Fahrverbot wegen Russ undenkbar
22. Dezember 2006, 23:10Deutschland will russende Autos bei Feinstaubalarm aus Städten verbannen. In Zürich wäre das laut Lufthygieniker Hansjörg Sommer unmöglich und könnte auch nicht kontrolliert werden.
Zürich. - In deutschen Städten sind bei hoher Feinstaubbelastung so genannte Umweltzonen mit Fahrverboten für Altfahrzeuge geplant. In Stuttgart wären rund 54 000 Personenwagen mit Otto- und Dieselmotoren sowie Nutzfahrzeuge betroffen. Bundesweit wären es laut Schätzungen gut 8 Millionen Fahrzeuge.
Wie gehts der Zürcher Winterluft?Im Moment geht es der Luft sehr gut, weil ständig eine leichte Bise weht. Nicht stark, aber so, dass immer frische Luft in die Stadt hereinkommt. Wir haben beim Feinstaub Messwerte, die tiefer sind als je vorher in diesem Jahr.
Letztes Jahr gabs temporäre Massnahmen wie Tempo 80 auf Autobahnabschnitten. Jetzt wird in Deutschland eine harte Massnahme geplant, mit Fahrverboten für Dreckschleudern. Was halten Sie davon?Wir haben noch nie derart restriktive, ja fast repressive Massnahmen erwogen.
Sie kennen das Modell, und Sie haben in Stuttgart mit Fachleuten diskutiert. Was ist positiv an dieser Idee?Alle Autofahrenden realisieren, dass sie mit jeder Fahrt in die Stadt die Luft belasten. Und sie werden sich bewusst, dass es Lösungen gibt, um das zu verhindern, indem sie zum Beispiel mit modernen Fahrzeugen fahren oder beim nächsten Autokauf entsprechende Partikelfilter verlangen, auch wenn sie nicht vorgeschrieben sind. Private können von sich aus präventiv ein Fahrverbot umgehen. Sie müssen nicht warten, bis der Staat etwas vorschreibt.
Was bringen Fahrverbote in Stadtzentren?Es bringt in der ausgewählten Zone eine Verbesserung, und es fahren dort einige Autos weniger. Allerdings sind es kleine Effekte, dies zeigt eine Studie zum Stuttgarter Modell. Die Schadstoffe würden bis 2012 um 10 Prozent reduziert. Nur wenn man strikt den Dieselruss betrachtet, ist die Reduktion etwas höher, weil weniger Lastwagen in die Zonen fahren würden. Die Stuttgarter sagen, sie wollten die Autofahrer nicht verrückt machen, sondern sie dazu bringen, moderne Fahrzeuge mit Partikelfiltern zu kaufen. Dann könnten sie mit gutem Gewissen weiter in die Stadtzentren fahren.
Sie haben das Stuttgarter Modell mit der Stadtpolizei Zürich und der Kantonspolizei diskutiert. Das Fazit: in der Stadt Zürich nicht machbar. Weshalb nicht?Einem Auto sieht man nicht an, welche Abgasqualität es hat. Es gibt bei uns keine Aufkleber mit Schadstoffkennzeichnung. Man müsste die Fahrzeugausweise konsultieren. Wenn ein Auto parkiert ist, geht das nicht. Und man müsste sehr genau festlegen, wo schadstoffreiche Fahrzeuge ausgeschlossen werden. Darüber hinaus gibt es rechtliche Bedenken. Wenn ein Fahrzeug zugelassen ist, dann darf es gefahren werden.
Etiketten mit einer Schadstoffklassierung: Wieso gibts so was nicht auch in der Schweiz?Das ist schlicht noch kein Thema bei uns. Natürlich wäre dies machbar. Eine Abgasetikette mit Schadstoffangaben oder eine Autobahnvignette mit entsprechendem Vermerk wären machbar. Aber dies müsste der Bund veranlassen.
Der Kanton kann nicht Pionier spielen?Nein. Wenn es um Normen und Anforderungen an Fahrzeuge geht, kann der Kanton von sich aus nichts machen.
Gibt es Berechnungen für Zürich, wie viele Fahrzeuge betroffen wären, wenn es Umweltzonen gäbe, wie in Stuttgart geplant?Wenn in Zürich nur die schlechteste Schadstoffklasse verbannt wird, dann sind das nur 1,5 Prozent aller Fahrzeuge. Das wäre nicht nur unverhältnismässig, es würde auch fast nichts bewirken. Wenn man eine Verbesserung will, müsste man fast alle Fahrzeuge verbannen, ausser die neusten Modelle (Euro 3, 4 und 5). Dann wären mehr als ein Drittel aller Fahrzeuge aus einer Zone verbannt. Die Betroffenen könnten dann aber aus Kapazitätsgründen nicht auf den öffentlichen Verkehr umsteigen. Sie könnten schlicht nicht mehr in die Stadt fahren, ausser mit dem Velo.
Was würden Sie unternehmen, wenn Sie bestimmen könnten?Der beste Weg wäre, wenn man die Russfilterpflicht vorschreiben könnte. Ab 2008 gilt die ohnehin. Tatsache ist, dass heute schon zwei Drittel aller angebotenen Diesel-Personenwagen Partikelfilter haben. Wenn pro Tag 30 bis 50 neue Autos verkauft werden, die alle Partikelfilter haben, dann erreichen wir viel rascher Russreduktionen. Dieses Ziel wäre auch besser zu erreichen, wenn die Importsteuern und die Strassenverkehrsabgabe für Autos mit Partikelfilter günstiger wären als für Autos ohne Filter. Und bei Lastwagen könnte die LSVA nach dem Emissionsverhalten aufgesplittet werden. Das hatten wir schon mal, und es funktionierte. Der Weg über das Portemonnaie führt meist schneller zum Ziel als derjenige über ein Gesetz.
Können Sie ein Beispiel nennen?Bei den Baumaschinen ist vier bis fünf Jahre lang auf Bundesebene verhandelt worden, bis 2002 eine Richtlinie erlassen wurde für Filter auf Baumaschinen. Dann gabs ein Hin und Her. Und in den letzten zwei Jahren, bevor klar wurde, welche Vorschriften und Regeln gelten sollen, hat die Branche von sich aus grosse Maschinen umgerüstet. Die Vorlaufzeit war lange, obwohl die technischen Lösungen da waren, nämlich vom Tunnelbau her. Dort gabs rigorose Vorschriften: entweder Filter oder Baustopp.
Wir verursachen den Feinstaub und leiden gleichzeitig darunter, aber wir sehen ihn nicht. Gehts deshalb mit dem Kampf gegen den Russ so schleppend voran?Natürlich sieht man den Feinstaub nicht. Und der Schaden ist eher schleichend als akut. Der Dauerzustand ist das Risiko. Wir müssen die Luft weiter von Schadstoffen entlasten. Es gibt viele Studien, die belegen, dass mit dem Feinstaub Atemweg- und Lungenerkrankungen an Intensität zunehmen. Wir leisten uns mit den Krankheitstagen viel höhere Kosten, als wenn wir das gleiche Geld in Filter investieren würden.
Wie erreichen wir das Ziel rascher, den Feinstaub um die Hälfte zu reduzieren, um die Grenzwerte einzuhalten?Wenn man Fristen setzt für die Filterpflicht, auch für die kleinen Holzfeuerungen. Wenn die Vorschriften kommen, reagiert die Wirtschaft jeweils sehr rasch. Das Knowhow ist vorhanden.
Und was kann der Einzelne tun?Das Auto stehen lassen und zu Fuss in die Stadt gehen. Kein Grünzeug im Garten oder Wald verbrennen. Kein Feuerwerk abbrennen und das Kotelett mal nicht im Cheminée, sondern auf dem Kochherd braten.
Was wünschen Sie sich als Lufthygieniker für das nächste Jahr?Standards für Holzheizungen, ein Filterobligatorium für Personenwagen und auch für Lastwagen. Damit können wir den gefährlichen Dieselruss weiter bekämpfen.
* Hansjörg Sommer (57) ist Chemiker ETH. Er leitet seit 15 Jahren die Abteilung Luft-hygiene des kantonalen Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft bei der Baudirektion. Sommer hat sich eingehend mit dem Stuttgarter Modell beschäftigt.BILD DOMINIQUE MEIENBERG

















