAAS) in St. Louis, Missouri.
«Schimpansen und Orang-Utans zeigen viele verschiedene Traditionen», sagt Andrew Whiten von der britischen University of St. Andrews: «Eine Entdeckung, die man sich noch vor fünfzig Jahren kaum vorstellen konnte.» Einige der erlernten Verhaltensweisen scheinen nur an einem bestimmten Ort vorzukommen, wie die Stampftechnik, die Whiten bei Schimpansen in Bossou in Guinea beobachtet hat: Ein Schimpanse klettert auf eine Palme. Aufrecht stehend, reisst er einen der grossen Palmwedel ab und stösst diesen wiederholt in die Baumkrone, bis ein nahrhafter Brei entsteht, den er herausschöpfen und essen kann.
Nussknacken mit Holzhammer
Andere Traditionen erstrecken sich über ein weites Gebiet, wie zum Beispiel das Nussknacken mit einem Hammer aus Holz oder Stein. Es kann bei Schimpansen in ganz Westafrika beobachtet werden, nicht aber in östlichen Regionen, obwohl das nötige Material vorhanden wäre.
Bei Schimpansen in freier Wildbahn kennt man inzwischen über 40 Verhaltensmuster, die erlernt und nicht vererbt sind. Bei Orang-Utans sind es zwei Dutzend. Doch erst im letzten November berichteten Forscher erstmals über den Gebrauch von Werkzeugen bei frei lebenden Gorillas. Ein Gorillaweibchen im nördlichen Kongo prüfte mit einem Ast die Tiefe eines Wassertümpels, ein anderes benutzte einen Baumstrunk als selbst gemachte Brücke über einen Sumpf.
Weil es nur wenige Daten über Gorillas in freier Wildbahn gibt, machte Tara Stoinski vom Zoo Atlanta eine Umfrage bei US-Zoos, die diese Menschenaffen in Gefangenschaft halten. Das Ergebnis von 25 Affengruppen mit insgesamt 370 Tieren: Je nach Gruppe brauchen die Gorillas verschiedene Signale zur Kommunikation untereinander, sie benutzen Werkzeuge unterschiedlich, oder sie machen es sich auf andere Art bequem. Stoinski zählte insgesamt 48 Variationen im kulturellen Verhalten. «Sogar im gleichen Zoo gibt es Unterschiede bei verschiedenen Gruppen», sagt die Forscherin. In Atlanta beispielsweise benutzt eine Gorillagruppe Stöckchen, um den elektrischen Schutzzaun rund um schmackhafte Bäume wegzuschieben. Eine andere Gruppe im gleichen Zoo kennt diese Technik nicht.
Warum gibt es so grosse Unterschiede zwischen Affengruppen? Auf diese Frage hat Carel van Schaik im Urwald von Sumatra eine Antwort gefunden: «An Orten, an denen die einzelnen Individuen mehr Zeit miteinander verbringen, beobachten wir ein grösseres Repertoire an Innovationen.» So haben bei den Orang-Utans, die sich mit Hilfe eines Stöckchens an der Neesia-Frucht gütlich tun, nicht nur die Jungen engen Kontakt zu ihrer Mutter, auch die ausgewachsenen Affen verbringen während der Futtersuche viel Zeit miteinander.
Fähigkeiten eines Kleinkindes
«Diese Techniken sehen sehr intelligent aus», sagt Van Schaik. Das soziale Erlernen spezieller Fertigkeiten fördere also die Intelligenz. Oder einfacher gesagt: «Kultur macht schlau.» Doch damit nicht genug. Die Kultur begünstige mit der Zeit auch die Entwicklung immer grösserer Intelligenz in einer Population, sagt Van Schaik.
Damit lässt sich auch erklären, warum manche Menschenaffen Fähigkeiten haben können, die denjenigen eines zwei- bis dreijährigen Kindes entsprechen. Van Schaik erzählt vom Bonobo-Affen Kanzi, dem Forscher an der Georgia State University beigebracht haben, unsere Sprache zu verstehen. Wenn man Kanzi etwa sage, er solle die auf dem Tisch liegenden Kiefernnadeln in den Kühlschrank legen, mache er dies. «Bei einem Affen, der wie ein Mensch aufgewachsen ist, kann das soziale Lernen der Motor sein, der ihn auf eine viel höhere intellektuelle Ebene bringt als seine wilden Verwandten.»
Auch im Zoo geborene Orang-Utans betrachten ihre Betreuer als Vorbilder und eignen sich dadurch spezielle Fähigkeiten an. «Sie sind bekannt dafür, dass sie leicht aus ihren Käfigen ausbrechen können», sagt Van Schaik. In freier Wildbahn habe man hingegen nur an wenigen Orten Orang-Utans beobachtet, die Werkzeuge einsetzen.
Evolution braucht kein Wunder
Mit seiner Theorie, dass Kultur schlau macht, glaubt der Anthropologe eine Erklärung für die menschliche Evolution gefunden zu haben. «Dazu braucht man keine Wunder mehr.» Die Wurzeln dafür gehen bis auf den gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Mensch zurück, der vor 14 Millionen Jahren lebte. Schon damals muss es auf Grund der neuen Erkenntnisse kulturelle Verhaltensweisen gegeben haben. Und damit nahm die Entwicklung der Intelligenz ihren Anfang.
Vor zwei Millionen Jahren begann sich die Evolution bei unseren menschlichen Vorfahren zu beschleunigen, vielleicht weil sie damals in die Savanne zogen, vermutet Van Schaik. Um grosse Säugetiere zu schlachten, mussten die frühen Menschen zusammenarbeiten und Werkzeuge und Strategien erfinden. Diese Ansprüche bewirkten noch mehr Innovationen, und die Entwicklung der Intelligenz nahm weiter rasant zu, erklärt der Anthropologe.